Rundgang auf jüdischem Friedhof in Bühl

Bühl (mf) – Verwunschener Ort mit langer Geschichte: Der jüdische Friedhof bietet eindrucksvolle Grabsteine mit poetischen Inschriften. An dem Rundgang vor Ort haben viele Interessierte teilgenommen.

Für die Teilnehmer der Führung steht das Tor zum jüdischen Friedhof offen. Foto: Martina Fuß

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Für die Teilnehmer der Führung steht das Tor zum jüdischen Friedhof offen. Foto: Martina Fuß

„Es ist ein kleiner, verwunschener, ja mystischer Ort“, sagt Michael Rumpf. Seine Zuhörer fordert der Leiter des Stadtgeschichtlichen Instituts der Stadt Bühl auf, diese besondere Atmosphäre selbst zu erspüren. „Gehen Sie über den Friedhof und schauen Sie sich die Grabsteine an. Es ist ein besonderer Platz, an dem man Geschichte greifen kann.“

Im Festjahr „1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“, an dem sich auch der Landkreis Rastatt und der Stadtkreis Baden-Baden beteiligen, bietet die Stadt Bühl vier Veranstaltungen an. Eine davon ist dieser Rundgang am stillen, novembergrauen Sonntagnachmittag über den jüdischen Friedhof. Die mit einer Hainbuchenhecke und Zaun umgrenzte Fläche ist die letzte Ruhestätte jüdischer Bürger aus Bühl. Sie befindet sich auf dem höher gelegenen, ehemaligen Gewann Honau, am Ende der Carl-Netter-Straße.

„Nach dem Rundgang an die Stätten jüdischen Lebens durch die Innenstadt war auch der Besuch des Friedhofes innerhalb kürzester Zeit ausgebucht und wir mussten vielen Interessenten absagen“, berichtet Rumpf vom großen Interesse. Die letzte Veranstaltung in dieser Reihe richtet morgen um 18 Uhr im Stadtmuseum den Blick auf die Schmuckstücke der Judaica-Sammlung und damit auf die Religion und uralte Traditionen.

Michael Rumpf ist ein profunder Kenner des Friedhofes. Er bietet den zwanzig Besuchern eine Fülle von Informationen, Geschichten und Hinweisen. Seit vier Jahrzehnten beschäftigt er sich beruflich mit diesem Ort. Ein Buch mit Texten, übersetzt aus dem Hebräischen und Erklärungen zu jedem Grab gibt Zeugnis davon. Rumpf kannte diesen Ort schon, als er unverschlossen und jederzeit zu betreten war. Nachdem im Jahr 1942 alle Metallteile, auch das Tor für eine Wiederverwertung abgesammelt wurden, blieb er lange ohne Eingrenzung.

Heute hat der Friedhof wieder ein schönes Tor, das abgeschlossen bleibt. Der Grund dafür liegt in der Religion begründet, denn hier wird den Toten auf ewig ungestörte Ruhe gewährt. „Es gibt keine Liegezeiten und kein Abräumen. Der Friedhof muss dauerhaft erhalten bleiben, daher ist er abgeschlossen“, so Rumpf.

Statt Blumen werden eher Steine abgelegt

Gerade diese Unverletzlichkeit der Totenruhe mache diesen Friedhof zu einer unerschöpflichen Geschichtsquelle. So habe er die Familie Wertheimer bei einem Besuch in Bühl auf den Friedhof begleitet. Fünf Generationen der Familie liegen hier begraben. Blumenschmuck gibt es hier nicht, denn der Ort soll Teil der Landschaft sein. Eher werden Steine auf dem Grab abgelegt, eine Tradition, die aus heißen Ländern stammt. Dafür sind die Grabsteine umso eindrucksvoller, manche archaisch wie ein Gebetstafel, andere mit Symbolen versehen, wie etwa die abgebrochene Säule, eine Schlafmohn-Kapsel oder eine Kanne als Zeichen für den Dienst des Leviten. Segnende Hände auf dem Grab des Priesters Samuel Kahn zeige, dass er zu den Kohanim gehörte, die direkten Dienst am Altar ausüben durften. Es gibt neogotische und neoromanische Steine, die von christlichen Bühler Steinmetzen erstellt wurden. Die ältesten Grabmale sind überwuchert von Moos und Flechten, große Bäume beschatten sie.

Michael Rumpf stellt den Besuchern einige der Grabsteine vor, jene, die Symbole enthalten und andere, in denen Bühler Persönlichkeiten wie die Mitglieder der Familien Wertheimer, Netter, Schweizer, Darnbacher und Bloch begraben sind. Viele Steine sind beidseitig beschriftet, auf der einen Seite hebräisch, auf der anderen Seite deutsch. Die hebräischen Texte seien sehr poetisch, sagt Michael Rumpf und trägt einige der übersetzten Texte vor.

Als Angehöriger oder auch als interessierter Besucher dürfe man sich den Schlüssel zum Friedhof aber jederzeit beim Stadtgeschichtlichen Institut oder in der Touristeninformation holen und auch die wertvolle Sammlung an übersetzten Inschriften könne ausgeliehen werden, erläutert Michael Rumpf. Jedes Jahr gebe es Anfragen von Nachfahren, den Friedhof zu besuchen. Und auch diese Besuche lieferten immer neue Erkenntnisse rund um die jüdische Gemeinde in Bühl.

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Erstellt:
9. November 2021, 11:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 55sec

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