Sambaschwünge statt Freudensprünge

Baden-Baden (rap) – Arme hochreißen und Freudensprünge à la Gerd Müller sind Geschichte, heutzutage ist der extravagante Jubel nach einem Tor vor allem eins – das individuelle Markenzeichen eines Stars.

Kopfballungeheuer auf dem Rasen, Artist nach einem Tor: Miroslav Klose als Turnfloh. Foto: Settnik/dpa

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Kopfballungeheuer auf dem Rasen, Artist nach einem Tor: Miroslav Klose als Turnfloh. Foto: Settnik/dpa

Die Sehnsucht nach Toren scheint groß zu sein: Der Ball ruht seit Wochen, egal ob in der Bundesliga, Champions League oder Kreisliga. Um die Entzugserscheinungen wohl etwas zu lindern, landete kürzlich eine Mail von Magentasport, Medienpartner der 3. Liga, im BT-Sport-Mailfach. Betreff: Die zehn besten Jubel der Saison 2019/20. Ein Blick in die Fußball-Historie zeigt: Arme hochreißen und Freudensprünge waren einmal, seit Anfang des neuen Jahrtausends wird sich geknuddelt, ausgezogen, in eine Matte gerollt, geturnt oder eine Suppe angesetzt.

Das wohl wichtigste Tor in Deutschlands Fußball-Geschichte kennt jeder Fan in- und auswendig. 1954, WM-Finale, Wankdorfstadion Bern, 84. Minute: Rahn aus dem Hintergrund, legt sich den Ball vom rechten auf den linken Fuß, Flachschuss ins Eck. Doch der Jubel? Unbekannt! Als der Ball einschlägt, bleibt die Kamera zunächst auf dem am Boden liegenden ungarischen Torwart Grosics, dann schwenkt sie auf die Zuschauer, erst Sekunden später rückt die DFB-Elf in den Fokus – kurze Gruppenumarmung, dann Rückkehr an den Mittelkreis. Spektakel und Inszenierung? Fehlanzeige! Der Jubel? Nebensache, wenn überhaupt! Verwundern dürfte das freilich nicht, lag die Welt neun Jahre zuvor in Schutt und Asche, zerstört von einem mörderischen Krieg.

20 Jahre später, WM-Finale 1974. Ähnliche fußballhistorische Bedeutung wie beim Wunder von Bern, ähnlicher Jubel. Körpertäuschung von „kleines, dickes“ Müller, eine Sekunde später schiebt Müller ins lange Eck ein. Der „Bomber der Nation“ dreht ab, macht drei kräftige Freudensprünge, wird beglückwünscht von seinen Kollegen und trabt schließlich Richtung Anstoßpunkt. Das war’s.

Torjubel wird zum Markenzeichen

Erst als der Fußball langsam aus dem Dornröschenschlaf erwacht und im Fernsehen präsenter wird, die Gelddruckmaschine allmählich ins Laufen kommt und die Spieler immer mehr zu Popstars werden, wandelt sich auch der Torjubel. Dieser dient nun zur Unterhaltung des Publikums, wird zum festen Bestandteil des Entertainment-Programms. Der Moment nach dem Tor verkommt für den Schützen immer mehr zu seiner persönlichen Bühne, zu seinem Markenzeichen, seinem Marketingkonstrukt. So legt etwa Kameruns Roger Milla bei der WM ‚90 ein heißes Tänzchen mit der Eckfahne auf den Rasen, Jürgen Klinsmann mutiert Mitte des Jahrzehnts bei Tottenham zum „Diver“ und rutscht über die Spielwiesen dieser Welt – lange Zeit, bevor goldene Buddhas und noch goldenere Visionen zu seinen fragwürdigen Markenzeichen werden sollten.

Dass aber auch recht introvertierte Fußballer nach einem Tor etwas „freidrehen“ können, bewies WM-Rekordtorschütze Miroslav Klose. Der zurückhaltende Pfälzer bejubelte wichtige Tore stets mit einem Salto – auch im fortgeschrittenen Alter, wie etwa bei der WM 2014. Im Gruppenspiel gegen Ghana gab Klose noch den Hambüchen. B-Note 6,0!

Doch nicht nur Klose brachte Glanz in die angestaubte Bundesliga-Hütte, sondern vor allem auch die Sambakicker vom Zuckerhut. Giovane Elber war sich für keinen Scherz zu fein und wickelte sich einst gar in eine Matte ein, andere schwangen die imaginäre Babyschaukel und Ze Roberto dankte stets mit zwei ausgestreckten Fingern dem Schöpfer.

Ball rein, Trikot aus!

Weiß Gott kein Sambakicker war Englands 2,01-Meter-Schlaks Peter Crouch auf dem Spielfeld, auch der Hüftschwung beim Torjubel wirkte etwas hüftsteif – aber durchaus gewollt, legte Crouch doch den „Robo-Dance“ aufs Grün und ging damit steil in den sozialen Medien. Ein neuer Trend zeichnete sich dann immer mehr nach der Jahrtausendwende ab: Ball rein ins Tor, Trikot aus und die Muskeln spielen lassen! Vorzeige-Beispiel: Cristiano „Tenpack“ Ronaldo. Auch für politische Botschaften wird der Torjubel nun bewusst genutzt beziehungsweise missbraucht – Stichwort Shaquiris Adlerjubel bei der WM 2018 oder der Militärgruß der türkischen Nationalelf im vergangenen Herbst. Zuletzt wurden die Gesten zunehmend virtueller und ausgefallener. Frankreichs Antoine Griezmann ahmt stets den Hampelmann aus dem Computerspiel „Fortnite“ nach, Bayerns Serge Gnabry betätigt sich als Chefkoch und rührt, sobald der Ball im Netz zappelt, die Suppe um. Gesalzen wird dann von den Mitspielern.

Den Jubelarien sind mittlerweile keine Grenzen mehr gesetzt. Doch so manch Fußballromantiker wünscht sich wohl eher wieder den Müller Gerd zurück.

Typischer Gerd-Müller-Jubel: Kleiner Hopser, ausgestreckte Arme. Foto: epa Keystone/dpa

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Typischer Gerd-Müller-Jubel: Kleiner Hopser, ausgestreckte Arme. Foto: epa Keystone/dpa

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Erstellt:
15. April 2020, 17:30 Uhr
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