René Schickele: Zwischen Baden und dem Elsass

Badenweiler (patz) – Aufgewachsen im idyllischen Obernai, damals Oberehnheim, kam der elsässische Autor René Schickele erst in Badenweiler zur Ruhe: Eine Spurensuche beiderseits des Rheins.

René Schickele wurde 1883 in Obernai geboren, das damals Oberehnheim hieß. Foto: Thomas Muller /Fremdenverkehrsamt Obernai

© pr

René Schickele wurde 1883 in Obernai geboren, das damals Oberehnheim hieß. Foto: Thomas Muller /Fremdenverkehrsamt Obernai

Deutsch lernt er erst in der Schule: René Schickeles Vater ist Elsässer, „also deutschsprachiger Alemanne“, seine Mutter eine Französin, die sich zeitlebens weigert, Deutsch oder Elsässisch zu reden – und so wächst der Bub in Oberehnheim, heute das französische Obernai auf. Mit 13 Jahren allerdings schreibt er schon die besten Aufsätze in seiner Klasse, zu seiner eigenen Verwunderung. Dennoch bleibt dieses Sitzen zwischen den Stühlen prägend für sein Leben: „Meine Herkunft war mein Schicksal“, schreibt Schickele in seinen „Autobiographischen Notizen“.

Lange treibt sich der 1883 Geborene durch Europa, studiert und arbeitet als Journalist in Straßburg und München, Berlin und Paris, in der Schweiz und am Bodensee und bald auch als Romanautor. Erst in Badenweiler kommt er für zehn Jahre zur Ruhe. Ein Pforzheimer Maler, der die Hügellandschaft des Markgräflerlands gut kannte, führt ihn durch den kleinen Ort: „Als ich noch den Platz suchte, wo ich mich niederlassen wollte, traf ich den Maler Emil Bizer, und dem war es gleich so klar wie der Herbsttag, der uns zusammenführte, dass es nur hier sein konnte. Er nannte mir keine Gründe, sondern ging mit mir spazieren. Wir sprachen nicht viel, aber vom ersten Tag an gingen wir nebeneinander her wie Freunde, die Wege und Waldwinkel ihrer Heimat aufsuchen. Vom Hochblauen bis zum Rhein, von Freiburg bis Basel, Blatt um Blatt des Bilderbuchs schlug Bizer mir auf, mit leichtem Finger, schon im Weiterwandern, mit einem guten, flüchtigen Ernst in den Augen, der zu fragen schien: ‚Erinnerst du dich?‘“

Landschaft als politische Mission


Und so knüpft Schickele an seine Kindheit an: „Wir sind nebeneinander aufgewachsen, Bizer rechts, ich links des Rheins, im großen gegründeten Garten zwischen Vogesen und Schwarzwald, der so eins und unteilbar ist, dass die politischen Grenzen deutlich als eine Fiktion erscheinen.“ Die Landschaft ist für ihn auch immer ein Aufruf zu seiner politischen Mission, denn in der Realität war der unteilbare Naturraum eine politische Verschiebemasse. Das Elend des Ersten Weltkriegs verstärkt Schickeles Suche nach einer Versöhnung noch. Schon 1914 hat er als Herausgeber die Zeitschrift „Die weißen Blätter“ zu einer der wichtigsten Publikationen des Expressionismus gemacht, vor allem mit pazifistischen Autoren wie Yvan Goll, Leonhard Frank, Ernst Bloch und Heinrich Mann. Von den „Hyänen des Schlachtfeldes“ schreibt er, „den Schakalen der Lüge und den Schlangen, die bei der Verwesung wohnen.“ Nach dem Krieg verstärkt er seine Arbeit, mit Essays, Erzählungen und Romanen wirbt er für ein Miteinander der Völker, unter anderem mit Annette Kolb, die seine Nachbarin in Badenweiler ist.

In Badenweiler lässt er sich 1922 ein Haus bauen, in dem er mit Frau Anna und den Söhnen Hans und Rainer lebt und arbeitet, es steht auf einer Anhöhe, mit Blick auf die Vogesen: „Hier ist der warme, behütetste Winkel des alemannischen Gartens“, schwärmt er, „ich fühle mich glücklich -: gelandet – geborgen!“ Vor allem das Panorama bezaubert ihn: „Das Weite, das Großartige beginnt, wenn du durch die Fenstertüre auf die mäßig große Sandsteinterrasse trittst, drei Stufen über dem Wiesenmeer, der zwei Linden, die Licht und Schatten spenden“. Hier entsteht auch seine Romantrilogie „Das Erbe am Rhein“, sein visionäres Hauptwerk von einem geeinten Europa: „Europa wird sein. Und dann, Herr Doktor, spielt auch das kleine Trauer- und Satyrspiel zwischen Rhein und Vogesen nicht mehr. Oder Europa wird nicht sein. Dann ist das Elsaß so nebensächlich wie eine Zündholzschachtel in einem brennenden Haus.“

1932 verlässt er Badenweiler, weil er den Aufstieg der Nationalsozialisten voraussieht, und flieht nach Südfrankreich, wo er 1940 stirbt. 1956 werden seine sterblichen Überreste auf den Badenweiler Friedhof überführt, über den er einmal schrieb: „Hier wollte ich einmal ruhen, bis die Posaunen des ewigen Sommers mich weckten.“

Ihr Autor

Georg Patzer

Zum Artikel

Erstellt:
31. August 2021, 06:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 58sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.