SC muss Abgang von Leistungsträgern verkraften

Freiburg (mi) – Mit einigen Fragezeichen geht Bundesligist SC Freiburg nach den Abgängen der Nationalspieler Koch und Waldschmidt und Torwart Schwolow in die neue Bundesliga-Saison.

Der Ausfall von Torwart Mark Flekken wiegt schwer. Der Niederländer wird rund ein halbes Jahr ausfallen. Foto: Patrick Seeger/dpa

© dpa

Der Ausfall von Torwart Mark Flekken wiegt schwer. Der Niederländer wird rund ein halbes Jahr ausfallen. Foto: Patrick Seeger/dpa

Alle waren sie auf die zwei größten Freiburger Partys des Jahres eingestellt: Die Spieler, die Funktionäre, die Fans. Die Ausstandssause sollte am 27. Mai an der idyllischen Dreisam über die Bühne gehen, die Feier zum Einstand in der neuen „Bude“ Mitte August rund acht Kilometer Luftlinie entfernt am Flugplatz. Beim Sport-Club Freiburg war die Vorfreude groß vor dem Umzug vom altehrwürdigen Schwarzwaldstadion in die neue, moderne Heimstätte, die bei einem Fassungsvermögen von 34.700 Zuschauern immerhin 11.000 Anhängern mehr Platz bietet.
Corona hat die Menschheit gelehrt, dass nichts mehr so ist, wie es einmal war. Die Pandemie hat auch jede Terminplanung Schall und Rauch werden lassen. Und so müssen sich alle Beteiligten beim Sport-Club mit der Bundesliga-Premiere im neuen Domizil noch gedulden. Nach Lage der Dinge wird man noch die gesamte Vorrunde im Osten der Stadt verbringen, ein passender Auszugstermin mit emotionalem Rahmen könnte das letzte Heimspiel vor Weihnachten sein, ehe es dann nach der kurzen Winterpause 2021 in der neuen Trutzburg rund geht.

Und alle, die es mit dem SC halten, hoffen, dass die historische Saison ähnlich stressfrei verläuft wie die vergangene, die auf einem hervorragenden achten Platz endete. Davon ist freilich nicht auszugehen, nach einer exorbitant starken Spielzeit folgt fast traditionell eine Zitterrunde. Und der Grund hierfür ist leicht ausgemacht: Im Gegensatz zur Vorsaison, als der Kader komplett zusammenblieb, wird er nun vollumfänglich gesprengt. Der Fluch der guten Tat ereilt wieder mal Christian Streich.

Der Erfolgstrainer hat sich seit seinem Amtsantritt Ende Dezember 2011 mittlerweile daran gewöhnt, dass ihm die besten Spieler früher oder später weggekauft werden. Diesmal eben mit einem Jahr Verspätung. „Wir sind schon darauf angewiesen, Spieler so auszubilden, dass sie uns Ertrag bringen. Ich habe nicht erwartet, dass wie vergangenen Sommer alle bei uns bleiben.“

Ohne Rückhalt im Tor

So wird der ganz starke Rückhalt der Vorjahre, Torwart Alexander Schwolow, beim Neureichen-Verein Hertha BSC künftig ebenso ein Vielfaches seines bisherigen Gehalts verdienen wie Luca Waldschmidt, den es zu Benfica Lissabon zieht. „Luca kriegen wir in der Form nicht ersetzt“, sagt Streich offen. „Er hatte eine bestimmte Art, Fußball zu spielen, eine bestimmte Form von Kreativität und Abschlussstärke. Die können wir so nicht ersetzen.“ Auch Allrounder Robin Koch, den er wie Waldschmidt zum Nationalspieler formte, hat die Zelte gen Leeds United abgebrochen. Kapitän Mike Frantz, der seine Profikarriere bei Hannover 96 ausklingen lässt, spielte zwar sportlich zuletzt nur noch eine Nebenrolle, war aber eine wichtige Identifikationsfigur.

„Wir sehen es als Auszeichnung unserer Arbeit an, wenn Spieler diese Entwicklung bei uns nehmen. Gleichzeitig schwingt natürlich Wehmut mit, weil uns der Abschied sowohl sportlich als auch persönlich sehr schwerfällt“, kennt auch Sportdirektor Klemens Hartenbach die Zwiespältigkeit als eher kleiner Ausbildungsverein im Big Business Profifußball nur zu gut. Es erscheint zweifelhaft, ob die vier wichtigen Leistungsträger adäquat ersetzt werden können.

Das größte Fragezeichen steht im Tor. Mark Flekken hat in seinen zehn Pflichtspieleinsätzen, als Schwolow verletzt war, einen guten Eindruck hinterlassen. Doch jetzt kommt es knüppeldick für den lebenslustigen Niederländer: Ein halbes Jahr Pause statt Stammplatz. Beim Aufwärmen vor dem Pokalspiel in Mannheim hatte er sich Bänder und Sehnen im linken Ellenbogen gerissen. Er wurde bereits operiert. Dabei hatte der 27-Jährige einen Vertrauensvorschuss im Verein gehabt. „Ich bin glücklich darüber, dass ich jetzt da bin, wo ich hin wollte. Ich habe in den vergangenen zwei Jahren bei der Arbeit mit dem Trainerteam und den Mannschaftskollegen viel mitgenommen“, war seine Vorfreude groß gewesen. Nach der Verpflichtung von Benjamin Uphoff wurde fürs Tor nun auch noch Florian Müller von Mainz ausgeliehen.

Im Offensivbereich haben die Freiburger in Ermedin Demirovic eine gute Ergänzung zu Nils Petersen und Laufwunder Lucas Höler, der mittlerweile auch regelmäßig trifft, gefunden. In der Verteidigung fand ein Tausch unter Brüdern mit Union Berlin statt. Nach einem Jahr Lehrzeit kehrt Keven Schlotterbeck zurück, dafür wechselt der jüngere Nico nach Köpenick. In der Innenverteidigung sind Philipp Lienhart und Dominique Heintz sowie auf den Außenbahnen Christian Günter links und Jonathan Schmid rechts gesetzt.

Chance für jungen Yannik Keitel

Kein anderer Bundesligist gibt jungen Spielern solche Chancen, sich zu präsentieren wie der SC. So darf sich der 20-jährige Yannik Keitel nach dem Abgang von Allrounder Koch auf der Doppel-Sechs neben Stabilisator Nicolas Höfler und Giftzwerg Amir Abrashi Chancen ausrechnen. Der noch jüngere Noah Weißhaupt, Sohn von Ex-SC-Profi Marco Weißhaupt, hat in der Vorbereitung auch schon auf sich aufmerksam gemacht. Im kreativen Bereich hängt viel von den Ideen und der genialen Freistoßtechnik von Vincenzo Grifo ab. Nach guten Ansätzen erhofft sich Streich vom bienenfleißigen Südkoreaner Changhoon Kwon weitere Leistungsschübe. Auch dessen Landsmann Wooyeong Jeong, der im Vorjahr schnell zu Bayerns Drittliga-Meisterteam zurückgeschickt wurde, will im zweiten Anlauf ankommen. Er könnte bei konstant guten Leistungen Waldschmidts Position bekleiden. Wie sehr der SC beim Nachbessern des Kaders stets an die Grenzen stößt, verdeutlicht Streichs Aussage: „Wir hatten einen Spieler, den wir unbedingt wollten, der uns brutal gutgetan hätte, aber das war finanziell nicht zu stemmen, und dann wird das nicht gemacht.“ In Baptiste Santamaria folgte dann doch noch ein Rekordtransfer.

Alexander Schwolow hat in zwölf Jahren beim SC einiges erlebt. „In Freiburg kann alles passieren.“ Streich lässt sich von Rang acht nicht täuschen. Priorität bleibt, mindestens drei Teams hinter sich zu lassen, was schwer genug wird. „Wir müssen immer bis an die Kante arbeiten. Wenn wir nur ein bisschen weniger machen, sind wir nah am Abstieg.“ Auch ein größeres, modernes Stadion ändert daran nichts.

Das könnte Sie ebenfalls interessieren:

Podcaster Markus Lang würde gerne mal Christian Streich interviewen

Trio aus der Region startet eigenen Podcast


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.