SC Freiburg in arger Schieflage

Freiburg (mi) – Nach acht Spieltagen bringt es der SC Freiburg auf nur sechs Punkte. BT-Redakteur Michael Ihringer hat die Situation nach der 1:3-Niederlage gegen den FSV Mainz 05 analysiert.

Wie immer engagiert am Seitenrand, derzeit aber auch ziemlich glücklos: SC-Trainer Christian Streich. Foto: Sebastian Gollnow/dpa

© picture alliance/dpa

Wie immer engagiert am Seitenrand, derzeit aber auch ziemlich glücklos: SC-Trainer Christian Streich. Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Wenn Christian Streich nach Spielschluss versucht, gestenreich zu erklären, was für ihn schier unerklärlich ist, wird es für jede TV-Kamera gefährlich. Nach der deprimierenden 1:3-Niederlage gegen den FSV Mainz 05 am Sonntag fehlte nicht viel, und der Trainer des SC Freiburg hätte ein solch teures Gerät direkt vor sich weggeschubst. Mit ausholenden Bewegungen hatte er dem Fragesteller detailreich erklärt, dass Mittelfeldspieler Baptiste Santamaria vor dem frühen Gegentor gefoult worden sei. „Unfassbar! Unfassbar! Es ist jede Woche das Gleiche“, echauffierte sich Streich, der nach den 90 Minuten ebenso geschafft war wie seine Schützlinge.

Gut, dass Freiburgs Trainer in den Interviews danach nicht vergaß, auf die eigenen Unzulänglichkeiten hinzuweisen, die mittlerweile genauso ellenlang daherkommen wie die umstrittenen Schiedsrichterentscheidungen. Nach acht Spieltagen ist der Sport-Club in eine arge Schieflage geraten, die wenig Gutes für die Zukunft verheißt. Warum dem so ist, analysiert BT-Redakteur Michael Ihringer.

Eklatante Heimschwäche: Vier Heimspiele, zwei Punkte. Das ist eine arg dürftige Bilanz, die noch düsterer daherkommt, zieht man in Betracht, dass die Südbadener dreimal davon in Führung lagen. Gegen Wolfsburg vergaben sie ein halbes Dutzend bester Chancen und wurden spät bestraft. Gegen Bremen bestimmte man ebenso das Spiel, ein umstrittener Videobeweis und ein krasser Abwehrschnitzer wendeten dann das Blatt. Selbst beim 2:4 gegen Leverkusen war der SC spielerisch auf Augenhöhe, aber nicht clever genug. Die ersten 45 Minuten gegen Mainz waren dagegen das Schlechteste, was der SC seit Jahren im eigenen Stadion abgeliefert hat. Nils Petersen sprach nicht um den heißen Brei herum: „Zum Glück waren keine Zuschauer da. Für diese erste Halbzeit müsste man jedem Einzelnen das Geld zurückgeben.“ Wenn die Heimspiele zum Bumerang werden, wird es schwer, die Klasse zu halten.

Videobeweis: Immer, wenn der Schiedsrichter bei einer zweifelhaften Aktion pfeift und einen Hinweis aus dem Kölner Keller erhält, gehen bei Streich die roten Lampen an. Noch keine einzige Entscheidung mithilfe der Technik ist in dieser Saison zugunsten des SC ausgefallen. „Es ist der Wahnsinn“, stellt Streich am Rande der Verzweiflung fest.

Eklatante Abwehrschwächen: Gegen Werder Bremen geriet der Spieleröffnungspass von Philipp Lienhart zum Geschenk für Leonardo Bittencourt, der im Strafraum auch noch von Nicolas Höfler plump umgesenst wurde. Gegen Mainz irrlichterte Dominique Heintz konfus umher, FSV-Stürmer Mateta trickste mit seinem Hattrick die SC-Abwehr, die in dieser Saison löchrig wie Schweizer Käse daherkommt, alleine aus. Auch Jonathan Schmid passt sich auf der rechten Außenbahn mit unsauberem Passspiel seinen Kollegen in der Innenverteidigung an.

Brüchige Mittelfeldzentrale: Am Sonntag gegen Mainz ließ Streich seinen Lieblingsspieler Nicolas Höfler anfangs auf der Bank. Zuvor hatte er wochenlang auf der neuralgischen defensiven Sechser-Position einen Bock nach dem anderen geschossen, zudem wiederholt Elfmeter verursacht. Die über viele Jahre verlässliche Führungsfigur spielt die schwächste Halbserie, seit er erstmals das SC-Trikot überstreifte. Sein Partner Baptiste Santamaria, mit rund zehn Millionen Euro die teuerste Neuverpflichtung der Vereinshistorie, ist bemüht, zeigt körperliche Präsenz, fordert viele Bälle, doch neben verständlichen Abstimmungsproblemen kommt auch eine auffallend hohe Fehlpassquote hinzu. Die erhoffte Verstärkung ist der Franzose so noch nicht.

In der Vorsaison sorgte Vincenzo Grifo mit seinen Pässen noch vor Begeisterung, in dieser Saison kommt der letzte Pass auf die Sturmkollegen noch zu wenig an. Foto: Tom Weller/dpa

© dpa-avis

In der Vorsaison sorgte Vincenzo Grifo mit seinen Pässen noch vor Begeisterung, in dieser Saison kommt der letzte Pass auf die Sturmkollegen noch zu wenig an. Foto: Tom Weller/dpa

Zu wenig Offensiv-Durchschlagskraft: Vincenzo Grifo begeisterte in der Vorsaison mit Klassezuspielen in die Schnittstellen des Gegners, wuchtete zudem mit seiner genialen Schusstechnik bei Freistößen die Bälle mehrfach ins gegnerische Netz. Kürzlich traf er für die italienische Nationalmannschaft, beim SC kommt der letzte Pass auf die Sturmkollegen noch zu wenig an. Roland Sallai ist eine der wenigen positiven Ausnahmen im bisherigen Saisonverlauf. Doch beim Torabschluss fehlt dem Ungarn bisweilen die Ruhe und Abgeklärtheit. Lucas Höler hat nach einem guten Saisonstart nachgelassen und lässt im Gegensatz zur Vorsaison zu viele gute Chancen aus. So ist Nils Petersen meist Alleinunterhalter. Der Gegner hat den gefährlichsten SC-Angreifer allerdings immer auf dem Radar.

Drei Top-Abgänge: Überraschenderweise wurde der Abgang von Torwart Alexander Schwolow noch am besten kompensiert. Der nach der schweren Verletzung von Mark Flekken im Schnellvorgang verpflichtete Florian Müller aus Mainz überzeugte von Spiel zu Spiel, wird von seinen Vorderleuten aber vielfach sträflich im Stich gelassen. Wie wichtig Luca Waldschmidt für den SC war, wird einem bewusst, wenn man einen Blick nach Portugal wirft, wo der Nationalspieler für Benfica Lissabon beständig gut spielt und trifft. Die Dynamik, mit der er von der linken Halbseite stets zentral nach innen zog und mit feiner Schusstechnik den Abschluss suchte, geht dem SC total ab. Am stärksten schlägt der späte Wechsel von Robin Koch zu Leeds United ins Kontor. Koch, der in Freiburg sowohl in der Innenverteidigung als auch auf der Sechs als verlässlicher Stabilisator wirkte, liefert beim Premier-League-Aufsteiger gute Leistungen ab und ist mittlerweile auch einer der wenigen Hoffnungsträger in der Nationalmannschaft.

Fazit: Tohuwabohu in der Abwehr, aus dem Mittelfeld keine Entlastung nach hinten und zu wenige kreative Ideen im Offensivspiel, vorne zu wenig Power und Torgefahr: Diese fatale Kombination deutet auf eine Zittersaison hin und erzeugt eine Horrorvision, die wohl nicht nur Christian Streich den Schlaf raubt: Dass beim Umzug aus dem idyllischen Schwarzwaldstadion in die neue, ultramoderne Arena in der nächsten Saison Sandhausen und Aue statt Bayern und Dortmund dort gastieren.

Zum Artikel

Erstellt:
23. November 2020, 16:44 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 41sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.