Russischen Gashahn abdrehen? – Ein Pro und Contra

Karlsruhe (BNN) – Russlands Krieg in der Ukraine hat eine Debatte um russische Gaslieferungen entfacht. Viele fordern einen Lieferstopp. Zwei unserer Redakteure liefern dazu ein Pro und Contra.

Das Entsetzen ist groß. Die Bilder aus Butscha, die wahllos getötete Zivilisten auf den Straßen des Vororts der ukrainischen Hauptstadt Kiew zeigen, sorgen weltweit für Bestürzung. Der Ruf nach Konsequenzen wird lauter. Nicht nur in Europa sondern auch in Deutschland mehren sich die Forderungen, die Wirtschaftssanktionen auszuweiten und komplett auf die Einfuhr von Gas, Öl und Kohle aus Russland zu verzichten. Die Bundesregierung hält dagegen an ihrem Kurs fest und schließt einen sofortigen Gaslieferstopp aus. Hat sie dafür gute Argumente – oder muss Deutschland jetzt handeln?

Pro

Ganz klar: Der Pakt mit dem Teufel muss aufhören. Die Bilder von Butscha sind eine Zäsur. Mit dem Wissen um die russischen Gräueltaten ist ein „Weiter so“ unerträglich. Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges haben wir „Nie wieder“ geschworen – das ist ein höheres Leitbild als unser unbedingter Wohlstand. Wir müssen jetzt alles tun, was denkbar ist: Raus aus der Geiselhaft der Gaslieferungen und Putin da treffen, wo es weh tut. Die bisherigen Sanktionen haben nicht genug bewirkt, der Rubel ist wieder stabilisiert, wie auch die Börse in Moskau. Wir haben mit 20 Milliarden Euro allein seit Beginn des Krieges dazu beigetragen – wie nützliche Idioten. Unser Ansehen in den Nachbarländern schwindet zusehends. Die grausamen Verbrechen in Tschetschenien, Georgien oder Syrien haben uns genauso wenig von günstigen Gasgeschäften abgehalten, wie die völkerrechtswidrige Annexion der Krim. Im Gegenteil: Die deutsche Wirtschaft hat die Verflechtungen seither noch intensiviert.
Jetzt muss damit Schluss sein – auch wenn ein Lieferstopp schmerzhafte Folgen hat. Er wird uns in Deutschland eine Rezession bringen. Wir werden einen Rückgang des Wachstums erleben, der mindestens mit den Folgen der Pandemie zu vergleichen ist – oder schlimmer. Doch trotz der hohen Schuldenaufnahme in der Corona-Zeit gibt es auch wegen niedriger Zinsen noch immer einen Puffer. Instrumente wie Kurzarbeit und staatliche Soforthilfen haben sich bewährt. Wir müssen die Spielräume nutzen – es wird uns nicht umbringen. Fehlende Stoppschilder für den tödlichen russischen Expansionsdrang aber können auch in Zukunft Tod und Leid über Europa bringen. Erika Becker

Erika Becker. Foto: Rake Hora

© Rake HORA

Erika Becker. Foto: Rake Hora

Contra

Wann, wenn nicht jetzt? Nach dem grausamen Massaker, das russische Soldaten an unschuldigen Zivilisten in der Ukraine verübt haben, ist der lautstarke Ruf nach einem kompletten Lieferstopp von russischem Öl und Gas verständlich und nachvollziehbar. Und doch gibt es gute Gründe, dass sich die Bundesregierung dieser Forderung nicht anschließt. Denn Gas wird nicht nur zum Heizen oder für die Stromproduktion benötigt, sondern ist ein existenziell wichtiger Grundstoff für zahllose Produkte, die unser Leben bestimmen. Tausende Unternehmen der chemischen und pharmazeutischen Industrie mit Hunderttausenden Beschäftigten in diesem Land sind auf Gas als Rohstoff angewiesen.
Ohne Gas kein Ammoniak oder kein Acetylen – und damit keine Medikamente, keine Düngemittel, keine Kunstfasern, keine Lacke oder Lösemittel. Und auch kein Ad-Blue für den Diesel in der Garage. Ohne Gas würde es in Kürze zu großflächigen Produktionsengpässen in der Automobil-, Elektronik- oder Konsumgüterindustrie sowie in der lebensnotwendigen Pharmazie kommen, von den Produktionsausfällen wären etliche Branchen von der Landwirtschaft bis zum Bau betroffen – mit allen Folgen für die Arbeitsplätze wie die Versorgungslage.
Es ist eine bittere Erkenntnis: Wir sind vom Gas abhängig. Der komplette Ausfall russischen Gases kann auf die Schnelle nicht kompensiert werden, der Industriestandort Deutschland wäre in Gefahr. Von den sozialen Verwerfungen ganz zu schweigen. Insofern ist der Ruf nach einem Embargo kontraproduktiv: Wir würden uns selber mehr schaden als Putin. Diesen Triumph kann und darf man dem Despoten im Kreml nicht geben. Martin Ferber

Martin Ferber. Foto: Rake Hora

© Rake Hora

Martin Ferber. Foto: Rake Hora

Ihr Autor

Erika Becker und Martin Ferber

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Erstellt:
4. April 2022, 18:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 51sec

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