Salutkanonen fallen durch den TüV

Gernsbach (stj) – Drei von vier Repräsentationswaffen der Stadt Gernsbach sind im Beschussamt Ulm durch den TÜV gefallen und haben keine Genehmigung für die weitere Nutzung bekommen.

Am 2. Juli ist es wieder soweit: Die Kanoniere Adrian Mörmann (links) und Achim Rothenberger feuern anlässlich des Lautenbacher Feiertags um 6 Uhr, 9 Uhr und nachmittags bei der Prozession 50 Salutschüsse ab. Foto: Benito Rothenberger

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Am 2. Juli ist es wieder soweit: Die Kanoniere Adrian Mörmann (links) und Achim Rothenberger feuern anlässlich des Lautenbacher Feiertags um 6 Uhr, 9 Uhr und nachmittags bei der Prozession 50 Salutschüsse ab. Foto: Benito Rothenberger

Wenn wie beim Patrozinium in Reichental Ende September oder beim Lautenbacher Feiertag (jedes Jahr am 2. Juli) Böllerschüsse standesgemäß auf das Fest einstimmen, dann bedarf es dafür einer behördlichen Genehmigung. Um eine Kanone überhaupt abfeuern zu dürfen, muss das Geschütz über ein aktuelles TÜV-Siegel verfügen. Das gibt es beim Beschussamt in Ulm. Oder auch nicht: Von den vier Repräsentationswaffen der Stadt Gernsbach fielen jetzt drei durch die Prüfung.

Ortsvorsteher Guido Wieland hatte sich kürzlich mit seinem Ortschaftsratskollegen Gerd Klumpp von Reichental aus mit einem gemieteten Transporter und den vier Kanonen in die Universitätsstadt begeben, um sie checken zu lassen. Alle fünf Jahre ist dieser „Böller-TÜV“ fällig. Diesmal hat von der Staatlichen Prüf- und Zertifizierungsstelle für Waffen- und Sicherheitstechnik aber nur das Exemplar aus Lautenbach das Okay bekommen. Für die Kanonen aus Reichental, Obertsrot und Gernsbach gab es hingegen keine Bescheinigung, sondern die Beanstandung „fehlerhafte Waffen“.

„Das war für uns schon eine kleine Überraschung“, sagt Wieland, zumal sich an den Waffen im Vergleich zu vor fünf Jahren nichts geändert habe. Als Grund gibt das Beschussamt an, bei den Kanonen sitze jeweils die Schildzapfenbohrung zu tief. Mit den Schildzapfen wird das Rohr auf der Lafette gelagert. Diese Bohrungen dürfen nicht bis auf die Rohrseele (den Teil eines Kanonenrohrs, der das Geschoss während des Schusses führt) durchgehen. Das ist bei drei der Gernsbacher Kanonen aber der Fall – nur bei der Lautenbacher nicht, die einer anderen Baureihe entstammt, wie Wieland erläutert. Das ist in Ulm wohl erst jetzt aufgefallen, weil die Prüfungen inzwischen mit einer Endoskop-Kamera erfolgen. Eine solche hatte man beim Beschussamt vorher offenbar nicht zur Verfügung.

Der Ortsvorsteher hat nach dem Besuch in Ulm umgehend Angebote für eine Reparatur eingeholt. 1.500 Euro pro Stück würde es kosten, die Kanonen wieder flott zu machen. Da sie jedoch nur noch in Reichental und Lautenbach regelmäßig im Einsatz sind, will Wieland zumindest das Exemplar im Bergdorf herrichten lassen. Bis zum Patrozinium von St. Mauritius am 26. September wird das wohl nicht klappen. Aber die Freunde in Lautenbach haben schon signalisiert, dass sie ihre TÜV-geprüfte Kanone einmal verleihen würden.

Auch als Kanonier muss man sich an strenge Regeln halten

Auch als Kanonier muss man sich übrigens an strenge Regeln halten. So darf nicht jeder eine Salutkanone abfeuern. Dafür braucht es eine entsprechende Bescheinigung. Über diese verfügen in Reichental seit 2016 Thomas Schmitt und Rudi Knapp, in Lautenbach sind Achim Rothenberger (seit 1984) und Adrian Mörmann (seit 1996) als Kanoniere im Einsatz. Letzterer hat seinen zweitägigen Lehrgang in Engen (Landkreis Konstanz) absolviert. Die Bescheinigung, die nach bestandener Abschlussprüfung ausgehändigt wird, muss in regelmäßigen Abständen vom Landratsamt Rastatt verlängert werden. Dafür muss man seine Tätigkeit als Kanonier auch nachweisen. Das geschieht über den Kauf von Böllerpulver, der auf dem Berechtigungsschein vermerkt wird. Die Lautenbacher besorgen sich ihre Munition beim Waffenfachhändler Waffen Helfer in Rastatt. „Fünf Kilogramm Böllerpulver pro Jahr, die reichen für genau 50 Schuss“, erklärt Mörmann.

„Früher ist ganz kräftig geschossen worden“, blickt Guido Wieland zurück und berichtet über die 600-Jahr-Feier des Dorfs, zu deren Anlass die Reichentaler Kanone 1951 (also vor 70 Jahren) für 359 Mark bei der Firma Josef Müller in Bühl angeschafft wurde. Patrozinium, kirchliche Jubiläen oder runde Vereinsgeburtstage waren weitere Gelegenheiten, bei denen es ordentlich gerumst habe. Anton Klumpp hatte die Aufgabe als Kanonier von Reichental mehr als 25 Jahre inne, ehe ihn Walter Fortenbacher als Schütze ablöste, der bis 2016 im Bergdorf böllerte. Seit 2007 wird jährlich beim St.-Mauritius-Patrozinium ein Kilogramm Böllerpulver verschossen.

In Obertsrot ist die Kanone schon lange verstummt, in Gernsbach hat man immer zum Auftakt des Altstadtfests geschossen. Das letzte Mal, dass alle vier Kanonen zusammen ein Feuerwerk abfackelten, war zum großen Freiheitsfest, das die Stadt Gernsbach anlässlich des Jubiläums 150 Jahre Badische Revolution vom 25. bis 27. Juni 1999 feierte. Dabei wurde unter anderem das Gefecht an der Murg nachgestellt. Eine DVD zum Gernsbacher Freiheitsfest gibt es in der Tourist-Information im Rathaus.

Schon vor 1951 wurde in Reichental geböllert

Schon bevor sich die damals selbstständige Gemeinde Reichental zur 600-Jahr-Feier 1951 eine neue Salutkanone besorgte, wurde im Dorf beim Patrozinium, beim Mauritiustag oder zu anderen besonderen Feierlichkeiten geböllert. Dies geschah mit sogenannten „Katzenköpfen“. Ein Katzenkopf ist der Vorläufer der Böllerkanone. Er wurde bis vor dem Zweiten Weltkrieg zum Salut-Schießen bei Festgottesdiensten, Hochzeiten und bis zum Ersten Weltkrieg bei den Feiern zu Kaisers- oder des Badischen Großherzogs Geburtstag benutzt. „Geschossen wurde auf einer Matte (Wiese) nahe des Dorfs. Die große, obere Öffnung füllte man mit Schwarzpulver; darauf kamen vorsichtig satt gedrücktes Sägemehl und Papier. Auch das Zündloch wurde mit Pulver gefüllt. Zum Schießen brauchte man weiter einen gusseisernen Topf voller Holzkohlenglut (Gluthafen) und eine Zündstange. Diese ist aus Eichenholz und Stahl gemacht und mit einer gekrümmten Spitze versehen. Der Schütze, meist ein geübter Mann von der Feuerwehr, erhitzte die Spitze der Zündstange in dem Gluthafen. Sobald er das Kommando zum Schießen bekam, hielt er den glühenden Haken an das Zündloch des Katzenkopfs, aus dem dann weithin hörbar ein Knall krachend losging. Das Schießen mit Katzenköpfen wurde immer wieder von der Regierung verboten (Unfälle). Darauf hin schafften sich Gemeinden Böllerkanonen an. (Quelle: Paul Eisenbeis, https://bawue.museum-digital.de).

Ein Vormittag im Beschussamt: „Das war mal was anderes“

„Das war mal was anderes“, blickt Guido Wieland auf den Tag zurück, als er und Gerd Klumpp mit den vier Gernsbacher Kanonen das Beschussamt in Ulm aufsuchten. Um 7.30 Uhr mussten sie dort sein. Zum Prüfungstag kamen sogar Kanoniere aus Norddeutschland, denn es gibt laut Wieland in der ganzen Bundesrepublik nur noch drei Prüfstellen, die solchen Salutkanonen das behördliche Siegel zum Gebrauch ausstellen. Dass es drei der vier Gernsbacher Exemplare nicht kriegen würden, habe man schnell im Amt festgestellt. Mit der vierten Kanone ging es hernach zum Probeschießen in einen Steinbruch außerhalb der Universitätsstadt. Dort stellten die Experten der Staatlichen Prüf- und Zertifizierungsstelle für Waffen- und Sicherheitstechnik dann fest: Die Lautenbacher Kanone ist einsatzbereit und nun auch wieder für die Dauer von fünf Jahren TÜV-geprüft.


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