Schicksale von Juden in Bühl machen betroffen

Bühl (urs) – Der Rundgang mit Michael Rumpf, Leiter des Stadtgeschichtlichen Instituts in Bühl, anlässlich des Festjahres „1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ stößt auf große Resonanz.

Michael Rumpf (mit Skript) lässt die jüdische Geschichte in Bühl lebendig werden. Foto: Ursula Klöpfer

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Michael Rumpf (mit Skript) lässt die jüdische Geschichte in Bühl lebendig werden. Foto: Ursula Klöpfer

Den Gedenkstein zur Deportation beim Zentralen Busbahnhof kennen bestimmt viele Bühler. Auch die Namen der Gebrüder Adolph und Carl Leopold Netter sind in der Zwetschgenstadt bekannt. Elias Darnbacher dagegen, sowie Berthold Schweizer und August Bloch sind mit Sicherheit nicht jedem ein Begriff. Wer waren diese Menschen? Wo und wie lebten sie? Wie konnte man sich zu ihrer Zeit das jüdische Leben in Bühl vorstellen? Wohl kaum einer in der Zwetschgenstadt kennt die Antworten besser als Michael Rumpf, der Leiter des Stadtgeschichtlichen Instituts in Bühl. Geschichte lebendig werden zu lassen und spannend zu erzählen, ist eine seiner großen Stärken. Am Sonntag führte Rumpf in einem 80-minütigen Rundgang durch die Bühler Innenstadt. Im Mittelpunkt standen einstige Standorte der jüdischen Einrichtungen und deren Bedeutung für die Gemeinde ebenso, wie das Leben und Wirken jüdischer Einwohner. Mit insgesamt vier Veranstaltungen beteiligt sich die Stadt am Festjahr „1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“.

Die Häuser im Zentrum des Johannesplatzes werden bei dessen Umgestaltung 1927 abgerissen. Sie wurden als „Synagogenhäuser“ bezeichnet. Rechts steht noch die Synagoge, die 1938 angezündet wurde. Foto: Stadtgeschichtliches Institut

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Die Häuser im Zentrum des Johannesplatzes werden bei dessen Umgestaltung 1927 abgerissen. Sie wurden als „Synagogenhäuser“ bezeichnet. Rechts steht noch die Synagoge, die 1938 angezündet wurde. Foto: Stadtgeschichtliches Institut

„Wie oft läuft man achtlos an solchen historischen Mahnmalen und geschichtsträchtigen Stätten vorbei“, bringt es eine Dame auf den Punkt. Staunend und manchmal auch betroffen lauschen die Zuhörer dem Leiter des Stadtgeschichtlichen Instituts. Die erste Station führt an den Gedenkstein zur Deportation am Busbahnhof. „Wir beginnen da, wo alles endet“, sagt Rumpf. Hier wurden am 22. Oktober 1940 6.500 jüdische Menschen aus Baden und der Saarpfalz in das Lager Gurs am Fuße der Pyrenäen deportiert, darunter 17 Frauen, acht Männer und ein Kind aus Bühl. „Es war ein Abschied ohne Wiederkehr, denn mindestens 18 der aus Bühl deportierten Menschen werden zwischen 1940 und 1945 ermordet“, fasst Rumpf das Unfassbare in Worte.

Michael Rumpf geht flotten Schrittes voran. Erklärt den Standort der ehemaligen Baumwollspinnerei und -färberei Massenbach. Übrigens geht hier 1843 die erste Dampfmaschine in Bühl in Betrieb. Zeitweise wurden in der Fabrik 300 Arbeiter beschäftigt. Im Bühler Stadtgarten gibt es derweil viel über die Gebrüder Netter zu erfahren, denn die Anlage wurde 1905 durch eine Spende der Brüder verwirklicht. Adolf und Carl Leopold entwickelten die Eisengroßhandlung zu einem weltweiten Unternehmen. Auch das Großherzog-Friedrich-Denkmal entsteht so 1909 mit Unterstützung der Familie, einige Jahre vorher der „Netter Turm“, wie er in Bühl kurz genannt wird.

Auf der jüdischen Spurensuche, geht es vorbei am ehemaligen Wohnhaus der Familie Maier Alexander Wertheimer und seiner Frau Sophie an der Einmündung zur Friedrichstraße und an der Trikotfabrik Edesheimer-Baer, Ecke Hauptstraße/Eisenbahnstraße. Auch über die heutige Schwanenstraße, das Zentrum des jüdischen Lebens, weiß Michael Rumpf viel zu berichten: wie über das Schuhhaus Lion, dessen Ladeneinrichtung in der Reichspogromnacht zerstört wird, oder über die Branntweinbrennerei und Likörfabrik Darnbacher-Ries. „Elias Darnbacher engagiert sich in vielen Bereichen und wird 1892 als erster Bürger jüdischen Glaubens in den Bühler Gemeinderat gewählt“, erzählt Rumpf.

Französische Helfer retten Odenheimer

Der Name Herbert Odenheimer ist wohl vielen Bühlern ein Begriff. Dieser stammt aus der Schreibwarenhandlung Berthold Schweizer in der Schwanenstraße 10. Auch hier sind schreckliche Dinge geschehen. Rumpf fasst sie zusammen: Berthold Schweizer stirbt 1940. Seine Frau Sophie, Tochter Julchen, deren Ehemann Hugo Odenheiner und der Enkelsohn Herbert werden nach Gurs deportiert. Die in Stuttgart lebende Tochter Erna wird nach Riga verschleppt. „Das letzte in Bühl geborene Kind, Herbert Odenheimer, kann die Schoah nur überleben, da er von einer französischen Helferorganisation aus dem Lager Gurs entführt und über Jahre in französischen Familien versteckt wird“, schildert Michael Rumpf.

Die Stimmen der Spurensuchenden sind leiser geworden. Der Synagogenbrand am Morgen des 10. Novembers 1938 nach der Reichspogromnacht, machen ebenso betroffen, wie die Geschichte der „Synagogenhäuser“ sowie des Meierhofs. 1940, wenige Wochen vor der Deportation, werden dort die jüdischen Einwohner von Bühl zusammengezogen. Am Morgen des 22. Oktober beginnt dann die Deportation ins Lager Gurs. Auch das Ehepaar Weil aus der Eisenhandlung Weil am Johannesplatz wird deportiert. Beide sterben: Alfred Weil in Gurs, Thekla Weil in Auschwitz. Sie teilen das Schicksal mit Hermann Bloch und seiner Frau Friederike, Inhaber des Kaufhaus Bloch in der Mühlenstraße. Beide werden ebenfalls 1940 deportiert.

Natürlich gebe es noch zig Geschichten und Schicksale der ehemaligen Bühler jüdischen Gemeinde zu erzählen. Michael Rumpf kennt unzählige Details dazu. Katja Ibach, Sachbearbeiterin des Stadtgeschichtlichen Instituts präsentiert die passenden historischen Aufnahmen. Der Rundgang endet schließlich am Wohnhaus der Familie Wertheimer in der Hauptstraße 53.

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Erstellt:
26. Oktober 2021, 11:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 15sec

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