Rekordspritze aus Oberweier für Schalke 04

Gaggenau/Gelsenkirchen (ham) – Felix Braun hat den nächsten Schritt in seiner E-Sport-Karriere geschafft. Die 100 Thieves aus Los Angeles bezahlen eine Rekordablöse für den Murgtäler an Schalke 04.

E-Sport-Star Felix Braun zeigt Kindern auf Schalke Tricks bei „League of Legends“. Foto: Karsten Rabas/Schalke 04

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E-Sport-Star Felix Braun zeigt Kindern auf Schalke Tricks bei „League of Legends“. Foto: Karsten Rabas/Schalke 04

Auf Schalke ist derzeit alles trist und grau statt königsblau. Während die Fußballer des Traditionsclubs mit einer unterirdischen Bilanz aus der Bundesliga absteigen, sorgt ein Oberweierer in Gelsenkirchen für einen kleinen Hoffnungsschimmer – zumindest finanzieller Natur. Felix Braun spült den Knappen eine Million Euro in die mehr als knappe Kasse.

Da es an Fußballkönnern derzeit beim Bundesliga-Schlusslicht mangelt, muss eben ein Talent aus der E-Sport-Abteilung für eine üppige Einnahme herhalten. Braun gilt in dem beliebten „League of Legends“ (LoL) von Riot Games, das weltweit täglich mehr als acht Millionen Fans spielen, als einer der besten Spieler auf seiner Position als Midlaner. Die 100 Thieves aus der nordamerikanischen „League of Legends Championship Series“ (LCS) kauften daher jetzt den 21-Jährigen mit dem Kampfnamen Abbedagge für eine Rekordablöse aus dem Vertrag bei Schalke 04.

„Wir hatten mehrere Optionen. Aber unsere erste klare Wahl fiel auf Abbedagge!“, berichtet Christopher Smith alias Papasmithy. Der Generalmanager der 100 Thieves zeigt sich mit Blick auf den zweiten Deutschen in der LCS nach Tristan Schrage (beim Team TSM) überzeugt: „Er ist der Midlaner, der uns auf das nächste Niveau hebt!“ Papasmithy sichert dem Neuzugang aus Germany daher „für die nächsten Jahre den Startplatz als Midlaner zu“, schließlich passe Braun „großartig ins Team“, zeigt sich der Generalmanager ähnlich euphorisch wie der Assistenztrainer der Mannschaft aus Los Angeles: „Ich habe mit Abbedagge schon gespielt. Es war fantastisch! Ich bin aufgeregt, wieder mit ihm anzutreten“, twitterte Coach Ales Knezinek.

Selbst für Braun, der sich bei Schalke 04 sehr wohl fühlte, kam der blitzschnelle Wechsel „überraschend“, ja der Oberweierer „war anfangs geschockt, dass die 100 Thieves mich mitten in der Saison haben wollten“. Erst vor wenigen Tagen hatte der Murgtäler mit seinem E-Sport-Team die Frühlings-Saison in der „League of Legends European Championship“ (LEC), die in manchen Spielen mehr als 800.000 Zuschauer anzieht, auf Platz vier beendet. Auf seiner wichtigen Position führte der Midlaner die Knappen damit erstmals „seit vier Jahren“ in die Play-offs der Frühlingssaison – und machte mit seinen Leistungen offensichtlich in Nordamerika besonders auf sich aufmerksam.

Trotzdem konnte er sich zunächst einen Wechsel über den Großen Teich „nicht vorstellen“. Aber nach „ein paar Tagen der Aufregung wollte ich doch Teil des Ganzen sein“, setzte ein langsamer Meinungsumschwung ein, die „große Herausforderungen mit mehreren Topspielern in der LCS anzunehmen. Es ist eine aufregende Reise für mich“.

Jahresgehalt von 600.000 Euro

Gründe dafür sind sicher die Finanzen: Zum einen kann Schalke 04, das 217 Millionen Euro Schulden plagen, die fällige Millionen-Ablöse gut gebrauchen, räumt Manager Tim Reichert unumwunden auf Youtube bezüglich der „schlechten Nachricht für alle Schalke-Fans“ ein. Zum anderen lohnt sich der Wechsel auch finanziell für den neuen LoL-Star. Konkrete Summen werden nicht genannt. Aber er erhalte einen „schönen Vertrag“, betont Reichert. Eines ist klar: Der Sohn aus der Gaggenauer Bäcker-Dynastie Braun muss künftig keine kleinen Brötchen mehr backen. Für seinen Vertrag bis November 2023 erhält Abbedagge jährlich eine sechsstellige Summe, bestätigte er gestern dem BT. Der Nachrichtensender n-tv taxiert das Salär auf 600.000 Euro per annum.

Schalke-Manager Tim Reichert bedauert den Abschied von Felix Braun, streicht aber gern die Rekordablöse für ihn ein. Foto: Karsten Rabas/Schalke 04

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Schalke-Manager Tim Reichert bedauert den Abschied von Felix Braun, streicht aber gern die Rekordablöse für ihn ein. Foto: Karsten Rabas/Schalke 04

Für den 21-Jährigen ist es die dritte große Profi-Station seiner jungen Karriere. Beim türkischen Fußball-Vorzeigeclub Galatasaray Istanbul hatte ihn sogar einst Weltmeister Lukas Podolski am Bosporus begrüßt und Braun ein Trikot mit dem Namenszug Abbedagge überreicht (das BT berichtete). 2019 ging es nach Gelsenkirchen, „für die Chance bin ich bis heute dankbar“, betont Braun in seinem Statement auf Youtube. Auch sein jetziger Brötchengeber ist mit einem berühmten Sportverein verbandelt: Die NBA-Basketballer der Cleveland Cavaliers sind die Geldgeber der 100 Thieves und leisten sich in Los Angeles einen Gebäudetrakt, in dem laut Braun auch Teams in anderen populären E-Sport-Spielen und beliebte Streamer ihrem Online-Tagwerk nachgehen.

In einem Monat beginnt die Sommersaison. In drei Wochen fliegt der Murgtäler daher spätestens los in die Staaten. Einreisebeschränkungen gibt es selbst zu Corona-Zeiten nicht für ihn: „Die LCS arbeitet mit der NBA zusammen, deshalb geht es mit den Visa schnell“, weiß Braun bereits.

„Schüchterner Junge wird zum Mann“

Seinen bisherigen Mannschaftskameraden bei Schalke, das auf Nachwuchsspieler Ilias Bizriken als Nachfolger setzt, drückt Braun weiter die Daumen. Mit den „100 Dieben“ aus Los Angeles plant der Murgtäler jedoch Größeres als das frühe Aus in den Play-offs. „Für Abbedagge ist der Transfer kein Rückschritt, sondern eine einmalige Chance, um auf Weltniveau zu spielen“, betont Schalke-Manager Reichert und lässt die positive Entwicklung des Jungstars in den vergangenen zwei Jahren Revue passieren, „als er 2019 aus der Türkei kam und wir ein erstes Video in der Veltins-Arena drehten, war er ein schüchternes Jüngelchen. Heute ist Felix ein erwachsener Mann, der unser Team führte!“ Reichert ist sich sicher, dass sein Königstransfer auch in den USA „seinen Weg macht als bester Midlaner“.

Braun bestätigt die Entwicklung mit deutlichen Aussagen – früher undenkbar bei dem zurückhaltenden blonden Mädchenschwarm. Selbstbewusst zählt sich das Ass zu den „fünf besten Midlanern in Amerika und Europa“. In L.A. erwarteten ihn zwar „hohe Anforderungen, die ich aber erfüllen werde“. Auch wenn die LCS in der Breite schwächer sei als die LEC, seien die drei Topteams genauso stark wie die Spitze in Europa, ordnet der 21-Jährige ein. Mit den heuer viertplatzierten 100 Thieves will Braun „um den Titel kämpfen“ mit den vermeintlichen Hauptrivalen Team Liquid und Cloud 9.

Die Top 3 seien auf jeden Fall das Ziel, um sich für die Weltmeisterschaften im Herbst zu qualifizieren. Dort dürfte der E-Sportler aus dem kleinen Oberweier erstmals vor einem Millionen-Publikum seine „LoL“-Künste zeigen und könnte als bester Midlaner seinen enormen Marktwert noch weiter steigern.

Ihr Autor

BT-Redakteur Hartmut Metz

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Erstellt:
20. April 2021, 19:00 Uhr
Lesedauer:
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