Schienenhalt nur in Bußmatten?

Ottersweier/Bühl (jo) – Experten haben dem Ottersweierer Gemeinderat von weiteren Planungen hinsichtlich eines Haltepunkts für Stadtbahn und Regionalbahn abgeraten. Bühl hat bessere Karten.

Die künftige Regionalbahn wird wohl keinen Stopp in Ottersweier einlegen. Hier passiert die Stadtbahn den angedachten Haltepunkt am Salzwässerle. Foto: Joachim Eiermann

© jo

Die künftige Regionalbahn wird wohl keinen Stopp in Ottersweier einlegen. Hier passiert die Stadtbahn den angedachten Haltepunkt am Salzwässerle. Foto: Joachim Eiermann

Stadtbahn und Regionalbahn werden aller Voraussicht nach weiterhin an Ottersweier vorbeifahren. „Die Chancen für eine Realisierung eines Haltepunkts sind sehr gering“, gab Mario Mohr, der für den Nahverkehr zuständige Dezernent im Landratsamt Rastatt, dem Gemeinderat am Montagabend zu verstehen. Die „betriebliche Machbarkeit“ sei aus mehreren Gründen nicht gegeben. Die besseren Karten hat Bühl für die Einrichtung eines Halts im Gewerbegebiet Bußmatten.

Ergebnisse aus Arbeitsgruppe präsentiert

Mohr wartete mit dem jüngsten Sachstand einer Arbeitsgruppe aus Vertretern der Deutsche-Bahn-Tochter DB Netze, der Nahverkehrsgesellschaft Baden-Württemberg (NVBW), der Albtal Verkehrs-Gesellschaft (AVB), des Landkreises Rastatt sowie mehrerer Kommunen auf, die am vergangenen Freitag getagt hatte. Die Experten seien sich einig gewesen, dass ein Haltepunkt in Ottersweier zu „nicht lösbaren betrieblichen Problemen“ führen würde und einen „erheblichen baulichen Aufwand“ bedinge, dessen Kosten – angesichts mangelnder Fördermöglichkeit – die Gemeinde Ottersweier allein tragen müsste.

Die Rede war von einer Investition in der Größenordnung von grob geschätzt 15 Millionen Euro für einen Haltepunkt, der aufgrund der baulichen Gegebenheiten nur an der Peripherie liegen könne. So sei in Gesprächen mit der Stadt Bühl ein Standort nördlich des Gewerbegebiets Hägenich erwogen worden, an den sich im Norden das Bühler Industriegebiet Süd anschließt, erläuterte Bürgermeister Jürgen Pfetzer. Dieser Bereich nördlich des Salzwässerles liege bereits auf Gemarkung der Nachbarstadt. Pfetzer gab außerdem einen ausführlichen Rückblick auf die gesamten Vorplanungen und gescheiterten Bemühungen in den vergangenen 20 Jahren.

„Müssen der Realität ins Auge blicken“

„Aus Sicht der Landkreisverwaltung möchte ich nicht empfehlen, diesen Weg weiter zu verfolgen“, machte Mohr deutlich. Die Kosten seien absehbar größer als der zu erwartende Nutzen. Laut NVBW vom vergangenen Freitag sei nicht davon auszugehen, „dass für den Haltepunkt ein Kosten-Nutzen-Faktor im förderfähigen Bereich erreicht wird“. So bedürfe es eines vergleichsweise „großen Eingriffs in die Bestandsinfrastruktur“, um die Fahrtgeschwindigkeit von 160 Stundenkilometern für den Zugverkehr auf der Rheintalbahn zu gewährleisten. Darüber hinaus führten der Bau des Haltegleises, der erforderliche Grundstückserwerb, der Ausgleich für Eingriffe in die Natur, die Anbindung durch Straßen und Stellplätzen sowie insbesondere die notwendigen Brückenneubauten zu erheblichen Kosten. Zudem erschließe der vorgeschlagene Standort die Ortsmitte und den Süden Ottersweiers nur mangelhaft. Ergo werde „nur ein geringes Einwohner- und Berufsverkehrspotenzial“ erreicht. „Wir müssen der Realität ins Auge blicken“, warnte Pfetzer davor, Geld für eine weitere gutachterliche Planung zu „verbrennen“.

Entscheidung über Machbarkeitsstudie in nächster Sitzung

Die deutliche Botschaft des Abends sei, eine schnelle Busanbindung Ottersweiers an den Bühler Haltepunkt (Bahnhof) herzustellen. Linus Maier (CDU) erinnerte, dass der Gemeinderat bereits vor 20 Jahren „vehement für einen Haltepunkt gekämpft“ habe, und bat um Bedenkzeit. Die Entscheidung, ob noch eine „Machbarkeitsstudie“ in Auftrag gegeben werden soll, kündigte Pfetzer daraufhin für die nächste Sitzung an. Wie die Freien Wähler abstimmen werden, ließ Dieter Kohler durchblicken: „Es macht wenig Sinn, die Planung voranzutreiben.“ Nico Paulus (Grüne) sah zwar mehr Kundenpotenzial für einen Haltepunkt in Ottersweier als gemeinhin die Experten, schreckte aber vor den Kosten zurück: „Davon könnten wir zwei Sporthallen bauen und die Bühler Citylinie einführen.“ Herta Finkbeiner-Schilling (SPD) sprach von einer „unendlichen Geschichte“. Deren letztes Kapitel aber nun gekommen scheint. „Es ist bedauerlich, dass es so ist.“

Wenn der Rastatter Bahntunnel einmal fertiggestellt sein sollte, kann indes Bühl auf einen Haltepunkt (zusätzlich zum Bahnhof) in den Bußmatten in Höhe der Firmen Schaeffler und Bada hoffen. Nach Einschätzung der NVBW sei ein Kosten-Nutzen-Faktor im förderfähigen Bereich gegeben, berichtete Mohr aus der Arbeitsgruppensitzung. In Verbindung mit einem weiteren zusätzlichen Haltepunkt Rastatt-Niederbühl sei Bühl-Bußmatten jedoch „nur mittels einer Blockverdichtung zwischen Baden-Baden und Ottersweier betrieblich umsetzbar“. Das heißt, die Signalsicherung muss in kürzere Streckenabschnitte (Blöcke) unterteilt werden, um dadurch eine Kapazitätssteigerung für eine höhere Zugfolge zu erzielen. Dies bedinge nach Aussage der DB Netz erhebliche Investitionen in die Leit- und Sicherungstechnik, gab Mohr wieder. Würde man auch Ottersweier bedienen wollen, könnten in den Bußmatten nur die Züge des Regionalexpress’ anstelle der Regionalbahn halten, was die Nahverkehrsgesellschaft des Landes aus betrieblichen wie vergaberechtlichen Gründen ablehne.

Fokus liegt auf dem Busverkehr

Angesichts null Chancen für einen Schienenhalt in Ottersweier drängten mehrere Gemeinderäte in der Sitzung am Montagabend auf eine Verbesserung des ÖPNV. „Das Angebot ist wenig attraktiv“, befand Linus Meier (CDU). Sein Eindruck: „Wir sind hier an der Kreisgrenze auf verlorenem Posten.“ Er forderte eine stärkere Vernetzung mit dem Stadtbahn-Haltepunkt in Bühl, sinnierte dazu über eine ergänzende Einführung von ehrenamtlich gelenkten Bürgerkleinbussen und brachte eine Ausdehnung der Bühler City-Linie nach Ottersweier ins Gespräch.

1989 weicht das Bahnhofsgebäude in Ottersweier der Schnellbahntrasse. Foto: Gemeindearchiv Ottersweier

© jo

1989 weicht das Bahnhofsgebäude in Ottersweier der Schnellbahntrasse. Foto: Gemeindearchiv Ottersweier

Herta Finkbeiner-Schilling (SPD) warf in die Diskussion: „Jeder Bus lebt auch von Mitfahrern“ und verwies darauf, dass zwischen Bühl und Ottersweier inzwischen zwei bis drei Fahrten im Stundentakt angeboten werden. Sie teilte die Einschätzung, dass eine Kooperation mit der Bühler City-Linie einen attraktiveren ÖPNV, insbesondere für den Teilort Unzhurst, bewirken könnte. Die Unzhursterin Annette Zink-Maurath (CDU) wiederum vermisste eine direkte Busverbindung nach Achern. Bürgermeister Jürgen Pfetzer dachte über den Einsatz von Schnellbussen von und zum Bühler Bahnhof nach.

Laut Mario Mohr, zuständiger Dezernent des Landkreises Rastatt, stehen Verbesserungen in Aussicht, im Fall einer Bewilligung bereits ab Mai. Unter anderem seien weitere Verbindungen ins Höhengebiet geplant sowie eine Ausweitung des Wochenend-Angebots auf mehreren Strecken. Außerdem soll der Takt der beiden Linien verdichtet werden, deren Busse zwischen Ottersweier und Unzhurst sowie Ottersweier und Lauf verkehren, mit Anschluss an die Züge des Regionalexpress’ (Schwarzwaldbahn). Tobias Wald (CDU) merkte an, dass zum nächsten Fahrplanwechsel Monats- und Jahrestickets über bisherige Tarifgrenzen hinweg eingeführt werden. Dann werde nur noch eine Zeitkarte benötigt, um vom Ortenaukreis in den Karlsruher Verkehrsverbund zu pendeln. Bisher sind es zwei.

Der Zug ist abgefahren

BT-Mitarbeiter Joachim Eiermann kommentiert: „Ein Schienen-Haltepunkt für Ottersweier erweist sich endgültig als Fata Morgana; so traurig diese Tatsache unter umwelt- und verkehrspolitischen Gesichtspunkten ist. Die Weichen dafür hätten in den 1980er Jahren gestellt werden müssen, als die Schnellbahntrasse geplant wurde – zumindest in Form einer Option für einen späteren Zeitpunkt. Doch die Vorstellung, dass in Ottersweier jemals wieder der Wunsch nach einem Gleisanschluss aufkommen könnte, war damals so weit weg wie nur was. Mit den wenigen, nicht getakteten wie unkomfortablen Bummelzügen des staatlichen Schienenmonopolisten (etwas anderes hielt in Ottersweier nicht) fuhr seinerzeit nur, wer unbedingt musste. Zu Beginn der Hochgeschwindigkeits-Ära zählte nur der ICE. Der Nahverkehr blieb auf der Strecke. Auch der damalige Gemeinderat setzte andere Prioritäten.

Endergebnis einer Studie steht so gut wie fest

Heute, rund vier Jahrzehnte später, stellt sich die Situation anders dar, und die immer wieder laut werdende Forderung eines Stadtbahn-Anschlusses für Ottersweier ist mehr als berechtigt. Vor rund 20 Jahren unternahm der Gemeinderat einen Vorstoß, vom Abstellgleis herunterzurollen; doch standen schon damals die Signale auf Rot. Technisch zu aufwendig, zu kostspielig, keine Aussicht auf staatliche Förderung.

So ist es nun mal nicht damit getan, ein Stück Schallschutzmauer gegen einen Bahnsteig auszutauschen – und fertig ist der Haltepunkt. Der Aufwand für Gleisbau, Versorgungstechnik und Betriebsinfrastruktur nimmt locker die Schwelle zum zweistelligen Millionenbereich. Und das bestenfalls für einen Ein- und Ausstieg, der keineswegs ortsnah zu liegen käme, sondern vielmehr an der Peripherie.

Unter diesen Gesichtspunkten und gegen den Rat aller Experten jetzt noch mehrere Zehntausend Euro für eine „Machbarkeitsstudie“ auszugeben, deren Endergebnis so gut wie feststeht, käme fast einer Veruntreuung von Steuergeldern gleich. Leidiger Fakt ist: Der Zug ist schon lange abgefahren.“

Zum Artikel

Erstellt:
2. März 2021, 19:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 51sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.