SC-Kicker Nico Schlotterbeck im BT-Interview

Baden-Baden (mi) – Von Hansi Flick wurde Nico Schlotterbeck nun für die A-Nationalmannschaft nominiert. Im BT-Interview spricht er über seinen starken Aufstieg, seine Ausleihe und seinen Bruder Keven.

„Jeder weiß, dass er Leistung bringen muss, sonst sitzt er eine Woche später auf der Bank“: Nico Schlotterbeck (rechts) liefert Topleistungen. Foto: Tom Weller/dpa

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„Jeder weiß, dass er Leistung bringen muss, sonst sitzt er eine Woche später auf der Bank“: Nico Schlotterbeck (rechts) liefert Topleistungen. Foto: Tom Weller/dpa

Der 21-jährige Nico Schlotterbeck ist der Aufsteiger der Saison beim Bundesligisten Sport-Club Freiburg. Im Juni wurde der Innenverteidiger mit der U21 des DFB Europameister und kehrte nach einer einjährigen Ausleihe bei Union Berlin zum Sport-Club zurück. Der gebürtige Waiblinger war zur Saison 2017/18 vom Karlsruher SC in die Freiburger Fußballschule gewechselt und schaffte über die U19 und U23 zur Saison 2019/20 den Sprung in den SC-Profikader.

Er durchlief von der U18 bis zur U21 alle DFB-Auswahlteams. Zu seinen weiteren Stationen als Jugendspieler zählen unter anderem die Stuttgarter Kickers und der Vf Aalen. Zuletzt wurde er vom neuen Bundestrainer Hansi Flick erstmals für die A-Nationalmannschaft nominiert. Über seine rasante Entwicklung, die ersten Erfahrungen im Nationalteam und seinen Bruder Keven sprach BT-Redakteur Michael Ihringer mit Schlotterbeck.

Interview

BT: Herr Schlotterbeck, Sie waren erstmals im Kreis der A-Nationalmannschaft mit dabei. Geht es dort ebenso locker zu wie bei der U21?
Nico Schlotterbeck: Ich habe mich sehr schnell eingefügt, wir Fußballer verstehen uns. Von der Lockerheit her war es wirklich gut. Es war eine coole Erfahrung für mich.

BT: Spüren Sie den neuen, frischen Wind unter Hansi Flick? Die Intensität im Training muss ja ziemlich hoch gewesen sein...
Schlotterbeck: Das mit dem frischen Wind kann ich jetzt nicht beurteilen, weil ich eben vorher nicht dabei war, aber ich kann sagen, dass die Intensität und Qualität im Training echt sehr hoch waren. Viele Spieler haben so große Fähigkeiten, dass sie kaum mal den Ball verlieren. Das war eine echte Hausnummer.

BT: U-21-Coach Stefan Kuntz und Flick sind beide sehr kommunikativ und führen viele Einzelgespräche. Hilft das Neulingen wie Ihnen?
Schlotterbeck: Ja, absolut. Ich habe auch einige Gespräche mit Hansi Flick geführt. Er hat zu mir gesagt, dass ich wie in Freiburg spielen und mich wie in der U21 einfügen soll.

BT: Flick hat in den drei WM-Qualifikationsspielen einige Neulinge getestet. Sie waren neben Mo Dahoud der einzige Feldspieler, der keine Minute gespielt hat. Waren Sie überrascht oder enttäuscht
Schlotterbeck: Überrascht nicht. Ich hätte mich natürlich gefreut, wenn ich gespielt hätte. Dass es nicht dazu kam, war schade. Ich hoffe, dass es nicht das letzte Mal war, dass ich nominiert werde und dass ich meine guten Leistungen im Verein weiter bestätigen kann.

Entwicklung zum Bundesliga-Spieler

BT: Mit 21 Jahren sind Sie mit Abstand der Jüngste der Kandidaten für die Innenverteidigung. Von daher müsste die Zukunft für Sie sprechen...
Schlotterbeck: Ich hoffe ja. Ich bin jetzt insgesamt in der vierten Bundesliga-Saison dabei. Ich will mich jetzt zum richtigen Bundesliga-Spieler entwickeln, da ich noch keine volle Spielzeit durchgespielt habe. Das will ich schaffen. Wenn mir das gelingt, habe ich ganz gute Anlagen und Voraussetzungen, um öfter nominiert zu werden.

BT: Bedauern Sie Ihren Bruder Keven?
Schlotterbeck: Was heißt bedauern?

BT: Er ist das perfekte Beispiel dafür, wie schnell es im Profigeschäft in die andere Richtung gehen kann. Seit Ende November der Vorsaison war er Stammspieler beim SC. Die Olympia-Einladung nahm er im Gegensatz zu vielen anderen an. Außer der Eröffnungsfeier sah er von Olympia und Tokio aber nichts, im DFB-Rumpfteam erlebte er das Vorrunden-Aus, hat dann wegen Trainingsrückstand ein Spiel in der U23 gemacht und ist seitdem Reservist...
Schlotterbeck: Mein Bruder hat genauso Qualitäten und eine Spielweise wie ich. Wir unterscheiden uns ein bisschen, was die Offensiv- und Defensivaktionen angeht. Er ist ein guter Bundesliga-Spieler, und ich hoffe, dass er wieder die Chance erhält zu spielen. Das ist auch unser Traum, zusammen zu spielen. Ich sage es immer wieder: Mein Bruder hat Anlagen wie kaum ein anderer. Ich hoffe, dass er sie auch wieder zur Geltung bringen kann. Die vergangene Saison war richtig gut von ihm. Derzeit ist es für ihn schwer.

Gemeinsam mit Bruder Keven auf dem Platz

BT: Reden sie viel miteinander, bauen Sie sich gegenseitig auf, wenn einer einen Durchhänger hat?
Schlotterbeck: Er hat im Endeffekt ja keinen Durchhänger, er spielt nur einfach nicht. Aufbauen brauche ich ihn nicht, weil er weiß, welche Qualitäten er hat. Wir sprechen tatsächlich viel miteinander, wir gönnen uns alles. Ich sage ihm immer wieder, dass er es verdient hat zu spielen.

BT: Nur an der Spielkonsole gönnen Sie ihm nichts. Hat er da keine Chance gegen Sie?
Schlotterbeck: Ja, das stimmt. Da hat er keine Chance.

BT: Sie haben es schon angedeutet: Glauben Sie daran, dass sie Beide beim SC gemeinsam auf dem Platz stehen?
Schlotterbeck: Das kriegen wir in der Saison noch hin. Und zwar nicht nur ein, zwei Spiele, sondern über mindestens zehn Spiele, dass wir regelmäßig gemeinsam auf dem Platz stehen, weil ich denke, dass sich mein Bruder früher oder später durchsetzen wird. Das ist nicht nur ein Traum von uns beiden, sondern auch von unseren Eltern.

BT: Keven hat nach seiner Rückkehr von Union Berlin gesagt: „Ich bin jetzt nicht mehr der kleine Junge, der aus der Fußballschule kam“. Waren die Eisernen auch für Sie der perfekte Standort für Ihre Persönlichkeitsentwicklung?
Schlotterbeck: Persönlich habe ich mich schon weiterentwickelt, bin aber der gleiche Typ geblieben, als ich noch hier war. Mich hat es bei Union fußballerisch viel weiter gebracht. Ich war in einer Supermannschaft mit einem Superumfeld. Wir hatten ein Superjahr mit Rang sieben, was so nicht erwartet wurde. Es war aber auch nicht das perfekte Jahr, da ich in der Vorrunde von Verletzungen zurückgeworfen wurde.

Große Vorfreude auf die neue Arena

BT: Inwiefern unterscheiden sich Urs Fischer und Christian Streich in ihrer Trainerarbeit?
Schlotterbeck: Sie unterscheiden sich schon ziemlich, aber das ist schwierig zu erklären. Beide haben große Fähigkeiten. An sich spielt man bei Union und dem SC einen ähnlichen Fußball, man kommt über die Kompaktheit und Ordnung in der Defensive und probiert dann schnell umzuschalten. Mit dem Ball versucht man, den eigenen Stil durchzuziehen. Was das eigentliche Training oder den Umgang mit den Spielern angeht, unterscheiden sie sich dann schon.

BT: Landet der Sport-Club in dieser Saison vor Union?
Schlotterbeck: Ich hoffe ja. Ich glaube, dass wir eine sehr gute Saison spielen können. Wir hatten einen guten Saisonstart und können die Euphorie hoffentlich mitnehmen.

BT: Liegt der Klassestart hauptsächlich darin begründet, dass der Kader fast vollständig zusammenblieb?
Schlotterbeck: Ja, das kann man so sagen. Bis auf Baptiste Santamaria hat uns kein Leistungsträger der Vorsaison verlassen. Mit „Egge“ (Maximilian Eggestein, d. Red.) kam noch ein echt guter Spieler hinzu, der sich auch relativ schnell eingefügt hat. Ich glaube, dass wir inklusive des Pokalspiels in Würzburg bis auf die erste Halbzeit gegen Köln fast nur gute Spiele abgeliefert haben. Ich denke, das hängt damit zusammen, dass sich die Jungs schon lange kennen, dass jeder jetzt den nächsten Schritt beim Sport-Club machen will und der Konkurrenzkampf ziemlich hoch ist. Jeder weiß, dass er Leistung bringen muss, sonst sitzt er eine Woche später auf der Bank.

BT: Gegen Augsburg findet in einer Woche das definitiv letzte Heimspiel im altehrwürdigen Dreisamstadion statt. Sie haben nicht so oft darin gespielt. Was verbindet Sie trotzdem mit der Kultstätte.
Schlotterbeck: Mein Bundesliga-Debüt, das bleibt unvergessen. Das war mein Highlight mit dem Sieg gegen Dortmund. Auch die Stimmung der Fans ist super, von daher verbinde ich viel mit dem Stadion.

BT: Ist die Vorfreude auf die neue Arena dennoch groß?
Schlotterbeck: Absolut.

Ihr Autor

BT-Redakteur Michael Ihringer

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Erstellt:
18. September 2021, 18:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 48sec

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