„Rosenkranzklepperle“ und „wilde Christen“ im Rebland

Das Reblandmuseum in Steinbach widmet einen Raum dem Weinort Varnhalt. Das Museum ist am Sonntag, 4. Oktober, wieder geöffnet.

Museumsleiter Konrad Velten zeigt die Vereinsfahne aus Samt des Männergesangvereins.  Foto: Christina Nickweiler

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Museumsleiter Konrad Velten zeigt die Vereinsfahne aus Samt des Männergesangvereins. Foto: Christina Nickweiler

Erstmalig ist im Reblandmuseum in Steinbach eine Sammlung zu sehen, die ausschließlich dem Weinort Varnhalt gewidmet ist. Mit neuen Exponaten arrangierte Museumsleiter Konrad Velten eine Ausstellung, die sich durch die Kirchen-, Weinbau- und Brauchtumsgeschichte bewegt und Besucher in den Glanz vergangener Zeiten entführt.
Schon beim Betreten des Museums fällt im Erdgeschoss des Museums eine historische Löschpumpe der Feuerwehr ins Auge. Im ersten Stock befindet sich ein eigener Raum, der von den Mitarbeitern des Museums „Varnhalter Zimmer“ genannt wird.

Ganz prominent weist in dem Ausstellungsraum ein Festplakat von 1952 auf einen großen Festumzug Anfang August jenes Jahres hin. Das Motto des Umzugs lautete: Varnhalt und seine Weine. Beim Festumzug beteiligten sich Fußgruppen, die neben einem Yburgwagen und Bacchuswagen auch die Varnhalter Lagen mit Festwagen repräsentierten. Mit weiteren Programmpunkten wie einem „Fackelzug durch die illuminierte Dorfstraße“ einem bengalischen „Feuerzauber“ und einem weiteren „Festzug der Winzerjugend“ huldigte die Bevölkerung dem Wein, der den Ort seit Jahrhunderten prägt.

Ein Satz am unteren Rand des Plakats lässt das Herz Konrad Veltens als ehemaliger Eisenbahner höher schlagen, der Hinweis auf die „Bahnstation“ in Steinbach. Von dort verkehrte eine direkte Busverbindung zwischen Bühl und Baden-Baden, sodass die Festgäste problemlos nach Varnhalt gelangen konnten.

Wuchtige sonnenförmige Krone

Die Sonne, die flächendeckend auf dem Aushang zu sehen ist, zieht sich wie ein roter, oder eher wie ein leuchtend gelber Faden durch die Sammlung. Denn wie auf einigen Fotografien zu sehen ist, trug die damalige Weinkönigin Mechthilde Müller-Trefzer eine wuchtige sonnenförmige Krone auf ihrem Haupt. In ihrem Gefolge gab es auch eine Varnhalter Weinprinzessin, Mechthilde Reuschling, deren langes Festkleid in Farbe „traubengrün“ sowie ihre vornehmen Netzhandschuhe bei der Ausstellung zu sehen sind.

Die Affinität der Varnhalter zu „Hoheiten“ lässt sich ebenso am Pfingstbrauch ablesen, der bis heute gepflegt wird. Einige Fotografien des Pfingstkönigs aus den 1930er Jahren sind in einer eigenen Ecke zu sehen. Sämtliche Exponate stammen von Varnhalter Winzerfamilien. Ergiebig war auch die Ausbeute nach Geschichtsträchtigem, als sich 2006 die Varnhalter Winzergenossenschaft (WG) aufgelöst hatte. So sind neben einer Mostschapf und einer Drei-Liter-Bocksbeutelflaschen auch ein Holztablett in Bocksbeutelform mit Probiergläschen von Weinproben der WG zu sehen.

In einer Vitrine schlummert nach Ansicht des Museumsleiters ein wahrer Schatz: eine rund 200 Seiten starke Chronik über Varnhalt seit Ende des 19. Jahrhunderts. Die Schwierigkeit: Die Chronik wurde komplett in Sütterlinschrift verfasst. Die Transkription ist eine zeitaufwendige Fleißaufgabe, weiß Konrad Velten.

Auf der anderen Seite des Varnhalter Salons wirkt ein großer Schreibtisch aus massivem Nussbaumholz fast schon staatstragend. Denn daneben steht eine „königsblaue“ Fahne aus Samt, und über dem Schreibtisch hängt ein Porträtbild des ehemaligen Bürgermeisters von Varnhalt, Edmund Frank. Das Porträtbild malte das Varnhalter Urgestein Margrit Liebich.

Bei genauerem Blick entpuppt sich die Standarte als die Vereinsfahne des 1888 gegründeten und vor wenigen Jahren aufgelösten Männergesangvereins. Der Schreibtisch, der um 1900 entstanden sein dürfte, stand einst im Behandlungszimmer des früher in Steinbach praktizierenden Arztes Dr. Hans App.

Streifzug durch die Kirchengeschichte

Einen Streifzug durch die Varnhalter Kirchengeschichte gibt es in einem separaten Raum. Besonders eindrucksvoll: das Harmonium, das in der abgerissenen Notkirche stand. Bereits 1984 erstellte Michael Binz vom historischen Verein ein Modell der Notkirche. Neben den sehenswerten Exponaten steuert Museumsleiter Velten stets Hintergrundinformationen bei, die der Sammlung eine kurzweilige Note verleihen. So habe man in früheren Zeiten hinsichtlich der um die Jahrhundertwende errichteten Notkirche die Varnhalter im Spaß „wilde Christen“ genannt. Umgekehrt hätten die Varnhalter die Neuweierer als „Rosenkranzklepperle“ gefrotzelt.

Konrad Velten hofft, dass sich gerade die Varnhalter Vereine, aber auch Familien angesprochen fühlen, die einmalige Ausstellung zu besuchen.

Das Reblandmuseum in Steinbach, Steinbacher Straße 62, ist am kommenden Sonntag, 4. Oktober zwischen 15 und 17 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei.

Ihr Autor

Christina Nickweiler

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Erstellt:
1. Oktober 2020, 14:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 57sec

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