Rhinos landen Transfer-Coup

Hügelsheim (mi) – Eishockey-Regionalligist ESC Hügelsheim hat einen wahren Coup auf dem Transfermarkt gelandet: Die Rhinos konnten Philip Rießle vom Zweitligisten Wölfe Freiburg an sich binden

„Mir geht es immer um das Team. Alle müssen mitziehen“: Rhinos-Neuzugang Philip Rießle (links) mit Pascal Winkel. Der sportliche Leiter hat einen Coup gelandet. Foto: ESC Hügelsheim

„Mir geht es immer um das Team. Alle müssen mitziehen“: Rhinos-Neuzugang Philip Rießle (links) mit Pascal Winkel. Der sportliche Leiter hat einen Coup gelandet. Foto: ESC Hügelsheim

Wenn er sich einen Texas-Hut aufsetzt, könnte er jederzeit als viertes Mitglied der Rockband ZZ Top durchgehen. Mit einer roten Zipfelmütze auf dem Haupt käme Philip Rießle auch als Weihnachtsmann infrage. Reichlich beschenkt hat der Rauschebart-Träger jedenfalls mitten im Frühling den ESC Hügelsheim mit seiner Unterschrift: Einer der besten Verteidiger der zweiten deutschen Eishockey-Liga verstärkt in der nächsten Saison den Kader des Regionalligisten. Es ist zweifellos die spektakulärste Verpflichtung in der zehnjährigen Rhinos-Vereinshistorie.

„Auch für mich in meiner bisherigen Tätigkeit hier ist das unser Königstransfer. Es zeigt auch, was für einen Ruf wir in der Szene genießen“, freut sich der sportliche Leiter Pascal Winkel, der sich persönlich extrem engagierte, um den Deal perfekt zu machen.

Rießle hat seit sieben Jahren als Mannschaftskapitän die Freiburger Wölfe angeführt und sie nach insgesamt 283 Spielen zuletzt auf Rang drei nach Ende der DEL2-Hauptrunde geführt, ehe die Saison wie in allen anderen Ligen und Sportarten ausgesetzt und schließlich abgebrochen wurde. „Jammerschade, wir hätten Meister werden können: Bester Torwart, beste Defensive, super Sturm, super Trainer“, sagt der Umworbene im Rückblick.

Der Transfer-Coup ist für die Spargeldörfler ein Faustpfand, dass die nächste Saison nicht erneut enttäuschend vor den Playoffs endet. Denn gerade die Defensive war die große Achillesferse: 96 Gegentore waren verglichen mit der Konkurrenz indiskutabel. Zudem kassierte das Team zu viele Strafzeiten. Auch in dieser Beziehung kommt der bärtige Disziplinfanatiker zur rechten Zeit. Gerade mal vier Strafminuten brummte er bei durchschnittlich über 20 Minuten Eiszeit pro Partie in der vergangenen Saison ab. „Ich versuche eben, alles läuferisch zu lösen“, sagt Rießle.

In allen Kategorien Vorbild

In allen Kategorien wird er ein Vorbild für die künftigen Kollegen sein. Winkel: „Mit ihm erhalten wir das Leadership-Gen.“ Der namhafte Neuzugang freut sich auf seine neue Rolle und die Mitspieler: „Ich weiß, was auf mich zukommt. Mir geht es immer um das Team. Alle müssen mitziehen und eine Schippe drauflegen. Ich will nicht nur für ein Jahr kommen. Nach den Gesprächen mit Pascal und dem neuen Trainer Cedrick Duhamel hat mich die mittelfristige Vision überzeugt. Zunächst muss Hügelsheim wieder eine Heimmacht werden.“

Auch beim Zweitligisten schwärmten die Kollegen und Verantwortlichen von den Vorzügen des gebürtigen Waldkirchers. „Der gesamte Eishockey-Standort Freiburg hat Philip sehr viel zu verdanken. Als vorbildlicher Spieler, Kapitän und Mensch wird er den Wölfen sehr fehlen. Seine Entscheidung können wir jedoch komplett nachvollziehen“, lobte ihn EHC-Vorstand Werner Karlin beim Abschied.

Als besondere Ehre wird Rießles Nummer 26 nie mehr in der altehrwürdigen Halle an der Ensisheimer Straße vergeben. Bis auf einen vierjährigen Abstecher zum TEV Miesbach, wo er sich in der Ober- und Regionalliga zu einem kompletten Spieler weiterentwickelte, trug er seit Jugendtagen immer das Wölfe-Trikot, wurde mit den Breisgauern 2003 deutscher Juniorenmeister. Nach dem Absturz bis in die Viertklassigkeit war Rießle bei seiner Rückkehr das Zugpferd beim Neuaufbau. 2015 kehrte der EHC Freiburg in die zweite Liga zurück, nicht zuletzt dank seiner Hilfe ist man mittlerweile zu einem Spitzenteam gereift.

Ein glücklicher Umstand verhalf den Rhinos zu diesem Toptransfer: Rießle zählte zu den wenigen DEL2-Profis, die neben dem Eis noch einem Vollzeitjob nachgehen. Und dem 32-Jährigen wurde bei einem regionalen Industrie-Glasunternehmen in March eine Führungsfunktion in der Produktion angeboten, die der Diplom-Handelsfachwirt nicht ablehnen konnte. „Eishockey hat mich mein ganzes Leben lang begleitet. Für mich hat sich beruflich aber eine Chance ergeben, die ich mit 32 ergreifen möchte. Wer weiß, ob die Chance nochmals gekommen wäre?“

Doppelten Kieferbruch weggesteckt

Zudem bietet die Regionalliga die günstige Gelegenheit, den jahrelang auf Hochleistung getrimmten Modellathleten-Körper einige Gänge runterzufahren. „Ich will ja nicht auseinandergehen wie ein Hefekuchen“, bekennt er. Rießle ist jemand, der stets mit breiter Brust vorangeht. Im wahrsten Sinne des Wortes. So zog er sich vor drei Jahren bei einer Rettungsaktion vor dem Tor in Heilbronn einen doppelten Kieferbruch nach einem Schlagschuss zu. Was ihn nicht davon abhielt, auch künftig jeden Schuss in der eigenen Zone zu blocken.

Eine bessere Identifikationsfigur, die den Rhinos in der Vorsaison so sehr fehlte, kann sich der neue Trainer Cedrick Duhamel nicht wünschen. Vom viel zu früh verstorbenen „Mister Eishockey“, Thomas Dolak, über Peter Salmik, Leos Sulak bis zum erfolgreichen Schotten Peter Russell hat Philip Rießle die Zusammenarbeit mit jedem Trainer inspiriert, sein Repertoire und Spielverständnis erweitert. Pascal Winkel ist nach einigen personellen Schlappschüssen ein Monsterschlagschuss gelungen, der einem Sechser im Lotto ähnelt.

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Erstellt:
15. April 2020, 22:00 Uhr
Lesedauer:
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