Revitalisierung des Französisch-Unterrichts

Stuttgart/Baden-Baden (bjhw) – „Lerne die Sprache des Nachbarn“: Die Beseitigung der Sprachbarriere steht ganz oben auf der Wunschliste der Regierungen.

Mit rund 33.000 Schülern kommt derzeit nicht einmal mehr ein Zehntel aller Dritt- und Viertklässler in der Grundschule mit Französisch in Kontakt. Foto: Harald Tittel/dpa

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Mit rund 33.000 Schülern kommt derzeit nicht einmal mehr ein Zehntel aller Dritt- und Viertklässler in der Grundschule mit Französisch in Kontakt. Foto: Harald Tittel/dpa

Erstmals unter breiter Beteiligung der Bürgerschaft will die EU die europäischen Weichen für das nächste Jahrzehnt stellen. Auf allen politischen Ebenen finden Foren und Dialoge statt. Am vergangenen Wochenende fanden virtuell und grenzüberschreitend auch Interessierte aus Baden-Württemberg und der französischen Region Grand-Est zusammen, um drängende Probleme ihres Alltags zu diskutieren.

Wieder einmal ganz oben auf der Wunschliste für Regierungen steht die Beseitigung der Sprachbarriere, was auch offenbart, dass die jahrzehntelangen Bemühungen an der Rheinschiene zumindest nicht genug gefruchtet haben. Mit rund 33.000 Schülern und Schülerinnen kommt nicht einmal mehr ein Zehntel aller Dritt- und Viertklässler in der Grundschule mit Französisch in Kontakt. Im Gymnasium erreicht das Angebot immerhin noch rund die Hälfte der etwa 300.000 Jugendlichen. Bekannt ist aber auch, wie viele das Fach abwählen auf dem Weg zum Abitur. Mit bilingualen Angeboten versucht das Kultusministerium gegenzusteuern. Das Richard-Wagner-Gymnasium in Baden-Baden ist eines von 18 im Land, die einen bilingualen Zug anbieten. Die Förderung ab Klasse fünf zur doppelten Reifeprüfung, auch Abi-BAC genannt.

Gleiche Diskussion seit bald 40 Jahren

Der neue Europastaatssekretär Florian Hassler (Grüne) will die Angebote jetzt noch einmal genauer unter dem Aspekt prüfen, ob und wie der Ausbau sinnvoll ist. Ebenso die Möglichkeit, das „Diplôme d’études de langue francaise“ zu erwerben, das unter anderem zum Studium im französischsprachigen Ausland ertüchtigt. „Nach einigen Jahren rückläufiger Zahlen lernen wieder mehr Menschen in Baden-Württemberg Französisch“, sagt Hassler. Aber nicht ausreichend viele, sagen die Teilnehmer am EU-Dialog, die sich Lernangebote für alle Altersstufen und vor allem in Grenzregionen wünschen.

Konkret über Schulfranzösisch diskutiert wird seit bald 40 Jahren. Der Appell des Europarats „Lerne die Sprache des Nachbarn“ fiel vor allem in Südbaden auf so fruchtbaren Boden, dass der Verband Erziehung und Wissenschaft (VBE) eine Initiative zur Einführung von Französisch als erster Fremdsprache in weiterführenden Schulen startete. Ende der 80er Jahre durfte sich Baden-Württemberg rühmen, bundesweit am meisten in die Französisch-Förderung zu stecken. An der Rheinschiene beteiligten sich da schon gut 80 Prozent der Dritt- und Viertklässler am spielerischen Unterricht.

Berufsbildung gehört dazu

Im Gymnasium lernten sogar 85 Prozent der Jugendlichen als erste, zweite oder dritte Fremdsprache Französisch, viele Real- und sogar 250 Hauptschulen beteiligten sich an entsprechenden Programmen. Aufbauend auf dem Grundschulunterricht wurde Französisch ab der fünften Klasse als erste Fremdsprache angeboten. 2007 formierte sich unter dem Motto „Rheinschiene als Einbahnstraße“ Elternwiderstand gegen „Zwangsfranzösisch“. Die Idee, Französisch zumindest im Grenzland an möglichst vielen Schulen durchgängig von der ersten bis zur elften oder zwölften Klasse zu lehren und lernen, ist endgültig Geschichte.

Zur Revitalisierung, die sich Grün-Schwarz auch im Rahmen der neuen Kooperationsstrategie mit Frankreich auf die Fahnen geschrieben hat, gehört die Berufsbildung. Als Beispiel gelobt und zur Nachahmung empfohlen werden die Heinrich-Hertz-Schule in Karlsruhe und das Lycée Stanislas in Wissembourg, weil als Zusatzqualifikation nicht nur die Sprache des Nachbarn, sondern auch der zweite Berufsabschluss erworben werden kann.

Ihr Autor

BT-Korrespondentin Brigitte J. Henkel-Waidhofer

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Erstellt:
14. Dezember 2021, 08:30 Uhr
Lesedauer:
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