Robert Koch starb 1910 in Baden-Baden

Baden-Baden (sr) – Von Baden-Baden hat sich der berühmte Mediziner Robert Koch vor 110 Jahren Heilung versprochen – ím Sanatorium Dr. Dengler hörte sein krankes Herz auf zu schlagen.

Nobelpreisträger Robert Koch: Das nach ihm benannte Institut ist in Corona-Zeiten in aller Munde. Archivfoto: picture alliance/dpa

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Nobelpreisträger Robert Koch: Das nach ihm benannte Institut ist in Corona-Zeiten in aller Munde. Archivfoto: picture alliance/dpa

Von der russisch orthodoxen Himmelfahrtsbasilika mit vergoldeter Zwiebelkuppel und großer Geschichte führt ein von Platanen beschatteter Weg in einer S-Kurve auf die Maria- Viktoria-Straße zu. Dieser trägt seit 1932 den Namen des bedeutenden Mediziners Robert Koch, der am 27. Mai 1910 in Baden-Baden starb. Die Robert-Koch-Straße mündet an der Ecke der Villa Maria Viktoria, ein eleganter Bau im italienischen Neo-Renaissance-Stil mit Rundturm, Loggia und hübschen in Tondi eingeschriebenen Büsten.

Hygiene vor Biedermeierbild

Freilich gibt es darunter keine Porträtbüste des Nobelpreisträgers der Medizin. Denn die Villa wurde bereits in den 1870er Jahren gebaut, zählte unter ihren Bewohnern selbst kluge Köpfe wie den Theologen Mathias Watterich, der unter anderem gelehrte Bücher zur Papstgeschichte verfasste. Kaum hätte auch der Architekt Ludwig Lang, übrigens ein Schüler der Baumeister Hübsch und Eisenlohr, Robert Koch im Sinn gehabt. Schließlich wurde Koch spätestens 1882 mit seinem Vortrag zur Ätiologie der Tuberkulose und erst recht 1905 mit der Verleihung des Nobelpreises weltberühmt. Die Tuberkulose wurde auch als Weiße Pest umschrieben und hatte sich im 19. Jahrhundert zu einer Volkskrankheit entwickelt. Zudem erforschte Koch die Cholera. 1885 erhielt der Mediziner am neugegründeten Hygienischen Institut in Berlin eine Professur für Hygiene.

Robert Koch hatte im Gebiet der Bakteriologie eine ähnliche Schlüsselstellung wie Louis Pasteur in Frankreich. Nur dass in Deutschland Bakterien als grundsätzlich schädlich angesehen wurden, während man diesen in Frankreich bei Nahrungsmitteln wie Käse etwa eine gewisse Nützlichkeit einräumte. Später wurde aus dem Institut das „Königlich Preußische Institut für Infektionskrankheiten“. Ein früherer Aufenthalt des Mediziners in Baden-Baden ist nicht bekannt und eher unwahrscheinlich.

Lange vor Koch weilte mit Paracelsus, der auch Bombastus von Hohenheim genannt wird, ein weiterer Heilkundiger der Renaissance-Zeit in Baden-Baden.

Paracelsus sollte den Markgrafen Philipp von Baden von seinen Leiden heilen. Allerdings wurde er um seinen Lohn geprellt. Wie könnte es an einem mit heißen Quellen und zum Badewesen ausersehenen Ort anders sein, er wird zum Ziel von Ärzten und Patienten gleichermaßen. Immerhin erhielt Paracelsus viel später eine Entschädigung, indem man für seinen Nachruhm sorgte. Eine Büste in einem Tondo an der prunkvollen Fassade des imperialen Friedrichsbades aus den 1870er Jahren zeigt den Renaissanceheilkundigen in Nachbarschaft von römischen Imperatoren.

Robert Koch war schwer erkrankt, als er Baden-Baden aufsuchte. Er kam als Patient zu dem mit ihm befreundeten Arzt Dr. Dengler, in der Hoffnung, für sein schweres Herzleiden Heilung zu finden. Auch hatte die Klinik Frey-Dengler einen guten Ruf. Erst im Jahr 1906 gegründet, waren viele prominente Patienten in dem Sanatorium, das dank seiner Lage auf dem Michaelsberg und der schlichten Neo-Barockarchitektur etwas von der Zauberberg-Atmosphäre Thomas Manns hat. Im Gästebuch findet sich kein Eintrag Robert Kochs, dafür aber anderer Prominenter. Man liest von der Zufriedenheit mit der Therapie bei Ludwig Mendelssohn-Bartholdy, einem Enkel des berühmten Komponisten, oder findet französische Verse von Luise Großherzogin von Baden. Wen wundert es also, wenn sich Robert Koch anschickte, gerade dieses Sanatorium aufzusuchen. Allerdings sollte es ein kurzer Aufenthalt werden.

Urne ins Mausoleum des Berliner Instituts gebracht

Nach überstandener Bahnfahrt aus dem weit entfernten Berlin war der Patient Koch von Anfang an bettlägerig, wie Quellen aus dem Stadtarchiv Baden-Baden berichten. Eine Teilnahme an Geselligkeiten des Heilbades war ausgeschlossen. Nach zwei Wochen verstarb Robert Koch. In einem zeitgenössischen Bericht heißt es: „Der Arzt fand ihn in den Sessel zurück gesunken, den Blick ins Freie gerichtet, wo im Tal der Oos die Bäume blühen, rosa und weiß.“ Robert Kochs Leiche wurde im hiesigen Krematorium eingeäschert, die Urne nach Berlin überführt und in das Mausoleum des Instituts verbracht.

Schnell kamen Beileidstelegramme von Kaiser Wilhelm II. und vom Großherzog von Baden. In Baden-Baden fand das kurze Schlusskapitel des Forscherlebens sein Ende. Freilich ist auch das nicht unumstritten. Denn Koch neigte durchaus zu Tierversuchen und auf seinen Expeditionen wurde selbst vor Versuchen an Menschen nicht zurückgeschreckt, ein dunkles Kapitel allgemeiner Kolonialgeschichte.

Gefährlichen Epidemien konnte ehedem im ersten Heilbad Badens erfolgreich gewehrt werden. Man wäre heute froh, wenn dies im Angesicht der Corona-Pandemie so einfach ginge. So schreibt der aus dem damaligen Hotel Messmer stammende Schriftsteller Reinhold Schneider in seinem Buch „Der Balkon“ – sehr lesenswerten Erinnerungen an ein Grand Hotel mit kulturhistorischen Streifzügen – Folgendes: „Wenn eine Seuche oder gar die Pest sich heranwälzte, so ließen die Bürger die flinken heißen Quellen über die Treppen und durch die Straßen laufen.“ Heute dagegen setzt man auf vorbildliche Hygiene-Konzepte in Museen wie etwa dem Frieder-Burda-Museum oder der Kunsthalle und besonders auch in Hotels.

Im Sinne der Hygiene eines Robert Koch verfährt man auch in Brenners Park-Hotel. Im Foyer prangt über einem Konsoltisch das Porträt einer jungen unbekannten Schönen von Gustav Stobwasser von 1844. Davor aufgestellt ist ein Hygienemittel-Spender von feinster Art, mit weißen Orchideen geschmückt und in silbernem Alu-Look. Das Bildnis der Biedermeier-Schönen wird in diesem Kontext gleichsam zur Göttin Hygeia stilisiert, vor der man sich als Gast des Hauses in aller Unschuld die Hände desinfizieren kann. Bekanntlich gab Hygeia sogar Traumorakel und erteilte medizinische Ratschläge. Im Eid des Hippokrates kommt Hygeia vor. Wenigstens ist der Anblick der schönen Biedermeierdame erfreulich. Goldene gedrehte Locken, blassblaue Augen schauen aus dem niedlichen Gesicht, ein reiches Blumenbouquet aus Rosen vor der Brust und Efeuranken im Hintergrund des goldgerahmten Kabinettstücks der Porträtkunst lassen vielleicht auf eine bessere Zukunft hoffen.


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