SC-Freiburg-Torjäger Nils Petersen im BT-Interview

Freiburg (mi) – SC-Rekordtorschütze, bester Bundesliga-Joker, Publikumsliebling: Freiburgs Nils Petersen spricht im BT-Interview über leere Stadien, die Rolle als Einwechselspieler und Olympia 2016.

Hat Bundestrainer Joachim Löw als SC-Rekordtorschütze überflügelt: Stürmer Nils Petersen. Foto: Markus Gilliar/GES

© Markus Gilliar/GES/POOL

Hat Bundestrainer Joachim Löw als SC-Rekordtorschütze überflügelt: Stürmer Nils Petersen. Foto: Markus Gilliar/GES

Nachdem Nils Petersen 2014 unter Werder Bremens damaligem Trainer Viktor Skripnik nur noch Ersatzspieler war, wechselte er auf Leihbasis zum Sport-Club Freiburg. Bei seinem Debüt am 31. Januar 2015 erzielte er beim 4:1-Sieg gegen Eintracht Frankfurt einen Hattrick. Zuvor hatte er bei Bayern München 2012 ein für ihn später nicht unwichtiges Lehrjahr absolviert, war über einige Kurzeinsätze aber nicht hinausgekommen. In der Jugend wurde Petersen in seinem Geburtsort Wernigerode und danach in Halberstadt fußballerisch ausgebildet. 2005 nahm ihn Carl-Zeiss Jena unter Vertrag. 2008 wechselte er zum damaligen Bundesligisten Energie Cottbus.

Für den Sport-Club Freiburg absolvierte der 31-Jährige bislang 219 Bundesligaspiele und erzielte 77 Tore. Für die A-Nationalmannschaft bestritt er zwei Länderspiele. 2016 gewann er mit der DFB-Olympia-Auswahl die Silbermedaille. BT-Redakteur Michael Ihringer sprach mit Petersen über seine Rolle als SC-Publikumsliebling, seinen Titel als Bundesliga-Rekordjoker, leere Stadien in schweren Corona-Zeiten und sein neuestes Hobby Klavierspielen.

BT: Herr Petersen, für alle Kunstfreunde unter den Fußball-Fans. Was machen Ihre Fähigkeiten am Klavier?

Nils Petersen (lacht): So lange ich Fußball spiele, und ich nicht täglich besser werde, wird das noch Jahre dauern und muss ich mich gedulden, bevor da etwas Vernünftiges dabei rumkommt. Ich mache es auch nur als Zeitvertreib und Hobby. Ich werde nicht mehr der große Pianist werden.

BT: Reicht es also noch nicht für das Vorprogramm von Elton John, falls der jemals nochmals ein Comeback geben sollte?

Petersen: Nein, es reicht, um mich selbst zu bespaßen und mich daran zu erfreuen.

BT: Ist Musik aber nicht ein wunderbares Medium, um der von Ihnen vielfach beschriebenen Verblödung im Profialltag entgegenwirken zu können?

Petersen: Wir Fußballer sind natürlich privilegiert durch unseren Job, dass wir uns in vielen Dingen ausprobieren können, da die Zeit an freien Tagen zur Verfügung steht und wir nun auch die finanziellen Mittel haben, um uns anderweitig auszutesten. Der Druck ist in unserem Beruf schon ziemlich hoch, von daher ist es immer gut, wenn man etwas Ausgleich findet und die Gedanken an Fußball mal beiseite schieben kann, um sich mit etwas anderem zu beschäftigen, was einen erfreut.

„Am Ende sind wir alle Unterhaltungskünstler“

BT: Sind die Gefühle die Gleichen, wenn Musiker vor 70.000 Fans auf der Bühne stehen, wie wenn Sie vor der gleichen Kulisse ins Fußball-Stadion einlaufen?

Petersen: Ja, am Ende sind wir alle Unterhaltungskünstler, es ist unser Job. Die meisten Künstler werden wie wir vor ihrem Auftritt nervös sein. Von denen machen viele ja auch Sport wie Joggen zum Ausgleich.

BT: Apropos Zuschauer: Macht es für Sie einen Unterschied, ob 3.200 Zuschauer im Stadion sind wie gegen Wolfsburg oder ob Sie in einem leeren Stadion wie gegen Bremen spielen?

Petersen: Das ist ein Riesenunterschied. Die Differenz von 24.000 runter zu 3.200 ist zwar spürbar, hat aber nicht ein solches Gewicht wie von 3.200 runter zu null. Das ist wirklich extrem. Wenn niemand kommt, ist das ein ganz komisches Gefühl, das kann man gar nicht richtig beschreiben. Die Emotionen sind dann einfach ganz anders. Es fehlt das Feedback der Fans. Gerade in Freiburg sind sie immer positiv gestimmt, selbst nach einer Niederlage rufen sie dann: ,Auswärtssieg‘ und geben einem so ein positives Gefühl. Dem Heimteam geht ohne Zuschauer immer etwas flöten. Fußball ist unser Job, aber es erfüllt einen nicht, wenn man danach nach Hause geht, egal ob man gewonnen oder verloren hat.

BT: Zuletzt waren in fast keinem Stadion Zuschauer zugelassen. Nach dem neuesten Beschluss werden sich im November die Zustände vom Frühjahr wiederholen...

Petersen: Als Arbeitnehmer hast du immer die größte Angst, dass du deinen Job nicht machen kannst. Das ist ja jetzt doch positiv, dass es Konzepte gibt und mit Weitsicht gehandelt werden kann. Von daher können wir dankbar sein, dass überhaupt gespielt werden kann. Wie gesagt ist es nur traurig, dass wir unseren Job kaum oder gar nicht vor Zuschauern ausüben können.

BT: Sind Sie gerade in diesen schwierigen Zeiten froh, dass Sie bei einem stets gut wirtschaftenden Klub tätig sind, während andere jahrelang mit Geld um sich geworfen haben und jetzt große Probleme kriegen?

Petersen: Ja, wir Profis hier sind alle froh, beim Sport-Club tätig zu sein. Wir sind natürlich auch ein kleiner Verein und müssen schauen, dass wir das Geld zusammenhalten. Hier ist aber alles überschaubar, wir haben hier nicht die riesige Mitarbeiteranzahl und gehen finanziell auch nicht ins ganz große Risiko wie vielleicht anderswo. Das sind schon kleine Vorteile. Wenn jemand sagen kann, dass er bei einem gesunden Verein arbeitet, dann sind das tatsächlich wir.

„Ich muss topfit sein und alles reinwerfen“

BT: Der Sport-Club hat in der Vorsaison einen tollen achten Platz belegt, nicht zuletzt deshalb, weil der Kader damals zusammenblieb. Mit Schwolow, Waldschmidt und Koch sind drei wichtige Leistungsträger gegangen. Kann es von daher wie jedes Jahr nur das Ziel sein, drei andere Teams hinter sich zu lassen?

Petersen: Das ist ja die Schwierigkeit, nach Platz acht dann vor Saisonbeginn zu sagen: Wir wollen 15. werden. Sportlich ist es natürlich immer ein Vorteil, wenn der Kader zusammenbleibt, aber dafür haben wir wieder spannende Spieler hinzubekommen. Diese Saison wollen wir dennoch eine gute Rolle spielen und natürlich mindestens drei Mannschaften hinter uns lassen.

BT: Sie sind mittlerweile der älteste SC-Spieler und haben in der Vorsaison alle 34 Spiele bestritten. Liegt das an der hohen Intensität im Training?

Petersen: Ich denke schon, vom Fitnesslevel her sind wir gut aufgestellt. Wir haben uns im ärztlichen und physiotherapeutischen Bereich sehr gut entwickelt, deshalb haben wir derzeit auch nur wenige Verletzte. Aktuell haben wir einen großen Kader, da haben einige auch daran zu knabbern, wenn alle fit sind. Für mich ist das natürlich schön, mit 31 Jahren alle 34 Spiele der Vorsaison bestritten zu haben, das ist nicht selbstverständlich. Klar ist auch: Die jungen Spieler kratzen an den Plätzen, ab einem gewissen Alter hat man auch keinen Wiederverkaufswert mehr. So muss ich versuchen, irgendeinen Mehrwert für die Mannschaft zu haben. Das heißt, dass ich topfit sein und alles reinwerfen muss, um die Berechtigung für diesen Kader weiter zu haben.

BT: Sie sind in der Vergangenheit oft auch von der Bank gekommen und so zum Bundesliga-Rekordjoker geworden. Kein Profi sitzt gerne auf der Bank. Können Sie den Frust besser verarbeiten als andere oder lassen Sie sich als perfekter Teamplayer überzeugen?

Petersen: Es ist schwierig und auch eine Erfahrungssache. Ich habe mir in der Vergangenheit dieses Joker-Dasein erarbeitet und damit auch einen leichteren Umgang damit gefunden. Wenn man gedanklich nicht in der ersten Elf steht, ist man natürlich erst mal enttäuscht, weil man immer zu den Besten gehören will. Das ist nun mal das Fußballer-Gen. Damit habe ich mich früher immer wahnsinnig schwergetan. Da habe ich oft abends zu Hause gesessen und in mich hineingetrauert, weil ich nicht von Beginn spielte. Dann war ich Samstagabend wieder gut drauf, weil ich getroffen habe. Damals konnte ich schwer mit diesen Emotionen umgehen. Ich ziehe deshalb auch den Hut vor vielen Spielern bei uns, die Monate keine Rolle spielen und sich trotzdem von Montag bis Freitag reinwerfen und alles dafür geben, um irgendwann ihre Chance zu bekommen. Ob ich das schaffen würde, weiß ich nicht. Ich hatte das Glück, als Joker erfolgreich zu sein. Wäre ich das nicht gewesen und auch kein Startelf-Spieler, wäre es irgendwann bergab gegangen. Das konnte ich bislang zum Glück immer abwenden.

„Als Torjäger steht man eher in der Zeitung“

BT: In Freiburg werden Sie von den SC-Fans innig geliebt, Sie sind zweifellos der populärste Spieler in der Vereinsgeschichte der Breisgauer. Macht Sie das stolz?

Petersen: Es tut immer gut, wenn man das Gefühl hat, akzeptiert, respektiert zu werden, sich etwas erarbeitet zu haben. Gerade in unserem Metier, weil Fußballer natürlich immer, noch dazu aktuell in schwierigen Zeiten, auch etwas kritisch beäugt werden, weil es uns finanziell gut geht. Jetzt auch Rekordtorschütze des Vereins zu sein, macht mich dann schon auch stolz. Jeder, der irgendwo in einer Firma angestellt ist, hinterlässt gerne Spuren und ist froh, dass über ihn positiv gesprochen wird. Mein Glück ist einfach, dass ich Stürmer, Torjäger bin und dann steht man eben eher mit einem Porträt in der Zeitung als diejenigen, die Zulieferer sind oder die hinten alles wegräumen. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich diese Aufmerksamkeit nicht mag.

BT: Sie sind in Freiburg mittlerweile fest verwurzelt. Werden Sie nach dem Karriereende im Schwarzwald bleiben und vielleicht einen Job im Verein übernehmen?

Petersen: Mein größter Wunsch ist es, hier sesshaft zu werden. Ich baue jetzt ein Haus, meine Lebensgefährtin kommt von hier, wir haben uns was Schönes aufgebaut und sind jetzt auch in einem Alter, wo man Zukunftsgedanken hegt. Privat werde ich mich also sicher in Freiburg niederlassen. Beruflich muss ich schauen, wie lange der Profifußball für mich auf dem Niveau noch möglich ist. Es ist nicht so, dass auf der SC-Geschäftsstelle jemand für mich den Platz warm hält. Ich werde schon versuchen, eine Nische zu finden, die mir und dem Verein zusagt.

BT: Reizt das Ausland zum Karriereende wie bei vielen Profikollegen nicht?

Petersen: Nein, ich bin doch Fan vom deutschen Fußball. Man soll nie nie sagen, und man spricht zu Hause auch mal darüber, aber ich bin doch sehr heimatverbunden, obwohl Freiburg ja weiter weg ist als andere Ziele im Ausland von Hannover oder Leipzig per Flugzeug. Ich kann es mir derzeit aber nicht vorstellen.

„Schwarzwaldstadion wird mir sehr fehlen“

BT: Im Ausland, nämlich in Rio de Janeiro, haben Sie das Olympia-Finale 2016 bestritten. War der Austausch mit anderen Sportlern aus anderen Sportarten für Sie genauso wichtig und schön wie die Silbermedaille?

Petersen: Unser Nachteil war ja, dass wir während den ganzen zwei Wochen über das Land verstreut waren. Einerseits war das schön, um Brasilien zu sehen, andererseits konnten wir das Olympische Dorf nicht richtig kennenlernen. Wir waren dann nur zwei, drei Tage dort, weil wir eben zum Schluss hin ins Finale eingezogen sind. Das war natürlich schade, dass wir nur so wenig Zeit hatten. Es war aber schon genial, das zu beobachten, wir hatten auch einen gewissen Austausch mit anderen Sportlern. In der Mensa war es mir dann bei all den Athleten fast unangenehm, weil wir als Fußballer ja doch immer eine besondere Plattform kriegen und man beäugt wird. Der Austausch war aber sehr angenehm, wir haben uns dort wohlgefühlt.

BT: Für die Brasilianer war das Finale ja auch eine Revanche für das 1:7-WM-Halbfinaltrauma zwei Jahre zuvor...

Petersen: Es gab mehrere deutsche Athleten, die sich das Finale angeschaut haben und froh waren, dass wir verloren haben.

BT: In absehbarer Zeit soll der Umzug ins neue, moderne Stadion im Stadtteil Wolfswinkel anstehen. Herrscht schon Vorfreude oder kommen bei Ihnen nostalgische Gefühle beim Gedanken auf, dass das idyllische Schwarzwaldstadion bald Geschichte ist?

Petersen: Es ist eine Mischung aus Vorfreude und Nostalgie. Letzteres überwiegt momentan noch. Ich verbinde viel mit dem jetzigen Standort. Ich wohne in Littenweiler, fahre jeden Tag am Stadion vorbei und kenne gefühlt hier jeden Zentimeter. Da wird etwas fehlen. Wenn wir im neuen Stadion sind, ist das wie ein Arbeitsplatzwechsel. Ich bin ehrlich: Das Schwarzwaldstadion wird mir sehr fehlen.

Das könnte Sie ebenfalls interessieren:

Christian Streich im BT-Interview

Auch das könnte Sie interessieren:

Bundesliga-Schiedsrichter Patrick Ittrich im BT-Interview

Zum Artikel

Erstellt:
30. Oktober 2020, 18:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 6min 58sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.