SC Freiburg: Jeong stark in ungewohnter Rolle

Freiburg (mi) – Beim zweiten Anlauf scheint es endlich zu klappen: Beim 2:1-Sieg über Borussia Dortmund wusste Freiburgs Südkoreaner Wooyeong Jeong im zentralen Mittelfeld zu überzeugen.

Zeigt gegen den BVB sein ganzes Können: SCF-Mittelfeldspieler Wooyeong Jeong (rechts). Foto: Tom Weller/dpa

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Zeigt gegen den BVB sein ganzes Können: SCF-Mittelfeldspieler Wooyeong Jeong (rechts). Foto: Tom Weller/dpa

Asiaten sind höfliche, zurückhaltende Menschen. Es gehört zu ihrem Naturell, demütig zu sein. Und nicht selten wird der eigene Chef zum Familienmitglied erklärt. So ist es auch nicht außergewöhnlich, dass Wooyeong Jeong bei seinem Dienstantritt beim SC Freiburg vor eineinhalb Jahren Christian Streich schnell zur Vaterfigur erhob. „Ein südkoreanischer Vater sagt immer direkt, wenn ein Kind etwas falsch macht. Aber er lobt auch direkt, wenn man etwas gut macht. So fühle ich mich bei Christian Streich“, ließ er damals die Medienleute wissen.

„Papa“ Streich, der viel lobt und zugleich kritisiert, könnte heute sagen: Mein Junge ist flügge geworden, ich bin stolz. Sagt er natürlich nicht öffentlich, denkt er aber vielleicht. Denn als nun 21-Jähriger lieferte der Südkoreaner beim 2:1 gegen Borussia Dortmund seine bislang stärkste Partie im 16. Bundesliga-Spiel im SC-Trikot ab. Führungstor erzielt, 9,83 Kilometer zumeist im Sprinttempo abgespult, 82 Prozent Passquote, 42 Ballkontakte, nur fünf Fehlpässe in 70 Minuten – Jeong verließ den Rasen total ausgepowert, aber stolz wie ein Samurai-Krieger. Passenderweise übte sich der Jungprofi bis zu seinem zehnten Lebensjahr im Stockkampf und in Taekwondo. Angeleitet von seinem diesmal echten Vater, der ihn schon häufiger in Deutschland besuchte.

Streich: „Er kann sich sehr gut in den Räumen bewegen“

Gegen den BVB bestach der Marathonmann in ungewohnter Rolle im zentralen offensiven Mittelfeld. „Er kann sich sehr gut in den Räumen bewegen. Er sieht, findet die Räume. Er schwimmt dort sehr gut, ist extrem laufstark, auch gegen den Ball“, zählt Streich Jeongs Stärken auf. Der gelungene taktische Kniff bedeutet aber nicht, dass der Koreaner seinen Turbo künftig stets in der Mitte zündet. „Auch Lucas Höler spielt lieber in der Mitte. Das nächste Mal könnte Wooyeong auch wieder auf der Seite spielen“, sagt Streich, der stets vom Gegner abhängig macht, wo sein wissbegieriger Schützling am besten aufgehoben ist.

Der Ersatzvater wird froh sein, dass sein Musterschüler schon „außer Haus“ war und in der Fremde wertvolle Erfahrungen sammelte. In Freiburg ist der Asiate von technisch guten Kollegen umgeben, in München waren es fast alles Nationalspieler, Topstars. Die Bayern hatten sich das Talent aus Incheon gesichert. Trotz ein paar Einsätzen war die Konkurrenz einfach zu groß, letztlich reichte es nur zum Stammplatz im U-23-Team, in dem er fleißig scorte.

FC Bayern hat Rückkaufrecht

Auch der erste Anlauf in Freiburg missriet, auch dort konnte er sich zunächst nicht durchsetzen. Wieder ging es zurück nach München. Dass die 4,5 Millionen Euro vom SC gut angelegt waren – die Bayern sicherten sich ein Rückkaufsrecht –, zeigt der Rohdiamant nun bei seinem zweiten Abstecher in den Schwarzwald. „Der SC ist eine tolle Adresse für junge Talente“, weiß Jeong um die besonderen Entwicklungsmöglichkeiten.

Zum Wohlfühlfaktor trägt bei, dass er seinen Landsmann Changhoon Kwon jeden Tag im Training trifft, wenn der nicht wie aktuell verletzt ausfällt. Der fünf Jahre jüngere Jeong spricht noch das bessere Deutsch. Langsam, aber grammatikalisch fast schon unfallfrei. Die Zeit in Bayern war für ihn der Härtetest. Wer Thomas Müllers durchlaufendes „Radioprogramm“ halbwegs versteht, kommt auch mit Streichs Hardcore-Alemannisch klar.

Ihr Autor

BT-Redakteur Michael Ihringer

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Erstellt:
8. Februar 2021, 17:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 38sec

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