Reizüberflutung und schräger Humor

Karlsruhe (of) – Jazzer und Entertainer Helge Schneider bedient im Tollhaus alle Klischees.

Der Rumtata-Präsident der schrägen Töne malträtiert die rote E-Gitarre: Helge Schneider beim Zeltival. Foto: Hans-Joachim Of

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Der Rumtata-Präsident der schrägen Töne malträtiert die rote E-Gitarre: Helge Schneider beim Zeltival. Foto: Hans-Joachim Of

Strandkorbkonzerte mag er nicht. Das weiß man spätestens, seit er vor Wochenfrist ein solches in Augsburg mit den Worten „Das geht mir ziemlich auf den Sack“ abbrach. Gut, dass Helge Schneider am Montag im Karlsruher Kulturzentrum Tollhaus im großen Saal auftreten konnte und die Gastronomie außen vor blieb.

Im Schwabenland hatte sich der Künstler durch die ständig vor der Bühne vorbeilaufenden Bedienungen massiv gestört gefühlt. Ein Konzert, so wie er es spiele, sei dadurch nicht möglich. „Ich spule nicht einfach nur ab, sondern erfinde während eines Konzerts auch Sachen“, hatte der fast 66-jährige Jazzer, Entertainer und Multiinstrumentalist aus Mühlheim an der Ruhr betont.

Aktuelles Motto „Let’s Lach“

In der Fächerstadt hielt er dieses Versprechen und die im Vorfeld getätigte Aussage: „Lassen Sie sich runterziehen mit sonstigem Zeugs, inklusive Jazzmusik von echt wirkenden Figuren. Dazu erlogene und erstunkene Geschichten ohne Hand und Fuß“. Schließlich heißt sein aktuelles Motto „Let’s Lach“ und der Name ist Programm. Dass Helge Schneider, dieser Rumtata-Präsident der schrägen Töne, polarisiert, ist nicht neu. Für die einen ist der Mann mit dem „Katze-klo“-Hit ein Musikgenie und Lachsack, für die anderen ein krummbeiniges Monster am nicht ganz gestimmten Klavier, der Klamauk und Parodien mit Jazzmusik verbindet. Ein Scherzkeks, der die Menschen mit seiner Kunst auf den Arm nimmt. Helge Schneider bediente beim bestuhlten, mit rund 350 Besuchern ausverkauften Auftritt alle Klischees.

Die „singende Herrentorte“ zog mit Gitarrist Sandro Gianpetro und seinem zehnjährigen Sohnemann an den Drums, den er als „Charlie the Flash“ vorstellte, eine witzige Show ab, die dem begeistert applaudierenden Publikum bestens schmeckte. Nicht zu vergessen, der Tee servierende Butler Bodo, der bei „Katzeklo“ zusammen mit der feixenden Gästeschar sogar singen durfte, während der Meister zum Dirigentenstab griff und zwischendurch noch seiner Trompete die seltsamsten Töne entlockte. Ein Highlight!

Klar ist, dass die Improvisation ein entscheidendes Element seiner Kunst darstellt. Eingangs hatte er Karlsruhe als „die schönste Stadt im Umkreis von, äh, 300 Metern“ angepriesen und die rote E-Gitarre malträtiert. „Heut‘ hab ich gute Laune“ singt der Mann später am Klavier „das so alt ist, wie meine Oma“. Beim Song „Mama“ wechselt er zur Hammond-Orgel und erzählt, dass er früher oft in der Kirche spielte – „Oh Haupt voll Blut und Wunden“ beispielsweise. „Danach wechselte ich ins seichte Fach“. Dann streut er einen durch fernöstliche Musik untermalten Werbeblock ein, der eine „transzendentale ayurvedische Massage“ an preist. Schräger Humor eines Spaßvogels und Reizüberflutung auf allen Ebenen.

Lachen über den eigenen Wortwitz

Beim Western-Song „Im Sattel meines Pferdes“ zieht er lachend den Colt und bei „Samba in der Nacht“ (bis dass der Büstenhalter kracht) lacht er sich über seinen eigenen Wortwitz fast kaputt und tanzt über die Bühne, gibt den Grimasse schneidenden Hampelmann. Eine seiner neuen Songkreationen heißt „Der Mann ohne Gesicht“, und Schneider gibt an der Gitarre den Clapton, lässt die Saiten klingen, grinst dazu im Takt. Ein Schelm, ein großes Kind. Dass die von ihm praktizierte Form extremen Unsinns auch zur Zielscheibe heftiger Kritik wurde, liegt auf der Hand. Helge Schneider, dieses Gesamtkunstwerk, bewegte sich auch im Tollhaus hemmungslos zwischen Hoch- und Subkultur, zwischen Kindersprache und Literatur, verband Alltag und Albernheiten und verlor sich in ausufernden Erzählungen und viel Nonsens. Humor ist, wenn man trotzdem lacht – oder einfach „Let’s Lach“. Nach einer letzten Instrumentalzugabe am Klavier verkündet der Wortakrobat: „Ohne Kultur und Spaß werden die Menschen irgendwann so – wie sie heute sind.“ Applaus!

Ihr Autor

Hans-Joachim Of

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Erstellt:
3. August 2021, 22:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 49sec

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