SWR New Pop Special: Pioneer of Pop verliehen

Baden-Baden (BT) – Nach einem Jahr Pause hat beim SWR New Pop Festival auch das Special wieder stattgefunden. Der Pioneer of Pop ging an Fury in the Slaughterhouse.

Fury in the Slaughterhouse werden beim Special mit dem Pioneer of Pop ausgezeichnet. Foto: SWR/DNA Creative Collective

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Fury in the Slaughterhouse werden beim Special mit dem Pioneer of Pop ausgezeichnet. Foto: SWR/DNA Creative Collective

Alice Merton liebt Nacktschnecken und ist vor einem Auftritt manchmal so nervös, dass sie nicht kommen kann. In Kalifornien hat sie schon beim weltberühmten Coachella Festival gespielt, aber an diesem Abend fährt sie trotzdem für das Special des New Pop nach Baden-Baden.

Als deutsche Popmusikerin, die ihre Kindheit in Kanada verbrachte und in insgesamt vier Ländern aufwuchs, ist sie am Ende dennoch ein bodenständiger Mensch geblieben.

Vom Newcomer zum Weltstar: Alice Mertons stand bereits 2017 in Baden-Baden auf der Bühne. Foto: SWR/Uwe Riehm

© SWR/Uwe Riehm

Vom Newcomer zum Weltstar: Alice Mertons stand bereits 2017 in Baden-Baden auf der Bühne. Foto: SWR/Uwe Riehm

„Kennt ihr das, wenn ihr jemanden liebt? Ihr wünscht euch, der Held zu sein – aber ihr schafft es psychisch nicht“, versucht sie, am Samstagabend Passagen aus ihrem Album zu erklären. Sie singe ausschließlich über ihre Gefühle, „fast schon autobiografisch“, denn „ich kann nur so Musik machen“. Das Publikum im Festspielhaus findet das gut und dankt ihr mit einem großen Applaus.

Geklatscht wird an diesem Abend sehr viel. Und zwar so viel, dass schon nach zehn Minuten die Hände brennen, aber das ist egal, denn Guido Cantz ist bei seinem Spaziergang durch die Stadt ein paar Stunden zuvor „melancholisch“, und bei Pierre M. Krause mischt sich noch ein bisschen „Euphorie“ dazu, weil keiner gedacht hätte, dass das New Pop überhaupt stattfinden kann. Doch am Ende haben sogar Oliver Pocher, Tahnee und Elena Uhlig an diesem Abend ihren Weg auf die graue Couch gefunden, auf der in den nächsten Stunden noch so manche Bekanntheit Platz nehmen wird.

Auch Wincent Weiss hat erneut den Weg zum Festival gefunden. Foto: Sarah Gallenberger

© sga

Auch Wincent Weiss hat erneut den Weg zum Festival gefunden. Foto: Sarah Gallenberger

Zum Beispiel Nathan Evans, der das Special wie ein Weltstar mit Konfettikanonen und „Wellerman“ einläutet und danach beiläufig erzählt, dass er erst im Januar seinen Job als Briefträger gekündigt hat. Wincent Weiss spielt da schon etwas länger im Musikbusiness mit – bringt aber vor allem seine weiblichen Fans an diesem Abend immer noch zum Japsen und Kreischen. Als er von den letzten 16 Monaten und einer „Achterbahn der Gefühle“ erzählt, schmilzt selbst Uhlig dahin – die es gerade sowieso nicht glauben kann, weil sie „noch nie so nah“ an einem Popstar gewesen ist und schließlich sogar mit Pocher den Platz tauscht, damit sie Weiss direkt in die Augen schauen kann.

Oliver Pocher auf dem Weg zur grauen Couch. Foto: Sarah Gallenberger

© sga

Oliver Pocher auf dem Weg zur grauen Couch. Foto: Sarah Gallenberger

Doch Uhlig wechselt nicht nur den Platz, sondern irgendwann auch ihre hohen Schuhe gegen flache Sneaker, damit sie besser tanzen kann. Zum Beispiel, wenn Rag’n’Bone Man ganz lässig mit seiner ärmellosen Jeansjacke auf die Bühne läuft und mit seiner tiefen Stimme und großen Statur den Raum einnimmt. Während der britische Sänger 2017 auf dem New Pop Festival mit dem Newcomer-Award ausgezeichnet wurde, ist Deutschland auch heute noch „eine zweite Heimat“ für ihn.

Kann kaum fassen, dass das Special in diesem Jahr tatsächlich stattfinden darf: Guido Cantz. Foto: SWR/Uwe Riehm

© SWR/SWR3/Uwe Riehm

Kann kaum fassen, dass das Special in diesem Jahr tatsächlich stattfinden darf: Guido Cantz. Foto: SWR/Uwe Riehm

Deshalb ist die Freude auch sehr groß, als er an diesem Abend seiner Kollegin Zoe Wees den diesjährigen Award überreicht – ganz überraschend, denn die Hamburgerin mit den pinken Zöpfen scheint überhaupt nicht damit gerechnet zu haben. Stattdessen singt sie wenige Minuten zuvor so gefühlvoll und mit vibrierender Stimme über die Angst, die Kontrolle zu verlieren, wie es nur wenige mit 19 Jahren können.

Doch der Newcomer-Award ist nicht der einzige, der an diesem Wochenende im Festspielhaus verliehen wird. Fury in the Slaughterhouse bekommen den Pioneer of Pop, weil sie seit den 1980-ern zu den „Evergreens“ gehören und 1993 schließlich den Sprung in die amerikanischen Charts schaffen.

Nach 13-jähriger Pause sind sie jetzt wieder da, doch der Rocksound bleibt gleich und Thees Uhlmann ist ganz stolz, weil er als „Typ aus Cuxhaven“ die Laudatio abhalten und später sogar noch gemeinsam mit Fury in the Slaughterhouse singen darf. „Euch gab es schon, da gab es Oasis und Nirvana noch nicht“, erinnert sich Uhlmann, „da war Helmut Kohl noch Bundeskanzler“.

Um Mitternacht ist die Bühne voll mit feinen und bunten Konfettischnipseln; die Hände sind taub und die Ohren rauschen. Trotzdem wird auch nach vier Stunden erbarmungslos weitergeklatscht, weil keiner der über 1.000 Zuschauer beenden möchte, was so lange nicht mehr erlaubt gewesen ist.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Sarah Gallenberger

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Erstellt:
20. September 2021, 07:50 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 01sec

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