Sand tauscht Fußball- gegen Erdbeerfeld

Oberkirch (moe) – Seit diesem Montag können die Bundesliga-Fußballerinnen des SC Sand wieder auf dem Rasen trainieren. Am Wochenende allerdings stand eine besondere Einheit auf dem Programm: Erdbeeren pflücken.

„Gib’ mich die Erdbeere“: Mit voller Konzentration sind die Sander Spielerinnen bei der Sache. Die gebückte Haltung geht ganz schön in den Rücken. SC Sand

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„Gib’ mich die Erdbeere“: Mit voller Konzentration sind die Sander Spielerinnen bei der Sache. Die gebückte Haltung geht ganz schön in den Rücken. SC Sand

„Los jetzt: arbeiten, arbeiten, arbeiten!“ Dina Blagojevic ist voll auf die Aufgabe fokussiert, sozusagen im Tunnel. Von einer Leistungsträgerin in Diensten des Frauenfußball-Bundesligisten SC Sand darf man das auch durchaus erwarten. Allerdings – und das ist das Bemerkenswerte – handelt es sich bei der Arbeitsanweisung der serbischen Nationalspielerin nicht um klassisches Einpeitschen vor einer Trainingseinheit oder gar einem Bundesligaspiel, was schlichtweg gar nicht sein kann, schließlich ruht auch in der Eliteliga der Frauen seit Wochen der Ball. Nein, Blagojevic treibt ihre Mitspielerinnen anderweitig an, nämlich endlich mit dem Erdbeerpflücken loszulegen.

Selina Wurth gibt Anweisungen

Es ist Samstag, kurz nach halb Acht Uhr morgens. Blagojevic und rund 20 Mitspielerinnen in blauen SCS-Trainingsklamotten verteilen sich auf drei riesige Gewächstunnel unweit des Oberkircher Stadtteils Zusenhofen und pflücken kleine rote Früchte. Die Anweisungen gibt ausnahmsweise nicht Trainer Sven Thoss, sondern Selina Wurth, Juniorchefin des gleichnamigen Obsthofs: Die Erdbeere einfach rausdrehen, aber nur die ganz roten. Und: Bloß nicht zu fest drücken und den grünen Kelch dranlassen, „sonst ist es keine Klasse eins“, fordert Wurth ihre kickenden Erntehelferinnen auf. Die Stimme der jungen Frau hören die Bundesliga-Fußballerinnen dieser Tage beinahe öfter als die ihres Coaches, denn bereits vor einer Woche gingen einige Sportlerinnen den Mitarbeitern des Obsthofs vier Stunden lang zur Hand: beim Spargelstechen.

Aus Rettungs- wird Hilfspaket

Was auf den ersten Blick nach einer amüsanten, wenn auch schweißtreibenden Teambuilding-Maßnahme klingt, hat durchaus einen ernsten Hintergrund. Der Dorfverein – der Willstätter Ortsteil Sand ist der kleinste Standort im deutschen Profifußball – hat wie viele andere Clubs mit den Folgen der Corona-Krise zu kämpfen, musste für die Spielerinnen Kurzarbeit anmelden. Um das beileibe nicht üppige Gehalt – zwischen 1000 und 1500 Euro – etwas aufbessern zu können, hatte der Verein den Kontakt zum Oberkircher Obsthof vermittelt, wo Bedarf an Erntehelfern herrschte. Als ganz so prekär gestaltete sich die Lage für die Spielerinnen dann doch nicht. Unter anderem, weil einige Sponsoren ihre Verträge zu erfüllen, ist der Club in der Lage, das Kurzarbeitergeld auf 100 Prozent aufzustocken. Die Idee, Fußball- gegen Erdbeerfeld zu tauschen, stand aber weiter im Raum – und wurde umgesetzt: Aus „Solidarität zur Region“, wie Sascha Reiß, der neue sportliche Leiter des SCS, erklärt. Der abgeerntete Lohn der Fußballerinnen wird gespendet, das Rettungs- somit kurzerhand zum Hilfspaket.

Wenn Profis unter die Erntehelfer gehen, erzeugt das naturgemäß ein ordentliches Medienecho. Im Fall des SC Sand hat die „Sport Bild“ auf einer Doppelseite sowie in bewegten Bildern berichtet, auch der SWR war mit einem Kamerateam vor Ort. Darüber freut man sich freilich beim SCS, wobei Reiß mit Blick auf die Wertschätzung des Frauenfußballs betont: „Ich würde mir wünschen, dass wir sportlich genau so große Schlagzeilen schreiben!“ Sein Personal ist derweil konzentriert bei der Sache – sechs anstrengende Stunden lang.

Seit gestern dürfen die Sander Fußballerinnen endlich wieder unter Auflagen auf dem Platz trainieren (Blagojevic: „Ich freue mich mega!“), wann der Spielbetrieb in der Bundesliga wieder starten kann, ist weiter unklar. Eine Erkenntnis allerdings hat man beim SCS gewonnen: Spargel stechen ist anspruchsvoller, Erdbeeren pflücken aber anstrengender.

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Erstellt:
21. April 2020, 12:00 Uhr
Lesedauer:
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