Rookie Tim Stützle startet voll durch

Baden-Baden(mi) – Leon Draisaitl ist als MVP der Vorsaison ein Topstar in der Eishockey-NHL. Als nächster Deutscher könnte ihm Rookie Tim Stützle nacheifern, der bei den Ottawa Senators überzeugt.

Tim Stützle bejubelt einen seiner bislang fünf Saisontreffer. Foto: Daniel Lea/dpa

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Tim Stützle bejubelt einen seiner bislang fünf Saisontreffer. Foto: Daniel Lea/dpa

Bei Günther Jauch wäre das bei „Wer wird Millionär“ die definitive Jackpot-Frage über eine Million Euro gewesen. Der kanadische Jauch hieß Alex Trebek, der im November im Alter von 80 Jahren verstarb. Er moderierte jahrzehntelang die Rateshow „Jeopardy“. „Wer ist Tim Stützle?“ wäre in Übersee höchstens mit 250.000 Dollar durchgegangen. Ganz einfach deshalb, weil Kanadier eishockeyverrückt sind, und es nicht wenige gibt, die nicht lange gegrübelt hätten, um die richtige Antwort zu wissen: Profi der Ottawa Senators.
Wer beim NHL-Draft als Nummer drei ausgewählt wird, ist in Kanada mehr als eine Randnotiz. Die Talenteziehung ist dort Big Business, und der 19-Jährige könnte in der besten Liga der Welt eine große Nummer werden. Die nächste deutsche Verheißung nach Leon Draisaitl, der 2014 auch als Nummer drei gezogen und als bester Spieler der Welt (MVP) in der Vorsaison ausgezeichnet wurde. „Für das deutsche Eishockey ist das natürlich riesig“, war Draisaitl auch einer der ersten Gratulanten.

Seit der Junioren-WM zum Jahreswechsel, als er das DEB-Team mit fünf Toren und fünf Assists als Kapitän erstmals ins Viertelfinale führte und zum besten Stürmer des Turniers gewählt wurde, gilt der gebürtige Viersener als einer der heißesten Rookies. Ottawas Generalmanager Pierre Donion schwärmt: „Seine Spielmacherfähigkeiten werden unsere Fans über Jahre begeistern. Er wird bei uns ein Schlüsselspieler.“ Angedeutet hat er das schon in den ersten beiden Saisonmonaten. Er steht aktuell bei fünf Toren und fünf Assists. Der in Kanada gehypte Nummer-eins-Draft Alexis Lafreniere von den New York Rangers hat bislang gerade mal zwei Punkte verbucht.

In Mannheimer Nachwuchsakademie

Dass der in der Mannheimer Nachwuchsakademie zum Topspieler herangereifte Stützle wegen Corona den Draft im Oktober virtuell am Bildschirm mitten in der deutschen Nacht zur Hausparty umfunktionierte und einige seiner Adler-Teamkollegen einlud, spricht für seinen Charakter. „Meine Kollegen hatten einen großen Anteil daran, wie die vergangene Saison für mich gelaufen ist. Insofern haben sie es verdient, dabei zu sein.“ Der Teamgedanke ist fest in ihm verankert, von anderen zu lernen, empfindet er als Geschenk. Trainer Pavel Gross hat ihn vorbildlich gefördert und gefordert. „Dass ich mit Pavel immer noch Extraschichten nach dem Training einlegen konnte, hat mir sehr viel geholfen. Er hat versucht, mich besser zu machen.“

In der ersten Adler-Reihe wusste er mit dem früheren NHL-Profi Ben Smith und Tommi Huhtala erfahrene Lehrmeister neben sich. Sie gaben ihm jede Menge Tipps und Hilfestellung. „Ich habe versucht, so viel wie möglich aufzusaugen.“ In der Adler-Kabine erhielt er vom 699-fachen NHL-Profi Marcel Goc Einblicke, was ihn über dem großen Teich erwartet. „Ich möchte eine lange Karriere in der NHL haben und nicht nach einem Jahr wieder zurück nach Europa wechseln.“

Die NHL-Scouts haben bei ihren DEL-Besuchen nicht nur seine sieben Tore und 27 Assists in 41 Spielen, seine Zweikampfstärke und läuferische Klasse begutachtet, sondern sein ganzes Umfeld durchleuchtet. „Die wollten so ziemlich alles wissen. Was meine Eltern machen, wie die Schule läuft, wie das Training in Mannheim so ist. Es geht jedenfalls nicht nur um Eishockey. Sie wollen erfahren, wie man als Typ so drauf ist.“

NHL-Team im Neuaufbau

Dass Stützle von einem Loserteam in Kanadas Hauptstadt ausgewählt wurde, das in der Vorsaison Vorletzter der Eastern Conference war, seit 2017 regelmäßig die Playoffs verpasste und noch nie den Stanley Cup gewann, könnte für die Nummer 18 zum Vorteil werden. „Sie sind gerade im Neuaufbau, haben eine junge Mannschaft, daher ist dies das Beste für mich. Da habe ich die größte Möglichkeit, schnell zu spielen, was mein Ziel ist.“

Gesagt, getan. Sein NHL-Debüt gab er an seinem 19. Geburtstag, im zweiten Spiel erzielte er sein erstes Tor. „Ich will den Puck haben und loslegen“, sagte er. In Ottawa ist der erfahrene Derek Stepan sein Mentor. „Ich sagte zu meiner Frau: Wir haben drei kleine Kinder zu Hause, und ich habe noch einen jungen Deutschen adoptiert“, scherzte der 30-Jährige. „Tim ist ein kluger Junge, er wird ein phänomenaler Superstar“, glaubt Moritz Seider.

Der 19-jährige Verteidiger ist sein Kumpel, wurde selbst im Vorjahr in Runde eins an sechster Stelle gedraftet, entstammt ebenso der Adler-Schmiede. „Er hat all das Talent der Welt. Es ist seine Aufgabe, sich den Traum zu erfüllen“, sagt Draisaitl. Gegen die Edmonton Oilers, als Draisaitl mit sechs Assists einen neuen persönlichen Rekord aufstellte, markierte Stützle auf der Gegenseite sein zweites Tor. Gegen Montreal verbuchte er gleich drei Scorerpunkte in einem Spiel. Coach D.J. Smith: „In seinem Alter ist das unglaublich, was er hier macht. Man hat das Gefühl, dass er alles kann. Er ist auch der beste Eisläufer im Team.“ Die Vergleiche mit Deutschlands Sportler des Jahres verfolgen den Jungprofi auf Schritt und Tritt. Der neue Hoffnungsträger lehnt sie nicht ab, er sieht Draisaitl fast pflichtbewusst als Vorbild („Das ist auch mein Ziel, so zu sein“), der Linksaußen verweist aber stets auf sein eigenes Profil. „Ich bin ein anderer Typ als Leon. Ich versuche einfach, mein Ding zu machen, meinen Weg zu gehen.“

Ursprünglich waren nicht die Adler als Sprungbrett in die große Eishockey-Welt geplant, sondern der Umweg über die Universität in New Hampshire. Denen hatte Stützle schon die Zusage gegeben. Er entschied sich nach Gesprächen mit Pavel Gross anders. „Timmi gehört zu der Kategorie junger Spieler, die genau wissen, wie gut sie sind. Sie haben ein gesundes Selbstvertrauen“, wusste der Coach schnell, dass er ein Juwel betreut.“

„Je früher man gegen Männer spielen kann, umso besser“, erkannte der Vielbegehrte. In der langen Sommerpause habe „ich einige Kilo Muskelmasse drauf gepackt. Jeder Spieler in dieser Liga ist einfach so gut“. Gegen Hünen der Marke Ikea-Schrank kann er täglich zeigen, dass das zweite Supertalent genauso einschlägt wie der 25-jährige Draisaitl.

Im Gegensatz zum bekanntesten Deutschen in Kanada hat er nur ein Problem: seinen Nachnamen. Den Umlaut kennt man in Übersee nicht, schon die Aussprache wird zur Herausforderung. TV-Sender und Wettbüros ließen Wetten laufen, welche Schreibweise auf seinem Senators-Trikot steht: Stützle, Stuetzle oder Stutzle? Der Umlaut machte das Rennen. Was bei ihm hinten draufsteht, steckt auch drin. Eine Edelmarke.

Ihr Autor

BT-Redakteur Michael Ihringer

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Erstellt:
24. Februar 2021, 22:00 Uhr
Lesedauer:
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