Rettungshunde des THW Bühl trainieren für den Ernstfall

Bühl (hol) – Die sechsbeinigen Suchteams des THW Bühl sind echte Spezialisten: Gemeinsam mit ihren Besitzern helfen Rettungshunde dabei, vermisste Personen zu finden.

Der vier Jahre alte Billy ist ein Profi – Martina Junge belohnt ihn nach der erfolgreichen Suche im Waggon mit einem Zerrspiel.  Foto: Harald Holzmann

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Der vier Jahre alte Billy ist ein Profi – Martina Junge belohnt ihn nach der erfolgreichen Suche im Waggon mit einem Zerrspiel. Foto: Harald Holzmann

Martina Junge hält die Leine kurz, die am Halsband ihres Hundes befestigt ist. Am anderen Ende: ein Kraftpaket, Billy – ein Belgischer Schäferhund, vier Jahre alt, 36 Kilo Muskeln. Billy ist hoch konzentriert und lässt sich nicht ablenken. Es ist Übungsabend bei der Rettungshundestaffel der Fachgruppe Ortung beim Technischen Hilfswerk (THW), Ortsgruppe Bühl. Und gleich wird der freundliche Vierbeiner zeigen, was in ihm steckt.

Martina Junge klinkt die Leine aus. Dazu erklingt ein leiser Befehl. Billy zischt ab über die Asphaltstraße, die vor ihm liegt. In dem alten Güterwaggon gut 300 Meter entfernt liegt ein Mann. Das weiß der Hund nicht. Was er aber weiß: Es geht jetzt darum, möglichst schnell einen hilflosen Menschen zu finden. Gründlich, aber in Windeseile sucht der Hund mithilfe seiner Nase und Augen die Straßenränder ab, schnüffelt hier, schaut dort nach, ist aber im Grunde immer zielgerichtet unterwegs. Er umkreist schließlich den Waggon, schnuppert an den Ritzen in der Wand. Ein kurzes „Wuff“ – jetzt weiß er Bescheid. Nun muss er da nur noch irgendwie reinkommen.

Mit zwei Rundhölzern und einer Euro-Palette haben die THW-Leute im Dornengestrüpp eine wackelige Rampe gebaut. So mancher Hund würde bei diesem Untergrund die Flatter bekommen. Billy aber ist ein alter Hase – wenn man das bei einem Hund seines Kalibers so sagen darf. Er springt seitlich auf die instabile Rampe, hält mit einer geschickten Bewegung das Gleichgewicht, schlüpft unerschrocken in den stockdunklen Waggon und hat sein Ziel erreicht.

Verbellt werden nur die „Opfer“

Martina Junge ist da noch 100 Meter von den Bahngleisen entfernt. Aber sie hört es, dass ihr vierbeiniger Freund erfolgreich war. Der bellt nämlich. „Und zwar so lange, bis ich komme“, sagt sie. Oder bis das „Opfer“ ihn erlöst mit einem Zerrspiel mit Billys Lieblingsspielzeug, einem Beißsäckchen, das der Hund am Schluss schnappt und mit viel Begeisterung hin und her schleudert. „Seht her – ich habe ihn gefunden“, so scheint er zu sagen. „Bin ich nicht ein toller Kerl?“

Insgesamt sind es elf tolle Kerle und flotte Mädels, die jeweils auf vier Beinen für den THW Bühl unterwegs sind – nicht nur belgische Schäferhunde. „Die Rasse ist egal“, sagt Sabine Müller, die heute Abend ihren 18 Monate alten quirligen Border Collie Flinn am Start hat – ein hoch motivierter Anfänger, ihr dritter Suchhund, wie sie sagt. Wichtiger als die Rasse sei der Charakter der Tiere. Menschenfreundlich müssten sie sein, verspielt, aber doch auch mutig, sportlich und gehorsam. Einige von ihnen sind noch in Ausbildung, andere haben schon die Flächenprüfung und die Trümmerprüfung bestanden – sind also Profis bei der Suche nach hilflosen Menschen. Ihre zweibeinigen Besitzer: Frauen und Männer aus der ganzen Region, ältere und jüngere, Angestellte und Unternehmer – allesamt eint sie, dass sie ihre freie Zeit gemeinsam mit ihren Hunden in den Dienst der guten Sache stellen.

Border Collie Flint verbellt Stefan Winkler. Er ist heute auf die „Opferrolle“ gesetzt, weil sein Hund verletzt ist.  Foto: Harald Holzmann

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Border Collie Flint verbellt Stefan Winkler. Er ist heute auf die „Opferrolle“ gesetzt, weil sein Hund verletzt ist. Foto: Harald Holzmann

Die Mensch-Hund-Teams sind gefragte Helfer immer dann, wenn ein Mensch vermisst wird. Ein verwirrter Senior ist aus dem Altenheim verschwunden? Ein psychisch Kranker hat einen Selbstmord angekündigt? Ein Kind ist nicht pünktlich heimgekommen? Dann fordert die Polizei oft sechsbeinige Verstärkung an. Neben dem THW Bühl haben auch die Johanniter und das DRK Suchhunde am Start. „Im Einsatzfall werden auch viele Teams benötigt“, schildert Julia Eberth. Schließlich sei der Einsatz für die Tiere anstrengend. 20 Minuten – dann braucht auch ein Profi eine Pause. „Na gut“, schränkt die junge Frau aus Bühlertal ein und lacht. „Mein Bentley vielleicht nicht.“ Der Australian Shepherd ist sechs Jahre alt. Sein lautes Bellen kündet davon, dass er vom tollen Suchspiel nicht genug bekommen kann.

Für Fellnasen ist alles ein Spiel

Auch der Ernstfall ist für die Hunde ein Spiel. „Das muss auch so sein“, sagt Raphael Reimann, da die Hunde sonst nicht mitziehen würden. Der Bühler ist seit seiner Jugend im THW aktiv, züchtet selbst Border Collies und hat heute die drei Jahre alte Aurora dabei, eine sensible Hundedame, die sogar eine Prüfung als Therapiehund absolviert hat. Wenn man ihn fragt, wie er die Sucheinsätze erlebt, bei denen man auch immer weiß, dass man auf eine Leiche stoßen könnte, wird er still. Klar ist: Unberührt bleibt davon keiner.

Da zeigen die Hundeführer doch lieber, was ihre Fellnasen so können. Beispielsweise in einem nachgebauten Betontrümmerfeld suchen, sich mithilfe eines Krans in einem Spezialanzug auf einen Turm transportieren lassen, eine Leiter hochklettern oder auf Kommando nach rechts oder links gehen. Und: Menschen, die sie finden, verbellen. Dabei reagieren sie nicht auf jeden Menschen, sondern darauf, in welcher Haltung er sich befindet. Stefan Winkler, der heute auf die Rolle des „Opfers“ abonniert ist, weil sein Hund an einer Verletzung laboriert und nicht einsatzbereit ist, muss sich nur hinlegen oder knien, schon erkennt der Suchhund: Der Mann ist hilflos. Auch eine gebeugte Haltung, einen schleppenden Gang können die Hunde lesen. Werden sie seiner ansichtig, dann wird gebellt, was das Zeug hält.

Allerdings gibt es keine Berührung mit dem „Opfer“. „Da müssen die Hunde zurückhaltend sein“, sagt Martina Junge. Die Baden-Badenerin ist heute mit ihrer Truppe auf dem THW-Übungsplatz bei Gamshurst aktiv. Damit sich die Hunde nicht an den Platz gewöhnen, sucht das THW ständig neue Möglichkeiten zum Üben. „Vergangenes Jahr waren wir auf dem Airpark und auf der Baustelle vom Europäischen Hof. Das war klasse“, sagt sie. Wer den Hundeführern sein Areal zum Üben anbieten möchte, kann sich beim THW melden. Und auch, wer Lust hat, sich mit seinem Hund mal bei den Rettungshunden vorzustellen. Vielleicht kommt auf diese Weise der nächste Billy zum THW Bühl. „Nachwuchs brauchen wir immer“, sagt Stefan Winkler – und verschwindet in der Dunkelheit, um sich wieder zu verstecken. Jutta Eberth wartet schließlich schon mit Bentley auf die nächste Runde. Sie hat die Leine kurz, und der Rüde bellt aufgeregt, ist hoch konzentriert und lässt sich nicht ablenken ...

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Erstellt:
24. August 2020, 18:00 Uhr
Lesedauer:
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