Russischer Maestro setzt ein Zeichen

Baden-Baden (BNN) – Mit einer Oper von Tschaikowsky und einer Spendenaktion für Flüchtlinge der Ukraine wollen die Berliner Philharmoniker bei den Osterfestspielen ein Zeichen setzen.

Stiller Maestro, große Geste: Kirill Petrenko führt mit 100.000 Euro eine Spendenkampagne für Flüchtlinge aus der Ukraine an, in deren Zeichen die Osterfestspiele in Baden-Baden diesmal stehen. Foto: Monika Rittershaus

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Stiller Maestro, große Geste: Kirill Petrenko führt mit 100.000 Euro eine Spendenkampagne für Flüchtlinge aus der Ukraine an, in deren Zeichen die Osterfestspiele in Baden-Baden diesmal stehen. Foto: Monika Rittershaus

Wie schrecklich passend sein Operndebüt einmal sein wird, das konnte Kirill Petrenko nicht ahnen. Jetzt herrscht Krieg in der Ukraine und die schon vor Jahren geplante Neuproduktion der russischen Oper „Pique Dame“ fügt sich bei den nun anstehenden Osterfestspielen in Baden-Baden auf ergreifende Weise ins Zeitgeschehen. Der stille Maestro – sagenhaft in der Musik, scheu in der Öffentlichkeit – macht, was er sonst lieber meidet: Er tritt vor die Presse mit großen Worten.

Bei der virtuellen Pressekonferenz zu den Osterfestspielen mit den Berliner Philharmoniker setzt Petrenko ein Zeichen für Humanität und Solidarität: Er verspricht 100.000 Euro aus eigener Tasche und führt mit dem Geld eine Spendenkampagne an, in deren Zeichen die Osterfestspiele in Baden-Baden diesmal stehen und die der UNO-Flüchtlingshilfe zugutekommt. Zugleich aber warnt er ausdrücklich davor, russische Kultur zu boykottieren.

Dirigent warnt davor, russische Kultur zu boykottieren

Es geht um seine eigene Heimat und darum, Menschen nicht aufgrund ihrer Nationalität zu verurteilen. Petrenko, seit 2019 Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, wurde im russischen Omsk geboren. Zwar lebt er seit vielen Jahren nicht mehr in Russland, die Musik seiner Heimat aber liegt ihm ebenso am Herzen wie die Künstlerinnen und Künstler, die derzeit weltweit von den Spielplänen gestrichen werden. „Ich finde, das geht nicht“, sagt Petrenko. „Wenn die Menschen nur aufgrund ihrer Nationalität für Putins Gräueltaten bestraft werden, dann gleichen wir der anderen Seite. Das ist meine Meinung und dafür stehen wir ein.“

Auch das Festspielhaus Baden-Baden, seit 2013 Residenz der Berliner Philharmoniker für ihre Osterfestspiele, zog bereits Konsequenzen. Wie etliche andere Opern- und Konzerthäuser hat das Haus an der Oos die Zusammenarbeit mit dem russischen Stardirigenten Valery Gergiev nach 24 Jahren enger Verbundenheit „bis auf Weiteres“ beendet. Anna Netrebko ist zwar kein gutes Beispiel für einen allgemeinen Boykott, weil sich die russische Star-Sopranistin aus freien Stücken „bis auf Weiteres aus dem Konzertleben“ zurückzieht und deshalb am 13. April nicht wie vorgesehen in Baden-Baden auftritt. Aber der Hintergrund ist derselbe Streit um die Frage, ob und wie klar sich russische Künstler von dem russischen Präsidenten Wladimir Putin und dessen Angriffskrieg in der Ukraine distanzieren.

Oper von Tschaikowsky als Signal an die Welt

Gleichwohl ist es Festspielhaus-Intendant Benedikt Stampa wichtig, russische Künstler nicht unter Generalverdacht zu stellen. Im Gegenteil: Eine Oper von Tschaikowsky aufzuführen sei für ihn ein Signal an die Welt. „In der aktuellen Situation erhalten die Festspiele eine neue Bedeutung. Dass wir russische Musik präsentieren, die friedlich und gemeinschaftlich von Menschen vieler Nationen interpretiert wird, kann als Signal für mehr Menschlichkeit und Frieden verstanden werden.“

Dass die Festspiele international besetzt sind, gilt für alle Beteiligten diesmal als ein besonderes Zeichen. Kirill Petrenko, François-Xavier Roth und Andris Nelsons führen die Berliner Philharmoniker durch zentrale russische Werke von Peter Tschaikowsky und Igor Strawinsky. Die Proben für „Pique Dame“ laufen und man freut sich doppelt: dass nach zwei Jahren der Pandemie bei dem Festival nun endlich wieder Oper mit Szene möglich ist. Dass gerade jetzt ein internationales Ensemble die Werke der russischen Musikkultur umsetzt, findet Petrenko wichtig. „Wir möchten hier ein Beispiel dafür geben, wie man das ohne Vorbehalte auch in diesen Zeiten machen kann.“ Die 18. Osterfestspiele Baden-Baden mit den Berliner Philharmonikern beginnen am 9. April mit der Neuinszenierung der Oper „Pique Dame“ durch Moshe Leiser und Patrice Caurier.

Galakonzert mit mehreren Stars statt Anna Netrebko

Bis zum Ostermontag stehen vier Opernaufführungen und fünf große Abendkonzerte im Festspielhaus sowie zahlreiche Kammerkonzerte in Baden-Badener Sälen auf dem Programm. Das mit Anna Netrebko als Solistin geplante Konzert soll mit Weltstars der Oper zum Galakonzert werden und steht im Zeichen von Humanität und Solidarität. Noch ein gutes Zeichen zu guter Letzt: Aufgrund des Wegfalls der Kapazitätsbeschränkungen in der Corona-Pandemie öffnet das Festspielhaus seinen Saal komplett. Weitere Eintrittskarten für die Festspiele sind ab sofort im Verkauf.

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Ihr Autor

BNN-Redakteurin Isabel Steppeler

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Erstellt:
22. März 2022, 18:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 13sec

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