Scherenschleifer als gern gesehene Gäste

Murgtal (ueb) – Eduard Ohlinger übt einen Beruf von Seltenheitswert aus: Er tourt als Messer- und Scherenschleifer durch die Lande.

Scherenschleifer Eduard Ohlinger kommt seit sechs Jahren regelmäßig ins Murgtal. Foto: Dagmar Uebel

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Scherenschleifer Eduard Ohlinger kommt seit sechs Jahren regelmäßig ins Murgtal. Foto: Dagmar Uebel

Waren seine Berufsvorgänger im Mittelalter sehnlichst erwartete Wanderhandwerker und auf Märkten ihr Stand gut besucht, haftet diesem Gewerbe, Jahrhunderte später, der Ruf der Außergewöhnlichkeit an.

Sowohl der Rückgang kleinerer agrarwirtschaftlicher Tätigkeiten, Veränderungen des Kaufverhaltens und der Preisverfall durch Massenproduktion im 20. Jahrhundert waren der Grund dafür, dass diesem Handwerk sehr bald ein Ende drohte. Doch nicht für den Messer- und Scherenschleifer Eduard Ohlinger, der eine langjährige Familientradition fortsetzt.

Von Haßloch, seinem Firmenstandort aus, ist der Pfälzer schon seit Jahren vom zeitigen Frühjahr an bis zum Spätherbst mit seinem Bruder Béla und seinem zur Werkstatt umgerüsteten Transporter in mehreren Bundesländern unterwegs. Nicht zum ersten Mal, sondern seit etwa sechs Jahren, parkte vor einigen Tagen Ohlingers Kleintransporter für einige Tage wieder auf dem Parkplatz des Gernsbacher Nahkaufs.

„Es wird wieder alles, was eine Schneide hat, geschärft“, lautete die Ankündigung in einigen Medien. Mit dem erklärenden Zusatz: „Von Gartengeräten angefangen bis zu sämtlichen Haushaltsscheren und -messern.“ Und die Anfragen waren entsprechend, sie reichten von der kleinen, geliebten Nagelschere, die schon bald wieder alte Schärfe aufwies, über Aufträge von Gewerbetreibenden aus Metzgereien, Friseursalons und der Gastronomie bis zu Teilen großformatiger Gartengeräte von Hobbygärtnern. Deren Schärfung ist durchaus möglich, wie Ohlinger zusichert, sie dauert entsprechend ihrer Größe lediglich etwas länger.

Bei Macheten sagt er Nein

Nach Besonderheiten gefragt, erinnert er sich an zwei attraktive Großschwerter, die eine aufwendige Klingen-Schärfung brauchten, bevor sie über dem heimischen Kamin ihren Platz fanden. Aber nicht jeden Wunsch wollen die Ohlinger-Brüder erfüllen. „Als es vor Jahren um eine Machete ging“, so Eduard, „mussten wir aus Sicherheitsgründen Nein sagen“.

Für Sportbegeisterte hat der Name Eduard Ohlinger einen sehr guten Klang. Und wer googelt, der erfährt, dass es sich dabei um einen erfolgreichen Gewichtheber, mehrmaligen Jugendmeister und Olympia-Teilnehmer 1988 in Seoul handelt. Dieser Eduard jedoch, der damals Sportgeschichte schrieb, aber schon 2004 mit nur 37 Jahren starb, ist der Vater des Scheren- und Messerschleifers Eduard, seines Bruders Béla und deren Schwestern Janina und Jasmin. Ganz plötzlich vaterlos geworden, stand es für die nach Orientierung suchenden Brüder schnell fest, nach Beendigung ihrer Schulzeit die Familientradition der fahrenden Handwerker fortsetzen zu wollen. Das dafür notwendige handwerkliche Können vermittelte beiden Jungs ihr Großvater, der sowohl gängige als auch besondere Schliffarten und das Instandsetzen der Gerätschaften perfekt beherrschte und es seinen Enkelsöhnen beibrachte. „Dabei war er“, so Eduard, „manchmal strenger als jeder andere Lehrmeister“.

Bereut haben Eduard und Béla Ohlinger ihre Berufswahl nicht. „Wir kommen viel herum, tun Nützliches und lernen Menschen kennen“, erzählt Eduard: „Manche erwarten zunächst neugierig unsere Ankunft, zu manchen entstanden schon langjährige Freundschaften.“ Jetzt, um Weihnachten herum, herrscht erst einmal geschäftliche Winterruhe bei den Ohlinger-Brüdern. Im März steht Birkenfeld auf ihrem Terminplan. Vielleicht schaut dann auch Eduards Frau im Transporter vorbei und zeigt dem zu erwartenden Nachwuchs stolz die mobile Familien-Werkstatt.

Ihr Autor

Dagmar Uebel

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Erstellt:
26. Dezember 2021, 19:00 Uhr
Lesedauer:
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