Schauspielerin Silke Bodenbender im Interview

Baden-Baden (wyst) – Die Schauspielerin mag es nicht seicht, sie ist spezialisiert auf Charakterrollen – so auch im TV-Drama „Bring mich nach Hause“, das am Montag, 25. Oktober, im ZDF zu sehen ist.

Ulrike (Silke Bodenbender, links) und Sandra (Anneke Kim Sarnau, rechts) besuchen zum ersten Mal ihre Mutter Martina (Hedi Kriegeskotte) im Krankenhaus. Sie sind noch im Unklaren darüber, wie es um diese steht. Foto: Hannes Hubach/ZDF

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Ulrike (Silke Bodenbender, links) und Sandra (Anneke Kim Sarnau, rechts) besuchen zum ersten Mal ihre Mutter Martina (Hedi Kriegeskotte) im Krankenhaus. Sie sind noch im Unklaren darüber, wie es um diese steht. Foto: Hannes Hubach/ZDF

Sie gehört zu den meistgefragten Schauspielerinnen im deutschen Fernsehen: Im TV-Drama „Bring mich nach Hause“ (Montag, 25. Oktober, ZDF) spielt sie die tiefgläubige Ulrike, deren verwitwete Mutter nach einem Sturz ohne Chance auf Heilung im Koma liegt. Sollen die lebenserhaltenden Geräte abgestellt werden? Ulrike ist dagegen, ihre Schwester (Anneke Kim Sarnau) dafür – es kommt zum Streit. Silke Bodenbender kam 1974 in Bonn zur Welt. Nach ihrer Schauspielausbildung in München war sie auf verschiedenen deutschen Theaterbühnen zu sehen. Über ihre Rolle in dem ZDF-Sterbedrama, warum sie den Film fast abgelehnt hätte und wie sie als Kind eine Wasserleiche entdeckt hat, hat sich Silke Bodenbender mit Cornelia Wystrichowski unterhalten.

BT: Frau Bodenbender, im Film „Bring mich nach Hause“ spielen Sie eine Frau, die über Leben oder Tod ihrer Mutter entscheiden muss, die im Wachkoma liegt. Hatten Sie Scheu vor dem schwierigen Stoff?
Silke Bodenbender: Ich muss zugeben: Als ich das Drehbuch bekam, dachte ich, dass das ein gutes, wichtiges Thema ist, aber ich musste einige Tage darüber nachdenken, ob ich es spielen möchte, denn das bedeutet ja auch, mich mit dem Thema zu beschäftigen. Aber dann ist mir klar geworden, wie groß die Relevanz des Stoffes ist, gerade auch in Zusammenhang mit Corona, und ich dachte: Ich stelle mich dem.

BT: Wie sah Ihre Beschäftigung mit dem Gegenstand aus?
Bodenbender: Ich hatte mich schon vorher mit dem Thema Sterben befasst, ich bin ja Botschafterin des „Bundesverbands Kinderhospiz“ für schwerstkranke Kinder. Ich habe im Vorfeld des Films auch viel mit meiner Schwester geredet, die Palliativkrankenschwester ist, das sind Pflegekräfte, die unheilbar kranke und sterbende Menschen betreuen. Meine Eltern sind außerdem beide über 80, sie haben meine Schwester und mich schon vor mehr als zehn Jahren in ihre Gedanken über Krankheit und Tod eingeweiht und sehr viele Vorkehrungen getroffen.

BT: Also eine Patientenverfügung ausgestellt?
Bodenbender: Ja, sie hatten sich über alles schon Gedanken gemacht, zum Beispiel auch über die Grabpflege – weil sie eben sehr fürsorgliche Eltern sind. Sie wollen die Verantwortung über den Tod hinaus übernehmen. Das ist schön und beschützend, aber ich wollte natürlich nicht darüber reden, dass sie überhaupt mal sterben könnten. Damals fand ich das noch sehr belastend, aber heute bin ich ihnen dankbar. Ich glaube, dass man den Hinterbliebenen mit einer Patientenverfügung viel Leid erspart, weil man ihnen Entscheidungen abnimmt, die sie sonst in der Ausnahmesituation treffen müssten.

BT: Haben Sie für sich selber eine erteilt?
Bodenbender: Nein, noch nicht. Aber mit diesem Film ist mir bewusst geworden, wie wichtig es ist, weil man unerwartet aus dem Leben gerissen werden kann – was ich mir nicht gerne vorstelle.

Weg von seichten Komödien

BT: Können Sie sich mit der von Ihnen gespielten religiösen Ulrike identifizieren, die sich weigert, die lebenserhaltenden Geräte bei der Mutter abzuschalten? Wie würden Sie in so einer Situation handeln?
Bodenbender: Solange ich nicht in der Situation bin, kann ich das nicht wirklich beantworten. Ich bin überhaupt nicht religiös erzogen und anders als Ulrike kein gläubiger Mensch. Aber ich nehme an, dass ich die Geräte auch nur schwer abstellen und meine Eltern nur schwer gehen lassen könnte.

BT: Anneke Kim Sarnau spielt Ihre Filmschwester, die eine sehr rationale Haltung vertritt. Wie waren die Dreharbeiten?
Bodenbender: So einen Film muss man gemeinsam tragen, da darf man nicht nur an sich denken und seinen Stiefel durchziehen. Anneke und ich sind sehr achtsam miteinander umgegangen, wir haben viel über unsere Familien gesprochen. Aber wir haben in den Pausen auch viel gelacht, wir haben beide lustige Anekdoten erzählt – das war zwischendurch eine richtige Befreiung, die uns gutgetan hat.

BT: Sie haben zwei Kinder im Alter von sieben und elf Jahren, halten Sie das Thema Tod und Sterben noch fern von den beiden?
Bodenbender: Durch Corona war es zwischenzeitlich mal ein Thema, da kam meine jüngste Tochter weinend aus der Kita und sagte: „Jetzt sterben Oma und Opa“ und wir mussten sie erst mal beruhigen. Aber ich glaube eigentlich, dass Kinder mit dem Thema ganz gut umgehen können. Ich selber habe bei einem Schulausflug ja mal eine Wasserleiche entdeckt.

BT: Wie bitte?
Bodenbender: Ja, da war ich vielleicht in der fünften Klasse. Die Leiche schwamm im Rhein, meine Freundin und ich haben Steinchen in die Richtung geworfen. Immer wenn wir getroffen haben, ist plötzlich ein Fuß aus dem Wasser aufgetaucht. Das fanden wir sehr skurril und lustig. Als wir die Lehrerin gerufen haben, ist sie natürlich fast in Ohnmacht gefallen. Später habe ich erfahren, dass die Tote eine Dame war, die Suizid begangen hatte. Als Kind konnte ich mit dem Ereignis aber ganz gut umgehen, heute ist meine Scheu vor dem Thema Sterben größer.

BT: Warum spielen Sie eigentlich oft in Filmen zu so schweren Themen mit? Sie gelten doch eigentlich als rheinische Frohnatur.
Bodenbender: Als ich frisch von der Schauspielschule kam, wurden mir oft Rollen angeboten, wo ich einfach nur nett, lieb und hübsch sein sollte, aber dafür habe ich ja nicht den Beruf gewählt. Ich mag es, wenn eine Figur mehr Ecken und Kanten hat.

BT: Würden Sie gerne mal wieder eine Komödie drehen?
Bodenbender: Ich würde gerne mal eine richtig gute, schwarze Komödie drehen. Ich bekomme auch durchaus Drehbücher für Komödien auf den Tisch, aber denen fehlt es in der Regel an Tiefe, die sind zu seicht. Wenn ein Stoff einfach nur lieblich komödiantisch ist, kann ich damit nicht viel anfangen.

BT: Was ist für Sie die schönste Bestätigung für Ihre Arbeit?
Bodenbender: Beim Theater bekommt man direktes Feedback, das ist toll – wenn es Standing Ovations gibt oder die Leute am Bühneneingang stehen und einen abfangen, weil sie so begeistert sind. Beim Film ist es schwieriger. Bei einem Festival kam mal eine alte Dame auf mich zu, drückte mir einen kleinen Engel als Talisman in die Hand und sagte, dass sie meine Filme sehr mag. Das hat mich sehr berührt, und diesen Engel habe ich immer noch. Ansonsten bin ich abhängig davon, dass ich ehrliches Feedback von Menschen aus meinem engeren Umfeld bekomme – das geben mir zum Beispiel meine Eltern.

BT: Haben Ihre Eltern Ihren Film schon gesehen?
Bodenbender: Nein, ich gebe ihnen die Filme nie vorher, sie sehen sie im Fernsehen bei der Ausstrahlung. Ich bin sehr gespannt, wie sie diesmal reagieren werden.

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Erstellt:
23. Oktober 2021, 14:00 Uhr
Lesedauer:
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