„Rizzi“ feuert Ukrainer wegen Russland-Kritik

Baden-Baden (BNN) – Das Restaurant „Rizzi“ Baden-Baden steht nach der Kündigung eines Ukrainers in der Kritik. Zuvor hatte der 52-Jährige gegen den russischen Krieg gewettert.

Ärger mit Kiew: Das Restaurant Rizzi im Palais Gagarin in Baden-Baden hat einen ukrainischen Mitarbeiter gefeuert, weil er eine Wutrede gegen Russen ins Netz stellte. Dagegen protestiert der ukrainische Außenminister. Foto: Daniel Streib

Ärger mit Kiew: Das Restaurant Rizzi im Palais Gagarin in Baden-Baden hat einen ukrainischen Mitarbeiter gefeuert, weil er eine Wutrede gegen Russen ins Netz stellte. Dagegen protestiert der ukrainische Außenminister. Foto: Daniel Streib

Das Epizentrum des Shitstorms könnte friedlicher kaum sein. Das Palais Gagarin liegt zentral am Flüsschen Oos. Wo einst Angehörige des Fürsten Sergej Gagarin residierten, ein Direktor des Kaiserlichen Theaters in Sankt Petersburg, ist das Standesamt von Baden-Baden untergebracht. Im Erdgeschoss lockt das Restaurant Rizzi mit edlen Weinen und gehobener Küche.

Die Terrasse mit Blick auf die erblühende Lichtentaler Allee ist gut gefüllt an diesem Mittwoch. Innen sitzt kaum ein Gast. Dort war mehrere Jahre der Arbeitsplatz von Barmann Igor G. aus Odessa. „Igor kommt nicht mehr. Mehr kann ich dazu nicht sagen“, bedeutet auf Nachfrage eine Mitarbeiterin hinter dem Tresen.

Während das Ausscheiden von Igor G. an seinem bisherigen Arbeitsplatz keine Rolle mehr zu spielen scheint, herrscht im Internet Alarm. Das Restaurant Rizzi zog sich einen veritablen Sturm der Entrüstung zu, an dem sich sogar der ukrainische Außenminister beteiligte.

Restaurantbetreiber steht zur Kündigung

Darum geht es: Vergangenen Donnerstag erhielt Igor G., 52-jähriger Familienvater, eine außerordentliche Kündigung. Im Anschreiben des Arbeitgebers heißt es zur Begründung: „Leider sehen wir uns zu diesem Schritt aufgrund der von Ihnen ausgehenden Rufschädigung gezwungen.“ Der Mitarbeiter wird aufgefordert, alle Firmengegenstände bis diesen Donnerstag abzugeben.

Das Restaurant wird von der Palais Gagarin GmbH geleitet, ein Familienbetrieb des bekannten Baden-Badener Gastronomen Peter Schreck, der unter anderem das Wirtshaus in der Geroldsauer Mühle betreibt. Worin die Rufschädigung besteht, die das Restaurant anführt, geht aus dem Kündigungsschreiben nicht hervor. Deutlicher wurde das Unternehmen in einem Online-Beitrag: „Auf Instagram wurde ein Post von einem Mitarbeiter veröffentlicht, der bei vielen Menschen zurecht für Empörung und Unverständnis gesorgt hat.“ Man „verurteile jede Form von Rassismus“, heißt es. Deshalb habe man die Konsequenzen gezogen und sich mit sofortiger Wirkung von dem Mitarbeiter getrennt.

Auf Anfrage bekräftigt der Restaurantbetreiber seine Entscheidung. Igor G. habe zuletzt immer wieder „Gäste in unserem Restaurant aufgrund ihrer Nationalität verbal angegangen“, so Sprecherin Sina Wörter gegenüber unserer Redaktion. Nach „mehrmaliger Aufforderung der Unterlassung“ habe man sich getrennt, nachdem der Angestellte auch noch dieses Video veröffentlicht hatte.

Igor G. spart in seinem Video nicht mit beleidigenden Schimpfwörtern

Der zweimütige Selfie-Fim ist durchaus starker Tobak. Igor G. hat sich beim Lauftraining gefilmt. Er beginnt mit den Worten „Ruhm der Ukraine“, an seinem Trikot eine ukrainische Flagge. Doch der Mann mit Sonnenbrille, der schnaufend durch das sonnige Baden-Baden läuft, spricht Russisch. Er sagt: „Ich will, dass alle sehen, wie die ukrainische Flagge aussieht. Und dass jeder weiß, wie Russen reden, wenn es um sie geht.“

Igor G. sagt, er wisse genau, wie über Russen in seinem Restaurant geredet wird, und er scheint die russischen Rizzi-Besucher direkt zu adressieren, als er sagt: „Niemand freut sich über euch. Merkt euch das und denkt darüber nach, ob ihr sagen wollt, dass ihr Russen seid“. Anschließend zieht G. über den Feind her, der sein Land überfallen hat. „Tod euch allen.“ Der Läufer spart dabei nicht an kräftigen Schimpfwörtern, die im Russischen als derb und beleidigend gelten. „Das ganze russische Volk ist eine Hammelherde ohne Rückgrat“, wettert G. „Ich liebe mein Land“.

Zum Schluss, der Jogger hat angehalten und seinen Atem beruhigt, gibt er den (russischen) Zuschauern noch einen Rat mit auf den Weg. „Vergessen Sie, wer Sie sind. Wenn Sie Russen sind, betreten sie öffentliche Orte besser mit den Worten ,Ruhm der Ukraine‘, dann werden Sie normal behandelt.“ Es sei nur eine Empfehlung – und hier wird G. wieder derb – um nicht angegriffen zu werden. „Unsere Stadt ist ruhig, aber in Großstädten kann es Ärger geben. Ich sage Ihnen das, weil ich weiß, wie die Menschen reden.“

Rassistische Herabwürdigung aller Russen oder noch zulässige Meinungsäußerung eines vom Angriffskrieg auf seine Heimat traumatisierten Menschen? Um die Deutung des Videos wird heftig gestritten. Versteht man die Äußerungen gegen alle Russen gerichtet, wären sie rassistisch und könnten womöglich den Straftatbestand der Volksverhetzung erfüllen. Nach Paragraf 130 des Strafgesetzbuches (StGB) ist der „öffentliche Frieden“ gestört, wenn jemand „die Menschenwürde anderer dadurch angreift, dass er eine vorbezeichnete Gruppe, Teile der Bevölkerung … böswillig verächtlich macht oder verleumdet“.

Stadtverwaltung Baden-Baden weiß von nichts

Wie groß die Empörung über den renitenten Barmann vor seiner Entlassung tatsächlich war, ließ sich zunächst nicht nachvollziehen. Igor G. behauptete gegenüber einer ukrainischen Journalistin, dass einflussreiche russische Stammkunden die Empörung, etwa durch Bot-Attacken in sozialen Netzwerken, künstlich verstärkt hätten. In kürzester Zeit habe es massenhaft negative Kommentare auf dem Instagram-Account des Rizzi gegeben. Dem habe sich sein Chef dann gebeugt. Unterdessen sorgten nach der Kündigung ukrainische Accounts dafür, dass in kurzer Zeit etliche negative Bewertungen des Restaurants in Online-Portalen gepostet wurden. Trip Advisor schaltete deshalb die Kommentarfunktion des Eintrags ab.

Die ukrainischen Medien solidarisieren sich mit ihrem Landsmann in Deutschland und stören sich weder an der Wortwahl noch dem Ton seiner verbalen Angriffe gegen Russen. Die vorherrschende Meinung ist, dass Igor G. die „Wahrheit“ über den Krieg gesagt habe und Deutschland sich für die „Schande“ in Baden-Baden schämen sollte.

Auch der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba beteiligte sich. Auf Facebook schrieb er in einem langen Beitrag unter anderem: „Rizzi, du in Baden-Baden machst dir Sorgen um deinen Ruf in den Augen russischsprachiger Kunden. Und du solltest verstehen, dass dein Ruf jetzt ein Ende hat.“

Kuleba kündigte zudem rechtliche Schritte an und erwähnte auch die Stadt Baden-Baden, der das Palais Gagarin gehört. Ein Sprecher der Stadtverwaltung sagte, noch sei nichts davon bekannt, „dass sich eine ukrainische Institution wegen dieses Falles mit uns in Verbindung gesetzt“ hätte.

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