SV Bühlertal: Sebastian Keller beendet Karriere

Von BT-Redakteur Christian Rapp

Bühlertall (rap) – 16 Jahre lang schnürte Sebastian Keller seine Fußballschuhe – 13 davon für seinen Herzensverein SV Bühlertal. Nun tritt er ab – wegen Corona aber heimlich, still und leise.

SV Bühlertal: Sebastian Keller beendet Karriere

16 Jahre lang ging Sebastian Keller (links) auf dem Fußballplatz keinem Zweikampf aus dem Weg... Foto: Frank Seiter

Am Samstag, so gegen 17.13 Uhr, wäre der Arbeitstag von Sebastian Keller auf dem Mittelberg zu Ende gegangen. In den 88 Minuten zuvor hätte er zusammen mit seinem Bruder Moritz im Derby gegen den SV 08 Kuppenheim die Bühlertäler Abwehr organisiert, millimetergenaue Diagonalpässe auf die Außen geschlagen und sicherlich auch den einen oder anderen (hitzigen) Dialog mit dem Schiedsrichter geführt. So wie eben fast jeden Samstag. Saison für Saison. 16 Jahre lang.

Doch das vermaledeite Coronavirus ist dazwischen gegrätscht, die Fußballsaison in der Verbandsliga längst annulliert. Einer der wenigen Zweikämpfe, die Sebastian Keller in seiner Karriere nicht gewinnen konnte. So tritt der 33-Jährige heimlich, still und leise von der mittelbadischen Fußballbühne ab. Statt schweißtreibend dem runden Leder nachzujagen, liegt Keller am Samstagmittag gemütlich am hauseigenen Pool in Vimbuch, genießt die Sonne und das eine oder andere Kaltgetränk. Statt Zweikämpfe gegen Grünbacher und Co. liegt der Fokus in Zukunft auf Planschereien im kühlen Nass mit Ehefrau und den zwei Töchtern.

„So ein letztes Heimspiel gegen Kuppenheim wäre schon cool gewesen“, sagt Keller, „aber nicht wegen des Abschieds oder der Kulisse an sich.“ Dies sähe dem Mann mit der weißen Zehn auf dem roten SVB-Trikot auch nicht ähnlich. Großes Brimborium um seine Person war und ist schließlich noch nie seine Sache gewesen. Vielmehr hätte der Krimininalpolizist gerne die letzten Wochen seiner Karriere aufgesaugt, sie in vollen Zügen genossen. „Zu wissen, das ist mein letztes Abschlusstraining, die letzte Fahrt auf den Mittelberg, das letzte mal Trikot drüber, die letzte Halbzeitansprache – das wäre schön gewesen, weil ich sonst immer sehr verbissen war. Deswegen habe ich vergangenes Jahr noch eine Runde drangehängt. Dass es beim zweiten Mal aber genauso kam – blöd gelaufen“, sagt Keller.

„Der SVB ist ein Stück Familie für mich“

Ob er sich schon an sein Karriereende gewöhnt habe? „Die letzten Monate haben sich wie ein kalter Entzug angefühlt. Ich konnte mich auf die Situation leider vorbereiten.“ Vermissen werde er das „ganze Drumherum, das Kabinenleben, die lustigen Auswärtsfahrten“. Fahrten, die sich eher – gerade nach einem fulminanten Auswärtssieg – anfühlten wie Ausflüge einer Horde Jungs auf Klassenfahrt. Nur mit Bier statt Saft. „Der SVB ist ein Stück Familie für mich, der Zusammenhalt hier oben ist einmalig“, sagt Keller, der Zeit seiner Karriere immer mit offenen Kickschuhen den Platz betrat – und sie erst dort schnürte.

So auch an jenem 20. August 2005. Als nur kühnste Optimisten bereits vom Sommermärchen zu träumen wagten, betrat Sebastian Keller – damals noch A-Jugendlicher – die große Fußballbühne und startete sein ganz eigenes mittelbadisches Fußballmärchen: Beim Verbandsligaspiel VfB Bühl gegen den Offenburger FV debütierte er – mit zarten 18 Jahren – im VfB-Sturm an der Seite von Christian Coratella. „Das war schon ein unglaubliches Erlebnis, gleich zum Start im Seniorenbereich vor vollem Haus im Hägenich gegen den OFV zu spielen“, erinnert sich Keller. Ein „gelungenes Debüt“ attestierte ihm damals BT-Sportredakteur Hucky Krämer, verbunden mit dem Hinweis an den damaligen VfB-Spielertrainer Alexander Hassenstein: „Er dürfte gegen Teningen wieder erste Wahl sein.“ So kam es schließlich auch, bis 2008 kickte er für den VfB, dann folgte der Wechsel zu seiner großen Fußball-Liebe: dem SV Bühlertal.

Rauschhafte Aufstiege, bittere Abstiege

Dass er ausgerechnet für die Zwetschgenstädter debütierte, mutet durchaus etwas seltsam, nahezu skurril an, wurde Sebastian Keller doch oben auf dem Bühlertäler Mittelberg fußballsozialisiert (wie auch seine drei jüngeren Brüder Maximilian, Philip und Moritz), lernte bereits mit fünf Jahren dort das ABC aus Zweikampf, Passspiel und Torabschluss. Schließlich ist sein Vater Rolf eine ausgewiesene SVB-Legende, zog jahrelang im Mittelfeld die Fäden und war später Trainer des Sprösslings. „Das war mit Sicherheit prägend“, sagt der zweifache Familienvater, „aber auch schwierig und konfliktbehaftet.“ Vater Rolf forderte, aber förderte ihn und seine drei Brüder auch – sogar mit einem eigenen Bolzplatz hinter dem Haus. „Den hat er extra für uns aus dem Hang gebaggert, so zehn auf 20 Meter. Da haben wir immer vor und nach dem Training gebolzt. Alle mussten mitspielen, damit es aufgeht“, erinnert sich der 33-Jährige und lacht.

In der C-Jugend folgte dann der Wechsel als Gastspieler zum VfB Bühl – und später eben das Debüt in der Verbandsliga als junger Stürmer und Dränger. Nach drei Spielzeiten zog es ihn schließlich wieder zurück zum SVB – damals noch zu Bezirksligazeiten. In den folgenden 13 Jahren mauserte er sich dann – wie einst Vater Rolf – selbst zu einer SVB-Ikone. Mitspieler kamen und gingen, doch Sebastian Keller blieb dem Mittelberg treu, lehnte andere Angebote ab und feierte rauschhafte Aufstiege, aber musste auch ganz bittere Abstiege verkraften, wie jenen 2017 aus der Verbandsliga. „Das war schon sehr bitter, der hat ziemlich geschmerzt“, sagt Keller, zumal gute Kumpels wie Robin Seifermann, Manuel Kirschner und Daniel Schmidt, dessen Trauzeuge Keller ist, danach den SVB verließen. Doch nur zwölf Monate später war die Scharte unter Neutrainer Johannes Hurle ausgewetzt, hoch überlegen brachte man die Rückkehr ins südbadische Fußballoberhaus unter Dach und Fach. „Das war die beste Saison überhaupt, die wir gespielt haben“, findet Keller, der außer dem einen oder anderen Bänderriss keine schwerwiegende Verletzungen davontrug.

Spezielle Beziehung zu den Schiedsrichtern

Obwohl der 33-Jährige mit den Jahren positionstechnisch immer weiter nach hinten gerückt ist, ging er stets keinem Zweikampf aus dem Weg. Zu Bühler Zeiten noch Stürmer, dirigierte – und diktierte – er jahrelang das SVB-Mittelfeld, bevor er auf seine alten Tage unter Hurle („Ich hätte nie gedacht, dass ich auf der Zielgeraden meiner Karriere nochmal taktisch so viel lerne wie bei Jojo. Das war herausragend, ein anderes Level als zuvor.“) in die Innenverteidigung – an die Seite seines Bruders Moritz – rückte.

Das mit der Keller-Bande sei ohnehin so eine Sache gewesen, eine „ganz spezielle“. Vier Brüder in ein und demselben Team ist ja durchaus auch etwas Besonderes. „Gewünscht hat es sich jeder, und jeder fand es auch cool“, erklärt er, „aber es war auch konfliktbehafteter als mit den anderen Teamkollegen. Der Umgang und die Kommunikation ist unter uns derber gewesen. Man ist schneller eingeschnappt, aber nach dem Spiel ist es auch schneller wieder vergessen“, meint der Polizist.

„Speziell“, sagt Sebastian Keller, sei auch seine Beziehung zum Schiedsrichter gewesen – bis zuletzt. „Man hätte erwarten können, dass man in dieser Hinsicht im Alter etwas ruhiger wird – na ja, bei mir war das nicht immer der Fall. Ich habe immer viel mit dem Schiri kommuniziert, was er aber nicht unbedingt mit mir wollte“, sagt der Fußball-Rentner und lacht. „Radio Keller“ wusste aber nicht nur mit dem Mundwerk auf dem Platz zu überzeugen, sondern zuvorderst mit seinen Füßen und den Augen. „Ich habe eine gute Antizipation, den Blick für Gegen- und Mitspieler. Außerdem bin ich ganz zufrieden mit meinem Kopfballspiel. Nur etwas schneller hätte ich sein können, aber das wird jetzt nix mehr“, bilanziert Keller. Sebastian Keller war ein Muster an Beständigkeit. Mister zuverlässig. Wort- und Anführer. Frei nach Mehmet Scholl, der einst Philipp Lahm adelte: „Philipp hat 75 Prozent aller Spiele Weltklasse gespielt, die anderen 25 überragend.“

Als Edelfan wird Sebastian Keller weiter auf Auswärtsfahrten dabei sein („Das ist bereits fix vereinbart.“). Aber nur auf ausgewählten. Denn nun ist er anderweitig eingespannt: als Poolboy für Frau und Kinder.