Rhinos-Sportdirektor Winkel im Interview

Hügelsheim (mi) – Die Saison der Hügelsheimer Eishockeycracks war wegen der Pandemie kurz. Im Interview spricht Sportdirektor Pascal Winkel über den Abbruch, die Corona-Hilfen und Zukunftshoffnungen.

Hat als Hygienebeauftragter des ESC Hügelsheim schwere Monate mit viel Arbeit hinter sich: Sportdirektor Pascal Winkel. Foto: Frank Seiter/Archiv

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Hat als Hygienebeauftragter des ESC Hügelsheim schwere Monate mit viel Arbeit hinter sich: Sportdirektor Pascal Winkel. Foto: Frank Seiter/Archiv

Nach dem EHC Zweibrücken und Aufsteiger 1. CfR Pforzheim hat auch Titelmitfavorit EHC Hügelsheim in der vergangenen Woche die Reißleine gezogen und die nach dem vierten Spieltag Ende Oktober ausgesetzte Saison in der Eishockey-Regionalliga Südwest beendet. Nach den ersten vier Spieltagen hatte man mit drei Siegen und nur einer Niederlage im Penaltyschießen den hoffnungsvollen zweiten Tabellenplatz belegt. BT-Redakteur Michael Ihringer unterhielt sich mit Rhinos-Sportdirektor Pascal Winkel über den verspäteten Ausstieg, Einnahmeverluste, die Spendenbereitschaft der Fans, Nachwuchssorgen und Zukunftsperspektiven.

BT: Herr Winkel, was bleibt nach drei Monaten Hoffen, Bangen und Warten: Enttäuschung oder Erleichterung?
Pascal Winkel (lacht): Das ist eine gute Frage. In erster Linie sind wir enttäuscht, wir hätten gerne die geplante reguläre Saison auch gespielt. Ich bin aber ganz ehrlich und auch in gewissem Maße erleichtert, wenn ich sehe, was für einen Aufwand wir betrieben haben mit dem Hygienekonzept. Wir sind zum Glück bei den vier Punktspielen und im Trainingsbetrieb vor Infektionen im Team verschont geblieben. Wenn ich überlege, was auf uns alles hätte zukommen können. Als Hygienebeauftragter des Vereins lastete auf mir da schon Druck.

Verlust von rund 20.000 Euro

BT: Wann war für Sie klar, dass die Saison nicht mehr fortgesetzt werden kann?
Winkel: Im Nachhinein und nüchtern betrachtet hätte es einem schon im November klar sein können. Wir wussten schon damals: Wenn der Winter kommt, wird es noch schwieriger. Wir hatten einen lockeren Sommer, manche waren damals wohl auch etwas nachlässig. Vor Weihnachten hieß es dann: Jetzt hoffen wir auf Januar. Dann kam die Lockdown-Verlängerung bis Mitte Februar. Ganz ehrlich: Ich kann mir nicht vorstellen, dass ab 15. Februar ein Trainingsbetrieb wieder genehmigungsfähig ist.

BT: Können Sie beziffern, wie hoch der finanzielle Verlust des Vereins ist?
Winkel: Bis Ende Oktober lagen wir im Soll, danach sagten wir: Den ausgefallenen November ziehen wir durch, das können wir stemmen. Im Nachhinein gibt es mit Sicherheit den ein oder anderen, der sagt: „Seid ihr bescheuert, hättet ihr gleich alles abgeschaltet, dann hättet ihr Geld gespart.“ Hätte, wäre, wenn. Die Kosten existieren natürlich, sie sind aber nicht so hoch, als wenn wir die normale Punkterunde mit Kühlung, Licht, dazu Publikumsverkehr, Eis-Disco gehabt hätten, was mehr verschlungen hätte. Im November haben wir etwa 9.000 Euro gebraucht. Als danach der Curling-Verein die Saison beendet hatte, und wir demgemäß 50 Prozent Energie sparten, waren es im Dezember rund 4.500 Euro. Im Januar war es etwas mehr, weil wir auch die Wartungsarbeiten durchführten. Alles in allem sprechen wir von knapp 20.000 Euro Kosten.

BT: War die Spendenbereitschaft der Fans und das Entgegenkommen der Sponsoren entscheidend dafür, dass der Verein mit einem blauen Auge davongekommen ist?
Winkel: Das Ganze steht auf mehreren Säulen. Dazu gehört die staatliche Förderung, sprich die Zuschüsse, dazu die Spendenbereitschaft der Fans. Wir haben bislang noch keine Rechnung an unsere Sponsoren gestellt, weil wir im Prinzip ja auch keine Gegenleistung bringen konnten in Form von Werbung. Unsere Sponsoren sind alle auf dem gleichen Wissensstand. Da hoffen wir auf ein gewisses Entgegenkommen, und dass ein Teil der vertraglich vereinbarten Gelder uns zugutekommen. Aus diesen Säulen zusammengenommen kann ich sagen, dass wenn nicht Unvorhergesehenes passiert, wir ab Herbst hier am Standort wieder Eishockey anbieten können.

Winkel: „Dezember-Hilfe ist beantragt“

BT: Sind die bewilligten Corona-Hilfen mittlerweile auf dem Vereinskonto angekommen?
Winkel: Auf unserem Konto ist Stand jetzt noch nichts angekommen, für den November haben wir aber den Bescheid bekommen. Wir sind guter Dinge, dass die Hilfe in Bälde bei uns ankommt. Die Dezember-Hilfe ist beantragt, unsere Steuerberaterin hat den Antrag online ausgefüllt.

BT: Ist der Sportdirektor stolz darauf, dass die Eishockey-Familie am kleinen Standort Hügelsheim so zusammenhält?
Winkel: Natürlich, da bin ich sehr stolz darauf. Das gibt mir ein gutes Gefühl, dass das, was wir die vergangenen zehn Jahre hier aufgebaut haben, für den nötigen Respekt sorgt, und dass wir in dieser Zeitspanne gut gearbeitet haben.

BT: Mit dem Blick in die Glaskugel: Gehen Sie davon aus, dass wenigstens die nächste Saison im Herbst vollständig stattfinden kann?
Winkel: Ich habe kürzlich mal gerechnet: Wenn wir im derzeitigen Tempo weiter impfen, um die Herdenimmunität zu erreichen, dann schaffen wir das im Mai 2024. Dann müssten wir auch die nächste Saison canceln. Aber Spaß beiseite: Wie ich schon vor der Saison positiv gestimmt war, geht es mir auch jetzt so. Ich bin mir sicher, dass wir dahin kommen, ab September wieder Eishockey zu trainieren, zu spielen und dass auch Fans wieder in die Hallen dürfen, unter welchen Voraussetzungen auch immer.

BT: Wird es im Sommer überhaupt Personalveränderungen geben, da ja lediglich vier Punktspiele stattfanden?
Winkel: Ganz so neu ist sie nicht, wir haben ja zwei, drei Positionen verändert. Auch wenn es nur vier Spiele waren, haben auch die Fans gemerkt, dass ein anderer Geist bei uns herrscht als in der Vorsaison, als wir die Playoffs verpassten. Sie merkten: Die Mannschaft kann was erreichen, wenn sie zusammenhält. Diese Einstellung bekam ich zuletzt auch als Feedback von den Spielern. Da war keiner, der gesagt hat: „Ich höre auf oder mache was anderes wie zum Beispiel E-Sports.“ Andererseits haben wir jetzt noch nicht großartig über die nächste Saison gesprochen.

Rießle bleibt ein Rhino

BT: Führungskraft Philip Rießle, der aktuell bei seinem Zweitliga-Heimatverein EHC Freiburg als Co-Trainer aushilft, wird wohl wieder zu den Rhinos zurückkehren ...
Winkel: Wir haben uns kürzlich geschrieben. Er hat mir mitgeteilt, dass er auch in der neuen Saison bei uns spielen wird.

BT: In vielen Sportarten ist die Befürchtung groß, dass der Nachwuchs nach dem langen Lockdown abspringen könnte. Teilen Sie diese Befürchtung?
Winkel: Für die Jungs und Mädels tut es mir mit am meisten leid, weil wir in den vergangenen Jahren, und das hat jetzt nichts mit Schulterklopfen oder Eigenlob zu tun, gute Arbeit geleistet haben. Wir haben einen guten Stamm an Nachwuchsspielern, die von der U9 bis zur U20 hoch durchgehend spielfähig sind. Ihnen hat man ein wichtiges Jahr an Entwicklung und Erfahrung geklaut. Vor allem diejenigen, die die Altersklasse wechseln. Wenn ich in der U13 bin, bin ich der älteste Jahrgang, da kann ich richtig was reißen. Dann komme ich in die U15, dann wird es natürlich schwierig, weil ich dann der Jüngste bin. Es gibt Jahrgänge, bei denen wir mit Sicherheit den einen oder anderen verlieren werden. Da kommen dann die Mädels oder die Partys ins Spiel, die es jetzt so lange nicht mehr gegeben hat. Da verliert man immer ein, zwei, drei Spieler. Ich bin mir aber sicher, dass diejenigen, die den Sport leidenschaftlich betrieben haben, wiederkommen werden. Es ist ja auch nicht so, dass nur die Eishallen gesperrt waren, es war ja gar nichts mehr da. Ich hätte mehr Bedenken gehabt, wenn man gesagt hätte: „Ihr könnt turnen oder schwimmen gehen, aber die Eishallen bleiben zu.“ Ich glaube nicht, dass wir von unserem Nachwuchsstamm viele verlieren werden. Es gibt aber natürlich zu bedenken, dass wir diese Saison keine Laufschule hatten, wir konnten also den jüngsten Jahrgang überhaupt nicht anwerben, nicht fürs Eishockey begeistern. Deshalb muss ich sagen, dass wir im unteren Jahrgang der U9 ein richtiges Loch vorfinden werden, das wir über Jahre mitschleppen werden. Dieses Loch werden wir nicht geschlossen kriegen, zumindest nicht mit unseren begrenzten Möglichkeiten.

Ihr Autor

BT-Redakteur Michael Ihringer

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Erstellt:
2. Februar 2021, 18:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 51sec

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