Schausteller von Existenzängsten geplagt

Rastatt (sawe) – Die Corona-Krise hat die Schausteller hart getroffen und Existenzängste ausgelöst. Der Pop-up-Freizeitpark in Rastatt ist nach der Zwangspause ohne Einnahmen ein kleiner Lichtblick.

Nach unfreiwilliger Zwangspause wieder auf dem Festplatz: Hugo Levy beim Aufbau seines Biergartens. Foto: S. Wenzke

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Nach unfreiwilliger Zwangspause wieder auf dem Festplatz: Hugo Levy beim Aufbau seines Biergartens. Foto: S. Wenzke

„Das war ein Gefühl wie Weihnachten“, bekennt Hugo Levy mit strahlenden Augen, als er dieser Tage seinen ersten Transporter nach knapp achtmonatiger Zwangspause auf den Festplatz fuhr. Dort wird aktuell der Pop-up-Freizeitpark aufgebaut, der nicht nur eine Premiere für Rastatt bedeutet, sondern der erste überhaupt in Baden-Württemberg ist und auf eine Initiative der Interessengemeinschaft Rastatter Schausteller zurückgeht, wie deren Sprecher Hugo Levy berichtet. Vom 20. August bis 13. September, donnerstags bis sonntags, ist dann Rummelvergnügen auf dem eingezäunten Areal angesagt.

Branche kämpft ums Überleben

Für die 28 Schaustellerfamilien, die dort mit ihren Angeboten vertreten sind, sind mit dem Freizeitpark und dem dafür entwickelten Hygiene- und Abstandskonzept große Hoffnungen, aber auch Ängste verbunden: Die Branche hat es hart getroffen, sie kämpft in der Corona-Krise ums Überleben. Und der Pop-up-Freizeitpark gilt als Probelauf für den Weihnachtsmarkt, weiß Levy. Die verheerenden Folgen gar nicht ausmalen mag sich der 51-Jährige, sollten auch noch die Weihnachtsmärkte in deutschen Städten und Kommunen abgesagt werden. „Dann wären 70 Prozent der Schausteller am Ende, und eine 1200 Jahre alte Tradition am Aussterben“, ist er überzeugt.

Der Rastatter Hugo Levy ist bereits in der sechsten Generation Schausteller und bringt die derzeitige Situation der Branche auf den Punkt: „Es ist eine Katastrophe“. Wie andere Kollegen auch habe er Existenzängste, macht er keinen Hehl aus seinen Gefühlen. Erst im vergangenen Jahr hatte er als neuer Festzeltwirt auf dem Rastatter Jahrmarkt in ein großes Festzelt investiert, in dem täglich Programm geboten wurde. Das kam gut an, sagt er.

Letzte Einkünfte auf Weihnachtsmarkt erzielt

Seine letzten Einkünfte erzielte er jedoch am 23. Dezember 2019 auf dem Weihnachtsmarkt, dann kam die Winterpause, die die Schausteller nutzen, um ihre Geräte, Maschinen und Fahrgeschäfte zu überholen oder Neues anzuschaffen, in der aber auch Fixkosten bezahlt und Schulden weiter getilgt werden müssen und in der sie von ihren Rücklagen leben, bis dann meist Anfang April die neue Saison losgeht – und wieder Geld verdient werden kann. Im Schnitt werden pro Jahr 20 bis 25 Plätze „bespielt“. Doch in diesem Jahr ging bisher gar nichts wegen Corona. Und mit den Mitteln aus dem Rettungsschirm könne man keinen Betrieb aufrecht erhalten. „Das Schlimmste ist die Perspektivlosigkeit“, meint Levys Schwester Katja Fetscher. Erst habe man gehofft, dass es nach Pfingsten weitergeht, dann wurde auf den 31. August verlängert und dann bis zum 30. Oktober. Hugo Levy war bei den Demos in Berlin, München, Stuttgart und Saarbrücken dabei. Dort hatten Schausteller auf ihre prekäre Lage aufmerksam gemacht und die Genehmigung von Volksfesten und anderen Großveranstaltungen gefordert, die derzeit aufgrund der Corona-Krise verboten sind. Inzwischen hat sich Levy auch einer Sammelklage von 2 600 Schaustellerbetrieben in Deutschland angeschlossen, berichtet er. „Wir haben Berufsverbot, das ist nicht gerecht“, prangern die Geschwister eine empfundene Ungleichbehandlung an. Freizeitparks etwa dürften unter Auflagen öffnen, Volksfeste, zu denen auch Jahrmärkte zählen, aber nicht stattfinden. Unverständnis zeigen sie auch angesichts der Bilder von Menschenmassen an Badeseen oder Fußgängerzonen in Großstädten, in denen Abstandsregelungen offensichtlich Fremdwörter sind.

„Die Kirmes darf nicht sterben“

„Es ist jetzt allerhöchste Eisenbahn“, zeigt Hugo Levy die Dramatik auf. Der Pop-up-Freizeitpark sei zumindest ein kleiner Lichtblick, so Fetscher, auch wenn sich maximal 500 Besucher gleichzeitig auf dem Gelände aufhalten dürfen. An jedem Geschäft werden Desinfektionsmittelspender stehen, weitere 14 sind zusätzlich auf dem Gelände verteilt. Am Eingang soll es ein digitales Zählwerk geben, die Besucher erhalten Armbänder. Damit soll ausgeschlossen werden, dass jemand ohne Einlasskontrolle etwa über den Bauzaun klettert und sich unter die Besucher mischt. Auch ein Securitydienst ist vor Ort. Levy zollt der Stadt und ihrem Marketing ein dickes Lob für die Zusammenarbeit beim Pop-up-Freizeitpark und hofft natürlich auf gute Umsätze, die alle Schausteller dringend brauchen. Mitglieder der Interessengemeinschaft seien für das Sommerspecial in Vorleistung getreten, merkt er am Rande an.

Katja Fetscher findet es auch für die Psyche gut, dass die Schausteller endlich wieder aktiv werden können. „Bei uns ist ja auch das ganze soziale Umfeld weggebrochen“, verweist sie auf jahrzehntelange gewachsene Kontakte mit anderen Schaustellerfamilien, die man übers Jahr auf verschiedenen Plätzen trifft. „Wir wollen unsere Jahrmärkte erhalten, natürlich mit einem entsprechenden Hygiene- und Abstandskonzept“, formuliert die 49-Jährige ihren existenziellen Herzenswunsch am Schluss. Die Kirmes dürfe nicht sterben.

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Erstellt:
15. August 2020, 07:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 15sec

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