Sängerin Annett Louisan im BT-Interview

Baden-Baden (fde) – Sängerin Annett Louisan singt am 13. August auf der Ötigheimer Freilichtbühne. Im Gepäck hat sie ihre größten Hits, Titel ihres aktuellen Cover-Albums und ein paar ganz neue Songs.

Schmerzlich vermisst: Annett Louisan hat während des Lockdowns gemerkt, wie wichtig es ihr ist, auf der Bühne zu stehen. Foto: Christoph Koestlin

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Schmerzlich vermisst: Annett Louisan hat während des Lockdowns gemerkt, wie wichtig es ihr ist, auf der Bühne zu stehen. Foto: Christoph Koestlin

Ab dem 12. August jagt das berühmte Katz-und-Maus-Duo „Tom & Jerry“ über die deutschen Kinoleinwände. Wenn der Titel-Song „Vielen Dank für die Blumen“ ertönt, werden einige Besucher aber vermutlich mit den Ohren schlackern. Nicht die Stimme von Udo Jürgens ist zu hören, sondern die von Sängerin Annett Louisan, die das kultige Intro neu eingesungen hat. Cover sind für die 44-Jährige allerdings kein Neuland, den mit „Kitsch“ hat sie zuletzt bereits ihr zweites reines Cover-Album veröffentlicht. Darauf singt die Hamburgerin auch erstmals in englischer Sprache. Warum sie sich das lange nicht zutraute, hat Louisan im Vorfeld ihres Auftritts am Freitag, 13. August, auf der Ötigheimer Freilichtbühne BT-Redakteur Dennis Schmidt verraten.

BT: Frau Louisan, Sie haben für den neuen „Tom & Jerry“-Film den Titelsong „Vielen Dank für die Blumen“ von Udo Jürgens neu eingesungen. Wie kam es dazu?
Annett Louisan: Es gab schon vor etwas längerer Zeit eine Anfrage. Der Film ist mittlerweile auch etwas verschoben worden, und kommt jetzt eben erst im August. Ich habe mich sehr gefreut über die Anfrage. „Tom & Jerry“ ist Teil meiner Kindheit und steht in einer Reihe mit „Biene Maja“ oder „Heidi“. Außerdem bin ich ein ganz großer Udo-Jürgens-Fan. Ich finde, dass Udo Jürgens’ und mein Repertoire gewisse Ähnlichkeiten haben, weil es Geschichten sind, die anders geschrieben wurden als ein normaler Popsong. Ich hatte die Ehre, ihn kennenlernen zu dürfen: Er war so gut, hat sich für Menschen interessiert, und deshalb konnte er diese Lieder so singen. Daher ist es mir eine sehr große Ehre, dass ich dieses Lied für diesen Kinofilm neu auflegen darf.
Mit neu aufgelegten Liedern ist es immer so, dass es bestimmt viele Leute gibt, die das nicht toll finden. Das wird immer sehr polarisierend aufgenommen. Ich habe versucht, darauf zu achten, dass es irgendwie in Udos Sinne ist und nicht weit weg vom Original. Ich hoffe, es hätte ihm gefallen.

„Habe eine stark kitschige Seite in mir“

BT: Ihr aktuelles Album heißt „Kitsch“ – ein eher negativ behafteter Begriff. Was verbinden Sie mit Kitsch?
Louisan: Für mich ist es auf eine Art ein positiver Begriff. Ich habe eine stark kitschige Seite in mir – auch wenn ich in meinem eigenen Repertoire versuche, eine gute Balance zu finden. Kitschige Lieder sind für mich sehr, sehr emotionale. Fast schon so emotional, dass man es kaum ertragen kann. Ich finde, die englische Sprache bietet viel Freiraum für Kitsch. Deshalb sind auf dem Album auch so viele englischsprachige Lieder zu finden.

Es gibt halt einfach manche Lieder, die würde man nicht unbedingt auf einer Party auflegen, aber die hört man heimlich – guilty pleasures – die haben wir alle. Das war so ein bisschen die Idee der Platte, die im Lockdown entstanden ist. Ich hatte damals das Bedürfnis nach einer heilen Welt und habe viele alte Filme angeschaut, um mir selber ein gutes Gefühl zu geben. So bin ich dann bei den Liedern aus meiner Kindheit gelandet, und so wurde die Idee zu „Kitsch“ geboren.

BT: Sie haben es angesprochen: Erstmals haben Sie sich an eine Reihe englischer Titel gewagt. Warum erst jetzt?
Louisan: Vielleicht liegt das ein bisschen am Selbstbewusstsein. Ich weiß nicht, ob ich das am Anfang meiner Karriere schon gekonnt hätte. Heute weiß ich, dass ich mich überall mit hinnehmen kann. Ich habe sehr lange auch ein starkes Korsett getragen für mich selbst, um meine Stimme zu finden und herauszubilden. Wie will ich etwas erzählen? Wer bin ich? Wie möchte ich, dass etwas klingt? Vielleicht ist es jetzt so, dass ich zu alldem stehe, was ich bin. Auch zu meinem deutschen Akzent, den ich pflege. Ich bin mit englischsprachiger Musik aufgewachsen, und das sind Lieder, die ich toll finde. Jetzt ist einfach der Zeitpunkt für den Schritt dagewesen.

„Berührt mich am meisten, wenn ich ganz nah bei mir bin“

BT: War es denn nicht schwierig für Sie, Ihren markanten Sprechgesang in einer anderen Sprache richtig zur Geltung zu bringen?
Louisan: Naja, jetzt irgendwie nicht mehr. Das habe ich gemerkt. Ich kann mich erinnern: Mit Anfang 16 wollte ich auch noch so klingen wie Aretha Franklin, aber das hat halt nicht geklappt. Die Stimme zu verstellen und etwas nachzusingen, macht ja durchaus Spaß, aber für mich selbst habe ich irgendwie bemerkt, es berührt mich immer am meisten, wenn ich ganz nah bei mir bin. Wenn ich ganz nah an meiner Sprechstimme bleibe und die nicht verstelle. Da, in einer ganz bestimmten Range, passiert etwas, da fängt es an, dass sich die Haare aufstellen. Das ist alles eine Erfahrungssache. Heute weiß ich ganz genau, wo ich sein will. Es ist gut, sein Instrument zu kennen. Dann kann man damit auch alles machen, was man möchte.

BT: Können Sie sich vorstellen, in Zukunft auch eigene englischsprachige Titel zu schreiben und einzusingen?
Louisan: Bei der Sprache bräuchte ich definitiv Hilfe, so versiert bin ich nicht. Ich weiß nicht genau, ob das wirklich Sinn macht. Es könnte sein, wenn es sich ergibt und es irgendeinen Grund dafür gäbe, dass ich ein neues, toll geschriebenes englisches Lied singe.
Ich bin deutschsprachige Sängerin, meine Alben sind in meiner Muttersprache geschrieben, da kann ich einzigartig sein. Hier kann ich besonders sein, das weiß ich, und deshalb bleibe ich auch da.

Fremde Lieder als Inspirationsquelle

BT: Die Palette auf „Kitsch“ reicht von Helene Fischers „Atemlos durch die Nacht“ über „Bitter Sweet Symphony“ von The Verve bis hin zu „I want it that way“ von den Backstreet Boys – da ist wirklich für jeden etwas dabei. Nach welchen Kriterien haben Sie die Songs ausgewählt?
Louisan: Es gab natürlich diesen Faktor, dass man Lieder nimmt, von denen man denkt: „Boah, das geht gar nicht mehr, die sind so veraltet.“ Oder bei „Atemlos durch die Nacht“ – das ist einer der meistgeliebten, aber auch meistgehassten deutschsprachigen Songs. Das hat mich schon sehr gereizt, den mal auseinanderzunehmen und zu schauen: Was ist denn da dran? Kann ich mir den zu eigen machen? So einfach war es aber nicht, den zu übersetzen. Ich habe das ja sehr synthetisch gemacht mit Vocoder, dass es fast ein bisschen nach Märchenwald klingt.
Oder einen Backstreet-Boys-Song zu singen, geschrieben von Max Martin – einem der größten Pop-Komponisten unserer Zeit. In dem Moment wird mir schon klar, warum das so ein großer Hit ist. Das ist einfach richtig gut geschrieben. Für mich ist es toll, so etwas mal zwischen meinen eigenen Alben auszuprobieren. Das inspiriert mich richtig, und ich kriege wieder richtig Lust auf eigene Sachen.

BT: Stehen alle der 14 Lieder auch auf Ihrer persönlichen Lieblingsplaylist?
Louisan: Nein, nicht alle. Es waren auch ein paar Herausforderungen dabei, die ich aber zu Lieblingssongs von mir machen wollte. Ich bin zum Beispiel ein riesiger Lionel-Richie-Fan, und ich hoffe natürlich, dass er meine Version von „Hello“ gehört hat. Der ist nämlich noch nicht so oft gecovert worden. Er hat sich aber bislang leider noch nicht bei mir gemeldet (lacht).
Für mich ist „Kitsch“ erst der Anfang. Es wird definitiv einen „Kitsch part two“ geben. Es ist einfach ein schönes Konzept. Ich merke das auch auf der Bühne: Wenn ich mein Repertoire mit den Liedern spicke, ist das eine totale Bereicherung für eine Liveshow.

Eine Wohltat, einfach mal Interpretin zu sein

BT: Der Albumtitel ist schlussendlich also auch darauf bezogen, dass ausschließlich Cover-Versionen darauf zu finden sind?
Louisan: Ja, richtig. Das ist eben ein bestimmtes Konzept, wie man sich gewisse Dinge zu eigen machen kann. In meinem eigenen Repertoire versuche ich immer, möglichst unkitschig zu bleiben. Meine Stimme ist so süßlich, dass ich immer versuche, dem textlich ein stückweit entgegenzuwirken. Es war eine totale Wohltat, das Musikmachen mal ein bisschen leichter zu nehmen. Bei meinen eigenen Platten drehe ich jeden Stein um, man ist viel kritischer mit sich selbst. Covern ist ein bisschen wie Cola trinken – ein riesengroßer Luxus. Man kann alles, was man kann, einsetzen und einfach musizieren. Einfach nur mal Interpretin sein, das habe ich irgendwie gebraucht.

BT: Durch den Lockdown sind viele Auftritte teilweise schon mehrfach verschoben worden. Mit welchen Liedern sind Sie den dann eigentlich auf Tour aktuell?
Louisan: Wir haben geprobt Anfang Juli, und da habe ich beschlossen, ich spiele einfach das, worauf ich Bock habe – querbeet durch mein gesamtes Repertoire, ein paar „Kitsch“-Songs und noch ein paar ganz neue Songs. Seit jeher ist es bei mir Tradition, dass ich neue Lieder auch erstmal auf der Bühne ausprobiere, bevor ich produziere. Das ist noch so ein bisschen die alte Welt wie bei Frank Sinatra. Der ging auch erst auf Welttournee, dann hat er als Bonus die Platte aufgenommen. Heute ist das andersrum.
Aber auf der Bühne, finde ich, beweist sich erst, ob etwas gut ist. Da gibt es so viele Aha-Momente für mich. Ich habe jetzt schon wieder zwei Sachen umgeschrieben, weil ich merke: Die Geschichte muss ich so nochmal anders erzählen, damit jeder das besser versteht – und nicht nur ich.

Musik nicht nur Beruf, sondern Passion

BT: Sie hatten schon einige Open-Air-Termine diesen Sommer. Können Sie uns einen Einblick in Ihr Seelenleben geben, was es für Sie bedeutet, endlich wieder auf der Bühne zu stehen?
Louisan: Auch wenn es nicht so ist wie früher, man genießt es irgendwie dreifach so doll. Gerade der zweite Lockdown war nicht wirklich einfach. Die Zeit hat aber auch ein paar positive Dinge hervorgebracht: Ich habe gemerkt, dass Musik nicht nur mein Beruf ist, sondern meine Passion. Es ist mir ungemein wichtig, auf der Bühne zu stehen. Wenn das für immer fehlen würde, wäre das dramatisch für mich.

BT: Die wenigen Termine verteilen sich diesen Sommer über mehrere Wochen, richtiges Tour-Feeling kommt da nicht auf. Saugt man die Energie bei jedem Auftritt dann noch mehr in sich auf?
Louisan: Das auf jeden Fall. Es kommt keine Routine auf, es ist aber jedes Mal etwas ganz Besonderes. Und trotzdem habe ich persönlich das Gefühl, seitdem es wieder losgeht, ist es unglaublich stressig geworden. Zwischendrin war ich noch im Studio und bin dabei, das Album zu machen. Gerade kann ich mich jedenfalls nicht beklagen, dass ich nichts zu tun habe.

Neues Album für Anfang 2022 geplant

BT: Wenn Sie gerade im Studio waren, wann folgt Ihre nächste neue Platte?
Louisan:Ich gehe davon aus, Anfang 2022 – das ist zumindest mein Plan. Ich kann leider noch nicht so viel verraten, aber ich habe das Gefühl, wenn es so wird, wie ich es mir vorstelle, dann erfülle ich mir damit wirklich einen Traum.

BT: Sie spielen am kommenden Freitag ein Konzert auf Deutschlands größter Freilichtbühne in Ötigheim. Freuen Sie sich schon auf die Kulisse?
Louisan: Ich glaube, das ist der perfekte Ort für ein Annett-Louisan-Konzert. Meine Konzerte sind weitestgehend immer bestuhlt, und wir haben dort gerade unter den aktuellen Umständen die Möglichkeit, dass nicht alle so dicht an dicht sitzen und die Leute trotzdem nah dran sind. Wenn das Wetter mitspielt, wird es bestimmt ein ganz bezaubernder Abend.

Ihr Autor

BT-Redakteur Dennis Schmidt

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Erstellt:
7. August 2021, 14:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 6min 51sec

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