SBFV-Vizepräsident Dusch im BT-Interview

Baden-Baden (rap) – 2020 hielt die Coronavirus-Pandemie die Amateurfußballer und die Verantwortlichen beim SBFV in Atem, wie dessen Vizepräsident Christian Dusch im Gespräch mit dem BT erklärt.

Wann im nächsten Jahr wieder Zweikämpfe stattfinden, ist derzeit laut Christian Dusch völlig offen. Foto: Frank Seiter

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Wann im nächsten Jahr wieder Zweikämpfe stattfinden, ist derzeit laut Christian Dusch völlig offen. Foto: Frank Seiter

Das Fußball-Jahr 2020 wird zweifelsohne in die Geschichte eingehen. Die Corona-Pandemie ist den Amateurkickern ordentlich dazwischen gegrätscht und war verantwortlich für monatelange Pausen. Beim Südbadischen Fußballverband (SBFV) läuft zum Thema Corona bei Christian Dusch alles zusammen. Der SBFV-Vizepräsident ist für den Spielbetrieb verantwortlich, also auch für Spielabsagen und -verlegungen. Im Interview mit BT-Redakteur Christian Rapp spricht Dusch über die Herausforderungen des arbeitsintensiven Corona-Jahrs für den Verband, Sorgen um den Nachwuchs und über mögliche Varianten, wie die unterbrochene Saison fortgesetzt werden kann.

BT: Herr Dusch, wie froh sind Sie, dass das Jahr 2020 bald vorbei ist?

Christian Dusch: Privat war es mit der Geburt meines Sohnes ein gutes Jahr, fußballerisch war es sicherlich das herausforderndste, an das ich mich erinnern kann.

BT: Hatten Sie wegen den Sorgen um den Amateurfußball schlaflose Nächte?

Dusch: Das nicht unbedingt, aber wie bereits erwähnt, war es das herausforderndste Jahr für den Amateurfußball überhaupt. Wir hatten etliche Besprechungen und Konferenzen wegen den beiden Lockdowns im Frühjahr und jetzt im Herbst. Die Unsicherheit, die das Virus verbreitet und die über allem schwebt, macht eine Planung extrem schwer. Die Planungssicherheit, die sich logischerweise alle wünschen, ist momentan nicht möglich.

BT: Der Amateurfußball ist bekanntlich seit Ende Oktober in der vorgezogenen Winterpause. Wann rollt wieder der Ball im nächsten Jahr?

Dusch: Das ist momentan völlig offen. Die Politik hat angekündigt, dass sie bald eine längerfristige Perspektive über die Wintermonate verkünden will. Wie weit die trägt und was da drin steht, ist für mich noch nicht abschätzbar. Deswegen heißt es für uns: warten.

Zauberwort Hygienekonzept

BT: Könnten Sie sich vorstellen, dass man Ende Januar oder im Februar eventuell die Nachholspiele austrägt?

Dusch: Das weiß ich nicht, das hängt davon ab, was die Politik entscheiden wird.

BT: Neben ihrer Arbeit als Verbandsdirektor beim Regionalverband Südlicher Oberrhein war ihr Amt als SBFV-Vizepräsident seit Beginn der Corona-Pandemie Anfang März bestimmt ein zweiter Fulltime-Job. Was waren Ihre Schwerpunkte in den vergangenen Monaten?

Dusch: Ein Fulltime-Job war es für mich nicht, aber definitiv zeitintensiv und herausfordernd. Für die Mitarbeiter der Geschäftsstelle gab es aber lange Zeit nur das Thema. Am Anfang lag der Schwerpunkt auf folgenden Fragen: Wie wirkt sich Corona aus? Wann ist der Punkt erreicht, an dem man den Spielbetrieb nicht mehr weiterführen kann? Anschließend, während des ersten Lockdowns, drehte sich dann alles um die Frage, wann und wie wir den Spielbetrieb wieder aufnehmen können. Die Politik hat dann relativ schnell erklärt, dass dies nur mit bestimmten Hygienekonzepten möglich ist. Also standen wir vor der Herausforderung, wie so ein Hygienekonzept ausschauen muss und dieses dann in kürzester Zeit aufzustellen.

BT: Wie ging es dann weiter, als die Hygienekonzepte erarbeitet und an die Vereine vermittelt wurden?

Dusch: Als der Trainings- und Spielbetrieb wieder Fahrt aufgenommen hat, mussten wir uns schließlich überlegen, wie wir trotz Hygienekonzept mit auftretenden Corona-Fällen im Spielbetrieb umgehen müssen. Wir haben dann eine Corona-Hotline für die Vereine eingerichtet und im Einzelfall, wo es nötig war, Spielabsetzungen angeordnet. In den vergangenen Wochen hat uns dann der zweite Lockdown beschäftigt und eben die Frage, ob und wann wir in die vorgezogene Winterpause gehen.

Mehr als 50 Videokonferenzen

BT: Bereits im Frühjahr ruhte der Spiel- und Trainingsbetrieb für mehrere Monate, auch jetzt ist der Amateurfußball wieder (gezwungenermaßen) in einem Dornröschenschlaf. Vor allem für den Fußball-Nachwuchs eine schwierige Situation. Welche Auswirkung könnte die fußballfreie Zeit auf die Kinder und Jugendlichen haben?

Dusch: Die Problematik ist, dass der Bewegungsdrang nicht gestillt werden kann. Das ist tatsächlich etwas, das einem zu denken gibt. Solange die Verbote im Raum sind, kann man da aber nichts machen. Meine Hoffnung ist, dass bei der Rückkehr in den Trainingsbetrieb noch alle Kinder und Jugendliche dabei sind. Ich wünsche und hoffe es inständig, dass die Leidenschaft der Kids für das runde Leder nach der Zwangspause noch größer sein wird und sie nicht dazu geführt hat, dass sie sich vom Fußball abwenden.

BT: Haben Sie keine Angst, dass die Kids die Lust am runden Leder verlieren und lieber weiter vor der Konsole daddeln?

Dusch: Ausschließen kann man das nicht, aber ich habe bislang keine Anzeichen dafür gesehen oder Rückmeldungen dieser Art bekommen. Die Befürchtung äußert der eine oder andere schon mal, klar. Wir haben in der Vergangenheit bisher kein vergleichbares Szenario gehabt, so dass wir jetzt schauen müssen, was für Konsequenzen die fußballfreie Zeit haben könnte. Ich habe aber die Hoffnung, dass es sich nicht nachhaltig nachteilig auf den Jugendbereich auswirkt.

BT: Anfang November hat sich DFB-Präsident Fritz Keller bei der Politik dafür stark gemacht, zumindest das Training für Kinder und Jugendliche wieder zuzulassen. Wie stehen Sie zu dem Appell?

Dusch: Wir haben das mitgedacht und mitgetragen, als wir in die vorgezogene Winterpause gegangen sind. Wir haben klar gesagt, dass wir in diesem Jahr keine Spiele mehr ansetzen werden. Wenn es die behördlichen Rahmenbedingungen zulassen und die Hygienevorschriften entsprechend eingehalten werden, werden wir einem Trainingsbetrieb im Dezember nicht im Wege stehen – gerade im Kinder- und Jugendbereich. Letztlich liegt der Ball bei den Politikern. Sie werden die weitere Vorgehensweise so entscheiden, wie sie es bislang immer gemacht haben: anhand der Infektionszahlen.

„Es war das herausfordernste Jahr für den Amateurfußball“, sagt SBFV-Vizepräsident Christian Dusch. Foto: SBFV

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„Es war das herausfordernste Jahr für den Amateurfußball“, sagt SBFV-Vizepräsident Christian Dusch. Foto: SBFV

BT: Wie viele Videokonferenzen haben Sie in diesem Jahr eigentlich hinter sich?

Dusch: Die Grenze von 50 Videokonferenzen habe ich mittlerweile überschritten. Das gehört inzwischen zu meinem Alltag. Auch die verbandlichen Gremien sind bei ihren Treffen momentan wieder im Digitalen unterwegs. In kürzester Zeit ist es von einem überhaupt nicht genutzten Mittel zum Hauptmedium geworden.

BT: Vonseiten der Vereine wurde der Kommunikationsweg mit dem Verband gelobt. Hat man durch die Videokonferenz mehr zueinander gefunden?

Dusch: Es wurde deutlich, dass die Videokonferenz ein Mittel ist, den direkten Austausch mit einem überschaubaren Aufwand zu pflegen. Andererseits muss man aber auch aufpassen, wann man dieses Mittel einsetzt. Wenn man jetzt jede zweite Woche mit den Vereinen ins Gespräch geht, nutzt sich das irgendwann ab. Bei der Frage, wie es mit dem Spielbetrieb weitergeht, werden wir dieses Format natürlich wieder nutzen.

BT: Im August startete die neue Saison, die Vereine tüftelten an ausgeklügelten Hygienekonzepten. Wie waren Ihre Erfahrungen mit den Hygienekonzepten?

Dusch: Das Engagement der allermeisten Vereine bei der Erarbeitung und Umsetzung der Hygienekonzepte war unglaublich. Viel ehrenamtlicher Aufwand wurde da reingesteckt, die Hygienekonzepte der Vereine sind maßstabbildend gewesen. Bis auf ganz wenige Ausnahmen haben die Vereine eine tolle Arbeit geleistet. Die Hygienekonzepte haben super funktioniert. Allerdings scheiterte die Umsetzung an der einen oder anderen Stelle, bei der die Vereine nur begrenzt bis gar nicht einwirken konnten.

„Wir können nur an die Vernunft appellieren“

BT: Wo war das Ihrer Meinung nach der Fall?

Dusch: In einigen Fällen haben sich Zuschauer, trotz größter Bemühungen vonseiten der Vereine, nicht an die Abstandsregeln gehalten, sich in Trauben zusammengestellt – weit über die zulässige Anzahl hinaus. Und dass, obwohl sie von Ordnern direkt angesprochen wurden. Leider war nicht bei allen Zuschauern die gleiche Sensibilität für die derzeitige Situation vorhanden.

BT: Aber auch manche Mannschaften haben die Vorschriften nicht wirklich ernst genommen. Stichwort: Kabinenansprache in kleinen Räumen oder dortige Feierlichkeiten, die auch noch in den sozialen Medien gepostet wurden...

Dusch: Das waren glücklicherweise Einzelfälle. Wir haben von Anfang an versucht, bei den Vereinen für die Bedeutung und Umsetzung der Konzepte zu werben und sensibilisieren. Ich möchte aber nochmal betonen, dass der Fußball nach allen Studien, die es bislang gibt, nicht als Infektionstreiber gilt – wenn man sich auf den konkreten Sport als solchen bezieht. Die eben beschriebenen Vorkommnisse in der Kabine sind natürlich nicht gutzuheißen, in keinster Weise. Es zeigt, dass viele Vereine ihrer Verantwortung nachkommen, einige wenige nicht.

BT: Inwiefern hat der SBFV Handhabe, Vereine zu bestrafen, die sich wiederholt nicht an die Hygienekonzepte halten?

Dusch: Nach starken und mehrfachen Verstößen besteht die Möglichkeit, mit der Sportgerichtsbarkeit zu reagieren. Allerdings ist es für uns als Verband schwierig, die Verstöße mitzubekommen, diese dann aufzugreifen und zu reagieren.

BT: Wer überwacht, dass die Konzepte eingehalten werden?

Dusch: Wir haben nicht in jeder Kabine eine Kamera, um zu sehen, ob die Abstände eingehalten werden. Uns bleiben da, wie auch der Politik, nicht allzu viele Möglichkeiten. Wir können nur an die Vernunft und das Verantwortungsbewusstsein appellieren. Als ehrenamtlich organisierter Verband können wir eine Überwachung in diesem Sinne nicht leisten. Dennoch gab es Fälle, in denen es zu einem Urteil gekommen ist, nachdem Vereine gegen die Hygienekonzepte verstoßen haben.

Drei Varianten in der engeren Auswahl

BT: Was für Strafen waren das?

Dusch: Bislang Geldstrafen. Nach der Regelung in der Rechts- und Verfahrensordnung kann das im Extremfall aber auch bis zum Ausschluss aus dem Verband führen.

BT: Herr Dusch, lassen Sie uns wieder zum Spielbetrieb zurückkommen. Vorausgesetzt, die Saison kann nicht planmäßig zu Ende gespielt werden. Welche Alternativen gibt es dann? Hat sich der Verband schon mit möglichen Szenarien beschäftigt?

Dusch: Wir müssen jetzt abwarten, was die Politik – insbesondere die angekündigte, längerfristige Perspektive – uns an die Hand gibt. Dann werden wir den Austausch mit allen Vereinen suchen und die Möglichkeiten gemeinsam erörtern.

BT: Die da wären?

Dusch: Erstens: Die Runde normal mit Vor- und Rückrunde zu Ende spielen, mit einer nicht geringen Anzahl von Mittwochspieltagen, gegebenenfalls auch über den Juni hinaus. Das wäre nicht meine präferierte Variante, aber theoretisch denkbar. Die zweite Möglichkeit wäre, nach der Vorrunde auf ein alternatives Spielsystem umzustellen, zum Beispiel auf Playoffs und -downs. Die dritte in Frage kommende Variante: Wir hören nach einer kompletten Vorrunde auf. Damit die Saison gewertet werden kann, wäre dies das Minimum.

BT: Machbar aus Ihrer Sicht?

Dusch: Es hängt wie in den vergangenen Monaten von der weiteren Entwicklung der Infektionszahlen ab. Im Moment muss ich sagen, wäre die dann noch notwendige Anzahl von Spielen – gerade im Vergleich zu den beiden anderen Varianten – die geringst mögliche und damit die Wahrscheinlichkeit am höchsten, dass man eine Wertung erhält. Die Frage ist, zu welcher Variante die Mehrheit der Vereine tendieren. Wir werden den Austausch suchen, über die Vor- und Nachteile der unterschiedlichen Varianten diskutieren, um offene und ehrliche Rückmeldungen zu bekommen. Momentan liegt der Ball aber wieder bei der Politik.

BT: Was sind Ihre Wünsche für 2021?

Dusch: Dass wir die Corona-Belastungen in allen gesellschaftlichen Lebensbereichen bewältigt bekommen und wir in einem Jahr nicht mehr über diese Fragen reden müssen, die uns jetzt beschäftigen.

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Erstellt:
23. November 2020, 07:15 Uhr
Lesedauer:
ca. 6min 26sec

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