SC Freiburg: Ein Desaster als Wendepunkt

Freiburg (mi) – Ende November, nach dem 1:3 gegen den FSV Mainz, steckte der SC Freiburg mittendrin im Abstiegskampf. Nach dem Tiefpunkt stellte Trainer Christian Streich das System um – mit Erfolg.

Besticht durch seine Kopfballstärke und Dynamik: SC-Innenverteidiger Philipp Lienhart (Mitte). Foto: Tom Weller/dpa

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Besticht durch seine Kopfballstärke und Dynamik: SC-Innenverteidiger Philipp Lienhart (Mitte). Foto: Tom Weller/dpa

Den Wechsel zwischen Zuckerbrot und Peitsche moderiert er perfekt. Am Samstagabend gab sich Freiburgs Trainer Christian Streich als Spendieronkel. Er gab seinen Schützlingen drei Tage frei, was sie sich nach dem überragenden Auftritt beim 5:0 gegen den 1. FC Köln auch verdient hatten. Ende November deutete nichts, aber auch gar nichts auf den derzeitigen Freiburger Höhenflug hin, und Streich outete sich nach dem 1:3 gegen den FSV Mainz als Papa Gnadenlos. Wenn Kapitän Christian Günter im Rückblick von einem „Hallo-wach“-Effekt spricht, kann der Außenstehende erahnen, dass Streich in der Kabine und in den persönlichen Ansprachen so ziemlich die Sau rausließ. Es musste etwas passieren, nach dem herausragenden achten Platz der Vorsaison schien die aktuelle Spielrunde eine andere, gefährliche Richtung aufzunehmen. Streich zog nach neun sieglosen Spielen in Folge als Mann der Tat die Konsequenzen und krempelte um.

Gulde überzeugt mit seiner Ruhe

Ganz besonders profitierten die Südbadener von der taktischen Umstellung vom 4-4-2- aufs 3-4-3-System. In der Abwehr wurde Dominique Heintz, der mit schnellen Stürmern des Gegners überfordert war, durch Manuel Gulde ersetzt. Letzterer überzeugt mit seiner Ruhe, während neben ihm die jungen Keven Schlotterbeck und Philipp Lienhart mit ihrer Kopfballstärke und Dynamik dem Sport-Club zu defensiver Stabilität verhalfen. Im Gegensatz zum holprigen Saisonstart hat der SC auch in puncto Zweikampfstärke, Laufvermögen und Chancenverwertung deutlich zugelegt. Wurden in den ersten Heimspielen noch zig Chancen vergeigt, ist die Effizienz nun hervorstechend.

Auffällig auch, dass die Neuzugänge nach angemessener Anpassungszeit die Erwartungen nun voll erfüllen. Stürmer Ermedin Demirovic war anfangs nur zweite Wahl. Mittlerweile hat er Lucas Höler, den gewöhnlich Laufstärksten im SC-Kader, und Tormaschine Nils Petersen aus der Startformation verdrängt. Gegen Köln lieferte der Bosnier als Torschütze und Vorbereiter sein bislang bestes Spiel ab. Baptiste Santamaria war mit zehn Millionen Euro der bislang teuerste SC-Transfer. Im zentralen defensiven Mittelfeld besticht er mit großer physischer Präsenz und Zweikampfstärke. An seiner Seite fand auch Nicolas Höfler aus seinem persönlichen Tief heraus, „Chico“ funktioniert wieder.

„Wir sind extrem aggressiv und laufstark. Die Gegner sagen, dass es nervt, gegen uns zu spielen“, formuliert Powermaschine Günter die neue Philosophie, die dem Sport-Club 15 Punkte in Folge und einen neuen Vereinsrekord bescherte. Streich, der in neun Jahren alle Wellentäler des Vereins durchlebt hat, bildet sich darauf nichts ein. „Der Rekord ist nicht wichtig, sondern die Bereitschaft, an vorderster Linie zu laufen, malochen, pressen. Die Jungs waren gegen Köln hungrig, alles abzuarbeiten. Das freut mich am meisten.“

Rekord wackelt bedenklich

Der Rekord wackelt jetzt natürlich bedenklich, am Sonntag steht die fast unlösbare Aufgabe beim FC Bayern bevor. Dort hat der SC noch nie gewonnen, weder im Olympiastadion zu Finke-Zeiten noch in der Allianz Arena. Die Hoffnung, dass Anna Lewandowska als Spezialistin für Fitness und Ernährung ihrem Göttergatten und Weltfußballer Robert versehentlich Schlaf- statt Vitamintabletten zum Frühstücksdrink serviert, ist eher gering. Jeder SC-Akteur muss mehr als 100 Prozent liefern, um eine Sensation zu schaffen. Demirovic: „Zu viel träumen wollen wir nicht, es ist immer noch der FC Bayern, aber trotzdem werden wir versuchen, das auf den Platz zu bringen, was wir in den letzten Wochen gemacht haben.“

Streich, den der Kölner Kollege Markus Gisdol für den „besten Trainer der Liga“ hält, „der sein Ding durchzieht, egal ob sie gewinnen oder verlieren“, freut „immer wahnsinnig, wenn wir gegen die Bayern spielen. Wenn sie uns auseinandernehmen, weil sie so gut sind, dann ist es halt so“. Genug Winterspeck an Punkten hat man beim Sport-Club eh schon angesetzt.

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Erstellt:
12. Januar 2021, 06:00 Uhr
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