Rollendebüt bei „Mazeppa“: Olga Peretyatko im BT-Interview

Baden-Baden (cl) – Die Berliner Philharmoniker gastieren vom 6. bis 12. November in Baden-Baden. Im BT-Interview spricht Olga Peretyatko, Star der konzertanten Oper „Mazeppa“, über ihr Rollendebüt.

Olga Peretyatko glamourös: Im Festspielhaus gibt die russische Sopranistin hingegen in der Tschaikowsky-Oper „Mazeppa“ am 10. November ihr Rollendebüt als naive Maria.  Foto: Alikhan

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Olga Peretyatko glamourös: Im Festspielhaus gibt die russische Sopranistin hingegen in der Tschaikowsky-Oper „Mazeppa“ am 10. November ihr Rollendebüt als naive Maria. Foto: Alikhan

Olga Peretyatko ist im Festspielhaus Baden-Baden ein häufiger Gast. Nun feiert die russische Sopranistin ihr Rollendebüt mit der Maria in „Mazeppa“. Georg Rudiger hat sich mit der 41-Jährigen, in Luzern lebenden Sängerin unterhalten. Ein Gespräch über Wiegenlieder, die Geburt ihrer Tochter und die Faszination von Kirill Petrenkos Probenarbeit.

BT: Frau Peretyatko, nächste Woche ist die Premiere von Tschaikowskys Oper „Mazeppa“, die konzertant im Festspielhaus Baden-Baden zu hören sein wird. Sie singen die große Partie der Maria, die sich zwischen der Liebe zu ihrem Vater und der zum Kosakenführer Mazeppa entscheiden muss. Am Ende wird ihr Vater getötet, wodurch sie den Verstand verliert. Was für eine Frau ist diese Maria?
Olga Peretyatko: Sie ist auf jeden Fall naiv. Und hin- und hergerissen zwischen ihren Eltern und Mazeppa. Für die Figur der Maria gab es ein historisches Vorbild: die platonische Liebe zwischen einer jungen Frau und einem 50 Jahre älteren Mann. Puschkin hat diese Beziehung in seinem Gedicht „Poltava“, das die Vorlage für das Libretto bildet, noch viel dramatischer gemacht. Die Oper ist ein echter Psychothriller.

BT: Eigentlich sollte die Oper szenisch aufgeführt werden.
Peretyatko: Es ist sehr schade, dass diese Inszenierung der Corona-Pandemie zum Opfer fiel. Der Regisseur Dmitri Tcherniakov, den ich dem Festspielhaus Baden-Baden vorgeschlagen hatte, als ich für die Partie angefragt wurde, hätte diese Geschichte in die Gegenwart geholt und vom Konflikt zwischen Russland und der Ukraine erzählt. Wie in der Oper werden auch heute die Familien auseinandergerissen, keiner spricht mehr mit dem anderen. Ich selbst bin Russin, trage aber einen ukrainischen Nachnamen. Und Kirill Petrenkos Vater stammt aus der Ukraine.

BT: Die Partie ist ein Debüt für Sie. Wo liegen die besonderen Herausforderungen?
Peretyatko: Die Oper ist groß instrumentiert, da muss man als Sängerin zunächst aufpassen. Aber seit der Geburt meiner Tochter ist meine Stimme tiefer und auch noch kräftiger geworden. Außerdem ist die Partie der Maria eher lyrisch angelegt. Die Männerpartien sind viel extremer. Kochubi, Marias Vater, braucht einen extrem tiefen Bass. Und Mazeppa muss von einem Sänger gesungen werden, der sowohl eine große Höhe als auch eine kräftige Tiefe hat. Vladislav Sulimsky bringt dieses Kunststück fertig.

BT: Eine besondere Rolle spielt ein Wiegenlied, das Maria ganz am Ende für den sterbenden Andrei singt, der sie in ihrer Jugend geliebt hat. Wie empfinden Sie diesen Schluss der Oper?
Peretyatko: Emotional ist dieses Ende extrem, musikalisch endet die Oper aber im Pianissimo. Maria ist durch den Tod ihres Vaters verrückt geworden. Sie ist nicht mehr ganz auf dieser Welt und wandert orientierungslos durch die Wälder. Sie erkennt auch Andrei nicht mehr.

BT: Ihr neues Album besteht aus 22 Wiegenliedern aus aller Welt – von Brasilien bis China – in neun verschiedenen Sprachen. Während des Probenprozesses erfuhren Sie von Ihrer Schwangerschaft. Das Album heißt nun „Songs for Maya“ und ist Ihrer Tochter gewidmet. Hat sich Ihre Beschäftigung mit den Wiegenliedern verändert, nachdem sie wussten, dass Sie Mutter werden?
Peretyatko: Oh ja. Semjon Skigin, mein früherer Professor für Liedbegleitung an der Hanns-Eisler-Musikhochschule in Berlin, wollte schon länger mit mir dieses Wiegenliedprojekt machen, aber ich hatte nie Zeit. Zu Beginn des ersten Lockdowns im Frühjahr 2020 rief er mich an und sagte: „Jetzt hast Du keine Ausrede mehr.“ Wir haben dann jeden zweiten Tag an der Berliner Staatsoper geprobt, mit Maske und viel Abstand. Insgesamt studierten wir 36 Wiegenlieder ein.
Als ich von meinem Arzt erfahren habe, dass ich schwanger bin, wollte ich das zunächst niemandem sagen, selbst meiner Mutter nicht. Aber Skigin meinte in einer Probe: „Du klingst irgendwie anders.“ Dann konnte ich natürlich nicht mehr schweigen. Die CD haben wir dann in wenigen Tagen im September 2020 im Pierre-Boulez-Saal aufgenommen. Für mich ist das Album natürlich ein sehr persönliches Projekt, weil ich die Lieder für meine Tochter gesungen habe, die aber noch nicht auf der Welt war. Ich wünsche mir natürlich, dass mein Kind in Frieden aufwachsen kann und eine schöne Zukunft hat, aber gerade in der Corona-Pandemie sind so viele Konflikte eskaliert. Das letzte Lied „Mantra“ habe ich in 19 Sprachen aufgenommen und dabei versucht, eine Brücke zu schlagen. Ich singe dieses Mantra deshalb auf Russisch und Ukrainisch, auf Armenisch und Aserbaidschanisch, auf Hebräisch und Arabisch. Jeder kann mitsingen. Und es funktioniert wunderbar als Schlaflied, zumindest bei meiner Tochter.

BT: Drei Wochen nach der Geburt Ihrer Tochter kamen Sie ins Festspielhaus Baden-Baden, um ein Rezital in einem digitalen Konzert zu geben. Hat sich Ihre Stimme durch die Schwangerschaft verändert?
Peretyatko: Ich habe mir ein bisschen Sorgen gemacht, dass ich meine Höhe verliere, aber im Gegenteil: Meine Stimme hat noch an Strahlkraft gewonnen. Außerdem verschieben sich die Prioritäten. Meine Tochter steht im Mittelpunkt. Deshalb habe ich gar kein Lampenfieber mehr. Auch wenn ich nur zwei Stunden bekomme – Singen kann ich immer.

BT: „Mazeppa“ wurde bereits für die Osterfestspiele geprobt, Ihre erste Zusammenarbeit mit Kirill Petrenko. Wie haben Sie ihn erlebt?
Peretyatko: Kirill Petrenko ist detailbesessen, aber in einem guten Sinn. Er möchte besondere Farben herausarbeiten und arbeitet stark mit Kontrasten. Dabei erklärt er immer, warum er für eine bestimmte Stelle einen besonderen Klang möchte – das ist für das Orchester wichtig. Wir hatten die Oper schon aufführungsreif geprobt. Jetzt haben wir die Musik für ein paar Monate liegen lassen und greifen sie wieder auf. Das wird die Interpretation nochmals auf ein anderes Niveau heben, wenn wir uns jetzt in den drei Aufführungen in Baden-Baden und Berlin dieser großartigen, ganz selten gespielten Oper widmen.

BT: Sie kommen nun wieder nach Baden-Baden, wo sie erstmals 2012 als Einspringerin von Miah Persson in Donizettis „Liebestrank“ gastierten. Was verbinden Sie mit der Stadt und dem Festspielhaus?
Peretyatko: Seitdem habe ich im Festspielhaus unter anderem zwei Silvestergalas gesungen, „Hoffmanns Erzählungen“ konzertant und „La Traviata“ szenisch aufgeführt. Baden-Baden ist eng mit der russischen Geschichte verwoben. Es ist eine wunderschöne Stadt – vielleicht werde ich irgendwann dort wohnen. Man ist mitten in der Natur und kann wunderbar Spazierengehen. Das mache ich gerade ohnehin jeden Tag mit meiner Tochter.

Zum Thema: Berliner Residenz im Probenstadium

„Wir befinden uns in der Honeymoon-Phase“ – und das möglichst lange, hatten die Berliner Philharmoniker kurz vor ihren ersten Osterfestspielen mit dem neuen Chefdirigenten Kirill Petrenko geschwärmt – das war im Frühjahr 2020. Bekanntlich fielen die Osterfestspiele 2020 coronabedingt aus, 2021 gab es immerhin ein digitales Hausfestspiel zu Ostern, dafür musste der Ersatztermin im Mai erneut abgesagt werden.

Aber jetzt gastiert das Traditionsorchester aus Berlin definitiv zum Baden-Badener Festival im Spätherbst, um gemeinsam mit Chef Petrenko, mit dem die Musiker längst bestens vertraut sind, ihren verspäteten gemeinsamen „Festspielaufschlag“ in Baden-Baden vom 6. bis 12. November zu machen. Am Donnerstag haben die Proben für die beiden Orchesterkonzerte mit Schuberts C-Dur-Sinfonie „Die Große“, mit Felix Mendelssohn Bartholdys „Schottischer Sinfonie“ und Dmitri Schostakowitschs zehnter Sinfonie in e-Moll begonnen. Am Freitag reist die in der Schweiz lebende russische Sopranistin Olga Peretyatko an, um in die Proben zur immerhin konzertanten Aufführung der Tschaikowsky-Oper „Mazeppa“ einzusteigen. „Wir müssen momentan noch Abstriche machen, aber konzertant ist besser als keine Oper“, hatte Petrenko bereits im März kommentiert. In Anlehnung an die russische Musiktradition Baden-Badens ist mit der Neuinszenierung von Tschaikowskys „Pique Dame“ dann zu Ostern 2022 eine regelrechte Biennale der russischen Oper im Festspielhaus geplant.

Das Gastspiel der Berliner Philharmoniker wird am Samstagabend mit dem Orchesterkonzert I im Festspielhaus eröffnet, „Mazeppa“ wird am 10. und 12. November aufgeführt. Dazwischen sind zwei Kammerkonzerte in der Bernharduskirche (9.11.) und im Florentinersaal des Casinos (11.11.) vorgesehen. Es gelten die 3G-plus-Regeln, geimpft, genesen oder mit PCR-Test; die Besucher müssen während des Konzerts Maske tragen.

Ihr Autor

Georg Rudiger, BT-Redakteurin Christiane Lenhardt

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Erstellt:
4. November 2021, 21:00 Uhr
Lesedauer:
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