Renoviertes Kino in Ottenau: „Wunderschön“ zum Auftakt

Gaggenau (ham) – Das Merkur-Film-Center in Ottenau öffnet am Donnerstag, 7. April, nach 15 Monaten Corona-Pause. Diese nutzte die Betreiber-Familie Merkel zur Renovierung.

„Happy. Endlich wieder Kino!“ in Ottenau: Jens und Ines Merkel freuen sich, dass sie das Merkur heute nach der Renovierung wieder eröffnen können. Foto: Hartmut Metz

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„Happy. Endlich wieder Kino!“ in Ottenau: Jens und Ines Merkel freuen sich, dass sie das Merkur heute nach der Renovierung wieder eröffnen können. Foto: Hartmut Metz

„Wunderschön“ heißt einer von zwei Filmen, die heute über die Kino-Leinwand im Merkur-Film-Center flimmern. Der Titel gibt die Gefühlslage von Ines und Jens Merkel nach 15 Monaten Pause wieder. Ein Banner am Geländer des Eingangs und ein gelbes Plakat schreien die Freude des Geschwisterpaars geradezu hinaus: „Das Warten hat ein Ende: Endlich wieder Kino in Gaggenau“ und „Happy. Endlich wieder Kino!“ heißt es darauf.
Corona hat das Merkur-Film-Center in Ottenau wie so viele Lichtspielhäuser ausgebremst. Als es im November 2021 hätte weitergehen können, war sich die dritte Generation der Gaggenauer Kinodynastie unschlüssig, ob man angesichts der wieder kletternden Infektionszahlen ebenfalls den Neustart wagen sollte. „Mir war gar nicht bewusst, dass Bier ablaufen kann“, gesteht Ines Merkel und verweist auf weitere Waren, deren Verzehrdatum nach der langen Schließung überschritten war. Um dieses erneute Risiko mit den vier neuen Biersorten und Knabberware auszuschließen, entschieden die 53-Jährige und der 55-Jährige sich, den Dornröschenschlaf zu verlängern. „Mein Bruder als Daimler-Mitarbeiter und ich als Grafikdesignerin sind nicht auf die Kino-Einnahmen angewiesen, wollen aber natürlich rote Zahlen vermeiden“, nennt die Familie ihren Vorteil, dass sie seit der Übernahme der Verantwortung anno 2016 das Kino vor allem aus Passion betreibt und so auch die schwierige Corona-Auszeit überstand.

Renovierung kostet knapp 40.000 Euro

Für die längere Schließung sprach außerdem, dass der neue Teppich für den großen Saal vorerst nicht geliefert werden konnte. „Es fehle irgendein Garn, hieß es vom Hersteller“, berichtet Ines Merkel, „so warteten wir eben auf den wunderbaren neuen Teppich, der uns so gefiel.“ Für die Renovierung investierten die Kino-Betreiber „knapp 40.000 Euro“. Gut, dass die Merkels zum 14. Mal in Folge von der Medien- und Filmgesellschaft (MFG) Baden-Württemberg für ihr sehr gutes Jahresfilmprogramm ausgezeichnet wurden (das BT berichtete). Die wegen Corona aufgestockte MFG-Unterstützung half, das teure Projekt zu stemmen.

„Der Boden war in schlechtem Zustand – und wie es darunter aussah, entdeckten wir erst, als der alte Teppich raus war.“ Der Betonboden mit seiner Lackierung darüber stammte noch aus der Gründerzeit 1958. Elektrokabel mussten neu verlegt werden. „Jetzt sind wir ganz glücklich, dass alles schön gemacht wurde“, freut sich Ines Merkel, während die Putzkolonne alles blitzeblank säubert. Auch die neue Tonanlage und die vorderen Boxen an der Leinwand steigern das Wohlbefinden sowie den Sound im großen Saal. Den können so die Cineasten gleich beim Bundesstart von „Phantastische Tierwesen: Dumbledores Geheimnisse“ genießen. Das neue Harry-Potter-Abenteuer wartet nicht nur mit sehenswerten Fantasy-Welten auf, die wie geschaffen sind für große Leinwände.

Mads Mikkelsenein „Glücksgriff“

„Die Besetzung beim dritten Teil ist besonders toll“, jauchzt Ines Merkel beim Blick auf Mads Mikkelsen. Die Kritiker nennen den geübten Film-Bösewicht einen „Glücksgriff“. Erst eine Woche vor Drehbeginn hatte Mikkelsen Johnny Depp als Gellert Grindelwald ersetzt. Jude Law ist wieder als Albus Dumbledore mit von der Partie und Eddie Redmayne ergänzt als Magie-Zoologe das Star-Ensemble.

Die Merkels hoffen, dass ihnen die Harry-Potter-Fans die Buden einrennen – wobei die Geschwister trotz der gelockerten Covid-19-Regelungen nicht die Säle vollpacken wollen: „Wir halten Wohlfühlabstand“, betont Ines Merkel, „bei der Online-Buchung lassen wir immer einen Platz Abstand zum Nachbarn. Zudem sollte jeder bis zum Platz Maske tragen.“ Um eine „ganz fatale weitere Schließung“ zu verhindern, läuft während der Vorstellungen die Lüftung, die die Pflichtvorgaben deutlich übertreffe. So wollen die Ottenauer ihre Zuschauer maximal schützen.

Wem die über vier Stunden von „Phantastischen Tierwesen“ zu lang sind, der kann im Merkur zumindest vorher einen Blick in den renovierten großen Saal werfen und dann gleichzeitig ab 19.45 Uhr „Wunderschön“ anschauen.

In den 132 Minuten geht es mit Humor und Sensibilität um fünf Frauen im Spannungsfeld zwischen angekratztem Selbstbild und vermeintlich notwendiger Selbstoptimierung. Der Klassiker „Tod auf dem Nil“ folgt morgen (19.45 Uhr) als Neuverfilmung. Das Kinderstück „Träume sind wie wilde Tiger“ ist am Sonntag um 16.30 Uhr zu sehen. Besonders freut sich Ines Merkel auf den 28. April, obwohl sie angesichts ihres neuen Wissenstands jetzt lieber den 27. April ausgewählt hätte: Der Stummfilm „Dr. Mabuse – Der Spieler, Teil 1: Der große Spieler“ liefe dann genau 100 Jahre nach der Premiere in Berlin zum 100-jährigen Stadtjubiläum von Gaggenau.

Ungeachtet aller Streaming-Dienste, die sich während der Pandemie ausbreiteten, machte ein Disponent den Merkur-Betreibern Hoffnung auf einen regen Zustrom: „Die Leute freuen sich auf ihr Kino. Sie wollen wieder die altbekannte Atmosphäre schnuppern.“ Ab heute Abend gibt es die wieder in Ottenau zu genießen.


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