Schiedsrichter Ittrich im BT-Interview

Baden-Baden (rap) – Patrick Ittrich hat als erster aktiver Bundesliga-Schiedsrichter ein Buch geschrieben. Im Interview spricht er über sein Buch, falsche Entscheidungen und die Corona-Spiele.

Harmonischer Umgang: Patrick Ittrich (links) im Plausch mit Wolfsburgs Stürmer Wout Weghorst. Foto: Peter Steffen

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Harmonischer Umgang: Patrick Ittrich (links) im Plausch mit Wolfsburgs Stürmer Wout Weghorst. Foto: Peter Steffen

Patrick Ittrich ist ein Spezialist für Geister. Genauer gesagt für Geisterspiele in der Fußball-Bundesliga. In der vergangenen Corona-Runde leitete der 41-Jährige zwei Partien ohne Zuschauer. Doch der Hamburger ist neuerdings auch unter die Literaten gegangen. Am Samstag erscheint sein Buch „Die richtige Entscheidung – Warum ich es liebe, Schiedsrichter zu sein“. Dort zeichnet er seinen Weg von den Hamburger Amateurplätzen bis in die Bundesligastadien der Republik nach, gibt interessante Einblicke auch in das Seelenleben eines Schiedsrichters. Im Gespräch mit BT-Redakteur Christian Rapp unterhält sich Ittrich, der neben seinem Schiri-Job auch als Polizist arbeitet, über seine Erfahrungen bei den Corona-Spielen, falsche und zögerliche Entscheidungen sowie über psychologische Hilfe für die Referees.

BT: Herr Ittrich, Ihr Buch trägt den Titel „Die richtige Entscheidung“. Können Sie sich noch an Ihre letzte falsche Entscheidung erinnern?

Patrick Ittrich: Ich habe in jedem Spiel eine falsche Entscheidung, und sei es nur ein Einwurf. Mein letztes offizielles Spiel war Wolfsburg gegen Bayern am 34. Spieltag. Jetzt muss ich nochmal ins Spiel hinein gehen (Patrick Ittrich überlegt einige Sekunden)...

BT: ...das Spiel scheint gut gelaufen zu sein...

Ittrich: So eine grobe Fehlentscheidung habe ich in letzter Zeit nicht gehabt. Ich hab‘ vielleicht mal eine Gelbe Karte liegenlassen.

BT: Als Fußball-Schiedsrichter müssen sie blitzschnell entscheiden. Foul, kein Foul, Elfmeter, kein Elfmeter. Haben Sie je gezögert bei einer Entscheidung?

Ittrich: Die Frage ist doch: Was ist zögern? Ist zögern schon eine Sekunde oder eine halbe. Es gab sicherlich schon Situationen, in denen ich gezögert habe, die liegen aber schon weiter zurück. Normalerweise siehst du was und entscheidest. Bei Spielsituationen im Strafraum oder drumherum muss man heutzutage immer zögern und warten, bis der Ball im Tor oder dran vorbei ist, damit der Videoassistent noch eingreifen könnte. In gewisser Weise muss man das Zögern sogar trainieren. Wenn es aber darum geht, dass ich eine Entscheidung treffen möchte, die mir bewusst und bekannt ist, dann darf ich nicht zögern und entscheide zügig. Das ist ja auch eine Stärke des Schiedsrichters.

„Außerdem will ich uns aus der Geheimbundecke holen“

BT: Können Sie sich noch an eine bestimmte Entscheidung erinnern, bei der Sie unsicher waren und gezögert haben?

Ittrich: Definitiv. Das war beim Spiel Augsburg gegen Schalke 04. Da gab es eine Handspielsituation, in der ich eigentlich eher der Meinung war, dass ich hätte pfeifen sollen, hab‘ dann aber nicht gepfiffen. Durch den Videoassistenten habe ich meine Entscheidung aber doch geändert. Manchmal ist das sogenannte Bauchgefühl ein Indiz, aber heutzutage ist das nicht mehr so richtig verkaufbar, aufgrund der ganzen Kameraeinstellungen. Man muss pfeifen, was man sieht, aber ein Bauchgefühl zu haben, ist nie schlecht.

BT: Darf ein Bundesliga-Schiedsrichter überhaupt zögern? Oder macht er sich dadurch bei den Spielern angreifbar?

Ittrich: Natürlich kann Zögern ein Indiz für die Spieler sein, dass der Schiedsrichter unsicher ist. Deswegen muss man versuchen, dieses Zögern irgendwie mit seinen Persönlichkeitsmerkmalen so darzustellen, dass es nicht wie ein Zögern wirkt, sondern wie ein Warten. Das lernt man mit der Zeit. Aber das ist schon nicht ganz von der Hand zu weisen, dass zögern bei den Spielern sicherlich mit Unsicherheit gleichgesetzt wird und es dann mehr Proteste gibt.

BT: Herr Ittrich, warum schreibt ein Schiedsrichter überhaupt ein Buch?

Ittrich: So wurde mir die Frage bisher auch noch nie gestellt (lacht). Ich möchte auf meinen Berufsstand aufmerksam machen, das Leben und Wirken eines Schiris näherbringen. Wir werden in der Öffentlichkeit immer noch sehr differenziert wahrgenommen. Ich möchte den Menschen zeigen, dass das gerade für junge Menschen ein toller Job ist. Außerdem will ich uns aus der Geheimbundecke holen. Einfach erklären, was die Faszination Schiedsrichterei ausmacht.

BT: Neben Ihrem Beruf als Schiedsrichter, sind Sie auch Polizist. Als puppenspielender Verkehrskasper besuchen Sie Hamburger Grundschulen und klären die Kids über den Straßenverkehr auf. Halten Sie gerne die Fäden in der Hand?

Ittrich: Wahrscheinlich schon. Das sind Charaktereigenschaften, die man hat, und irgendwann merkt man, dass die Art und Weise des Entscheidens, des Führens, des Kommunizierens, eine Art ist, die einem liegt und die man gerne macht. Die Fäden in der Hand halten muss man aber immer so, dass man versucht, gerecht zu sein. Ich bin schließlich in diesem Moment das ausführende Organ. Man muss sich bewusst sein, wenn man so einen Job ausführt, es ein hohes Gut ist und eine hohe Verantwortung mit sich bringt. Deswegen muss man versuchen, die Fäden immer positiv in der Hand zu halten.

BT: Hand aufs Herz: Wer ist schwerer zu erziehen? 180 Grundschulkinder oder zehn wildgewordene Fußballprofis bei einer Rudelbildung?

Ittrich: Das ist in der Tat manchmal gar nicht so einfach zu differenzieren (lacht). Wenn ich eine Vorstellung mit 180 Kindern habe und der Kasper haut mit einem schönen Spruch einen raus oder der Dieb klaut irgendetwas und die Kinder rasten aus, ist es nicht so einfach, die Kinder nur mit einer Handpuppe wieder zu beruhigen. Da muss man sich dann ganz genau überlegen, was man macht: Warte ich zunächst? Werde ich lauter? Werde ich doch direkter? Das sind alles Situationen, die sich in der Grundschule und auf dem Fußballplatz ähneln. Natürlich kann man Kinder und Fußballprofis nicht vergleichen (lacht), aber die Art und Weise der Konfrontation kann eine ähnliche sein.

„Wir sind Dienstleister für den Fußball“

BT: Wurden Sie auf dem Fußballplatz schon mal von den Spielern als Verkehrskasper angesprochen?

Ittrich: Noch nie.

BT: Wie reden die Spieler Sie dann an?

Ittrich: Das ist ganz unterschiedlich. Ich bin eher der Schiedsrichter, der oft duzt, aber auch weiß, wann er Siezen soll. Ich werde sowohl mit Nachnamen, Vorname, Herr Schiedsrichter, Schiri oder auch mal mit „Ey“ angesprochen. Also die ganze Palette, die so üblich ist, egal ob Kreisliga oder Bundesliga.

BT: Als was für einen Typ Schiedsrichter würden Sie sich beschreiben? In ihrem Buch kommen Sie immer wieder auf das Themenfeld Kommunikation zu sprechen…

Ittrich: Ich bin in der Tat der kommunikative, aber gleichzeitig auch der etwas strengere Typ. Ich habe ja eine relativ hohe Gelb-Statistik (lacht). Das kann natürlich an den Spielen liegen, die ich pfeife, aber auch an der Art und Weise meiner Spielleitung. Ich will nicht sagen Zuckerbrot und Peitsche, aber auch der Job des Polizisten ist ja so, dass man wissen muss, wann eine Grenze erreicht ist. Ich bin weniger der, der ganz, ganz viel laufen lässt, sondern eher der, der die Zügel gerne mehr in der Hand hält, um das Spiel nicht entgleiten zu lassen. Aber trotzdem bin ich kommunikativ und lass‘ auch mal einen lockeren Spruch zu.

„Ich bin in der Tat der kommunikative, aber gleichzeitig auch der etwas strengere Typ“, sagt Ittrich. Foto: Peter Steffen

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„Ich bin in der Tat der kommunikative, aber gleichzeitig auch der etwas strengere Typ“, sagt Ittrich. Foto: Peter Steffen

BT: Die abgelaufene Bundesligasaison geht zweifelsohne in die Geschichte ein. Erst wochenlange Corona-Zwangspause, dann Restart mit Geisterspielen. Sie haben zwei Geisterpartien in der Bundesliga und zwei in der zweiten Liga gepfiffen. Wie haben Sie diese wahrgenommen?

Ittrich: Das erste Spiel in einem leeren Stadion war schon komisch. Allein schon mit dem Auto auf den leeren Vorplatz zu fahren, war seltsam. Dann tragen alle Masken, man hält Abstand, keiner ist auf der Tribüne, es hallt – das ist schon merkwürdig. Das hat mich schon berührt. Aber am Ende ist es ein Job, wir sind ja auch Dienstleister für den Fußball. Wir sind diejenigen, die ein gutes Spiel zulassen müssen und tragen auch zu dem Produkt Bundesliga bei. Mit der neuen Situation zurecht zu kommen, war für Schiedsrichter, Trainer und Spieler sicherlich schwierig. Je weiter die Saison aber voranschritt, hat man gemerkt, dass es sich wieder normalisierte.

BT: Als objektiver Betrachter hatte man das Gefühl, dass die Referees von den Spielern weniger angegangen wurden, dass das Verhältnis zivilisierter war.

Ittrich: Das hat bereits mit dem Maßnahmenkatalog zum Rückrundenstart begonnen, in dem wir festgelegt haben, gegen Rudelbildungen, dem Anlaufen der Schiedsrichter und Schreiereien von außen mehr einzuwirken und auch härter zu bestrafen. Diesen Weg werden wir auch weitergehen, aber in der Corona-Zeit war schon zu beobachten, dass jeder in den ersten Spielen zunächst mit sich selbst beschäftigt war. Die Spieler mussten ja selber erstmal schauen: Wie ist das überhaupt so ohne Fans? Wie komme ich im Fernsehen rüber? Was hört man von mir? Da hatten die Spieler nicht gleich Zeit, um zum Schiedsrichter zu rennen (lacht). Aber auch das hat sich mit der Zeit ein bisschen normalisiert, gerade was die Foulspielqualität betraf. Der Umgang miteinander ist aber deutlich besser geworden. Ich hoffe natürlich, dass es so bleibt.

„Hätte ihn gerne in den Arm genommen“

BT: Fiel es Ihnen leichter, die Begegnungen zu leiten, da die Fans fehlten?

Ittrich: Ganz im Gegenteil. Manchmal können die Zuschauer auch ein Indikator für gewisse Situationen auf dem Feld sein. Auch die Beurteilung bei Zweikämpfen wurde schwieriger. Bei Fouls, die zum Teil ziemlich heftig waren und sich der Spieler im Normalfall zweimal mehr gerollt hätte, stand er auf und spielte weiter, weil die Zuschauer fehlten. Du denkst dann, dass du als Schiri eigentlich eine Gelbe Karte zeigen müsstest, aber so schnell konntest du gar nicht reagieren, weil die weitergespielt haben. Für den Schiedsrichter ist es im leeren Stadion ohne Fans definitiv nicht einfacher geworden.

BT: In „Die richtige Entscheidung“ erwähnen Sie auch den 19. November 2011 als Tag, an den Sie sich immer erinnern werden. Sie waren damals Assistent von Babak Rafati, der sich in seinem Hotelzimmer das Leben nehmen wollte. Sie haben ihn gerade noch rechtzeitig gefunden. Wie sehr bedauern Sie es, dass es danach nie wieder zu einem Kontakt mit ihm kam? Zumal Sie ihn im Buch als ihren „Kumpel“ beschreiben…

Ittrich: Das habe ich eine ganze Zeit lang bedauert, bis der Fall für mich aber auch emotional abgeschlossen war. Ich habe es bedauert, weil ich gerne mit ihm gesprochen hätte. Ich habe mich damit abgefunden, dass er das nicht möchte – aus welchen Gründen auch immer. Es ist so wie es ist, auch wenn ich ihn gerne in den Arm genommen hätte.

BT: Waren die Erlebnisse damals in Köln ausschlaggebend, dass Sie sich mit dem Thema Sportpsychologie befasst haben?

Ittrich: Für mich war der Indikator, den Sportpsychologen, den der DFB nach dem 19. November eingeführt hatte, zu nutzen, nicht der Fall Rafati, auch wenn er in den ersten Gesprächen logischerweise Gegenstand war, sondern mich als Schiedsrichter besser zu machen, meine Leistung zu steigern. Das ist mir mit der Hilfe des Sportpsychologen auch gelungen.

„Verbale Gewalt oder Auseinandersetzungen gibt es immer“

BT: Im vergangenen Herbst stand der Amateurfußball ungewollt im Rampenlicht, als bei einem Kreisligaspiel im hessischen Münster ein Schiedsrichter krankenhausreif geprügelt wurde. Wie war Ihre erste Reaktion?

Ittrich: Ich war total fassungslos. Das hat einfach mit mangelndem Respekt zu tun, weil der Schiedsrichter teilweise wie das fünfte Rad am Wagen behandelt wird. Das Problem ist, dass die Thematik nach drei Wochen wieder aus der Öffentlichkeit verschwindet. Auf dieses Thema muss aber stetig aufmerksam gemacht werden, und nicht nur dann, wenn wieder ein Schiedsrichter verprügelt wird.

BT: Sie haben mitten in Hamburg als junger Schiedsrichter angefangen. Haben Sie selbst solche Situationen, also Beleidigungen oder Handgreiflichkeiten, erlebt?

Ittrich: Verbale Gewalt oder Auseinandersetzungen gibt es immer, gerade in den Amateurklassen. Ich selbst habe heftige, körperliche Gewalt zum Glück bisher nie erlebt. Es gab zwei, drei Momente, in denen ich direkten Kontakt mit Spielern hatte. Einer hat mir mal in den Bauch gekniffen, der ist dann vom Platz geflogen.

BT: Könnte Ihr Buch dabei helfen, bei Spielern und Fans mehr Verständnis für die Schiedsrichterei zu wecken?

Ittrich: Ein großes Ziel dieses Buchs ist es, Transparenz zu schaffen – und da sind alle mit im Boot.

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Erstellt:
22. August 2020, 15:30 Uhr
Lesedauer:
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