Schirach-Stück „Gott“ in Karlsruhe karg inszeniert

Karlsruhe (BT) – Wem gehört unser Sterben? Ferdinand von Schirachs Diskussionsstück „Gott“ hatte am Badischen Staatstheater Premiere. Elke Petri punktet in ihrer kargen Inszenierung als Darstellerin.

Ein Thema, das spaltet: Im Karlsruher Schauspiel werden Schirachs Argumentionsketten für und gegen Sterbehilfe vor einem fiktiven Ethikrat verhandelt.  Foto: Thorsten Wulff/Staatstheater

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Ein Thema, das spaltet: Im Karlsruher Schauspiel werden Schirachs Argumentionsketten für und gegen Sterbehilfe vor einem fiktiven Ethikrat verhandelt. Foto: Thorsten Wulff/Staatstheater

Ob schwarze Komödie oder eindringliches Diskussionsstück, das Thema des selbst bestimmten Suizids wird im Augenblick aus unterschiedlichen Blickwinkeln auf den Bühnen in der Region thematisiert. Nach der schwarzen Komödie „Harold und Maude“ in Baden-Baden, wo der Freitod von Maude am Ende des Stücks steht, inszeniert nun Elke Petri am Badischen Staatstheater Karlsruhe „Gott“ von Ferdinand von Schirach.

„Gott“, das auch in einer TV-Verfilmung gezeigt wurde, hat Parallelen zu Schirachs „Terror“, bei dem in Form einer fiktiven Gerichtsverhandlung die Frage behandelt wird, ob ein Bundeswehrmajor, der ein von Terroristen gekapertes Passagierflugzeug abschießt, um einen Terroranschlag zu verhindern, wegen Mordes verurteilt werden soll. Bei „Terror“ – das auch in Karlsruhe inszeniert wurde – und bei „Gott“ haben die Zuschauer die Möglichkeit einer Abstimmung über die zentralen Fragen des jeweiligen Stückes. In der jetzigen Karlsruher Premiere von „Gott“ wird darauf verzichtet.

Hier geht es um die Frage, ob die 78-jährige Renate Gärtner mithilfe ihrer Ärztin und einer beim Bundesinstitut für Arzneimittel angeforderten Dosis Natrium-Pentobarbital freiwillig aus dem Leben scheiden darf. War bei „Terror“ ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts, das das Luftsicherheitsgesetz mit seiner Abschusserlaubnis für ein von Terroristen gekapertes Flugzeug für nichtig erklärte, der Ausgangspunkt, so ist es bei „Gott“ ein Urteil desselben Gerichts von 2020, in dem das Recht auf selbstbestimmtes Sterben ebenso bejaht wird, wie die Möglichkeit, dabei die Hilfe Dritter in Anspruch zu nehmen.

Fiktive Sitzung des Deutschen Ethikrates zur Sterbehilfe durchgespielt

Im Unterschied zu „Terror“ handelt „Gott“ aber nicht von einer Gerichtsverhandlung, sondern einer fiktiven Sitzung des Deutschen Ethikrates. Für die Neuinszenierung hat Saskia Wunsch eine karge Bühne mit einigen Sitzreihen geschaffen, die an die Architektur eines antiken Odeons angelehnt ist. Ebenso wenig wie die Kostüme von Annemarie Kögl, die die Akteure nur begrenzt charakterisieren, bietet auch die Kulisse kein Augenfutter, das von der Inszenierung ablenken könnte; die Regisseurin hat zugleich die Hauptrolle übernommen. Ursprünglich hatte der Autor einen Mann ins Zentrum seines Stücks gestellt.

Drei Jahre nach dem Tod ihres Mannes will die gesunde ehemalige Architektin Gärtner aus dem Leben scheiden. Diskussionen mit ihren Söhnen und den Enkeln haben sie nicht umstimmen können. Um einen sicheren, aber auch schmerzlosen Tod zu gewährleisten, fordert sie mithilfe ihrer Ärztin eine Dosis Natrium-Pentobarbital, die ihr vorenthalten wird. Nun hat Renate Gärtner die Frage, ob sie ein Recht auf dieses Medikament und ärztliche Hilfe beim selbst bestimmten Sterben hat, vor den Ethikrat gebracht: bei dem Dr. Keller vom Ethikrat als Moderator, die Ärztin Brandt, der Verfassungsrechtler Litten, Sperling von der Bundesärztekammer und der katholische Bischof Thiel zu Wort kommen. Die Sache Renate Gärtners vertritt ihr Anwalt Biegler.

Dass die Karlsruher Inszenierung erst langsam an Intensität gewinnt, mag auch, so paradox es klingt, an der darstellerischen Präsenz der regieführenden Elke Petri liegen. Die Schauspielerin, die in Peter Steins berühmten Ensemble der Berliner Schaubühne am Halleschen Ufer bedeutende Rollen spielte, steht, auch wenn sie nur den Argumenten der Sachverständigen still lauscht, oft im Mittelpunkt. Sie ringt nervös mit den Händen, wenn sie sich für ihr Recht auf selbst bestimmtes Sterben ausspricht, steigert die Gestik gar zum emotionalen Ausbruch: Neben ihrer Ausdruckskraft wirkt das Karlsruher Ensemble teilweise recht blass.

Altväterlich, aber respektheischend: Timo Tank spielt den Bischof eindringlich

Lisa Schlegels von Zweifel und Mitgefühl für den Wunsch ihrer Patientin geprägte Ärztin verharrt in der Rolle einer Stichwortgeberin. Der recht jung besetzte Verfassungsrechtler Litten (Andrej Agranovski) kommt kaum über die Darstellung des juristischen Kommentators hinaus. Jannek Petri legt den Vertreter der Bundesärztekammer als joviale Karikatur einer aus der Zeit gefallenen Ethik ohne wirklichen Bezug zum Patienten an. Doch langsam, aber stetig gewinnt Elke Petris Inszenierung an Dichte.

Wie frei ist der Mensch wirklich in seinen Entscheidungen? Wieweit ist er einer staatlichen oder gesellschaftlichen oder religiösen Ordnung verpflichtet, wo sind die Grenzen seiner Selbstbestimmung? Die Auseinandersetzung mit Suizid unter ärztlicher Hilfe steigert sich immer weiter zu Argumentationsketten, dabei wird die Sterbehilfe auch mit dem Massenmord an „lebensunwertem Leben“ durch die Nationalsozialisten in Beziehung gesetzt. Wird durch das Verfassungsgerichtsurteil ein gesellschaftlich-moralischer Damm gebrochen? Droht gar die Gefahr, dass Ärzte in Zukunft etwa auch Menschen, die zu einer finanziellen Last für die Allgemeinheit werden, unter dem Vorwand humanitärer Sterbehilfe „entsorgen“ müssen?

Nicht nur André Wagner als moderierender Dr. Keller beschwört diese Gefahr. Heisam Abbas (Gärtners Anwalt) streift viele Argumente der Suizidgegner mit ironisch-leichter Hand ab, findet aber auch zur Balance zwischen launiger Komik und ernsthafter Vertretung des Selbstbestimmungsrechts seiner Mandantin.

Darstellerisch kann an diesem komplexen Abend nur Timo Tank als Bischof der herausragenden Elke Petri Entscheidendes entgegensetzen. Sein Christentum des Leidens wirkt zwar ebenso aus der Zeit gefallen wie seine Argumentation gegen den Selbstmord mit dem Bezug zu den Kirchenvätern, seine markant-unaufdringliche darstellerische Präsenz fordert aber auch da, wo seine Argumentation archaisch wirkt, Respekt.

Ihr Autor

Thomas Weiss

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Erstellt:
29. Oktober 2021, 21:00 Uhr
Lesedauer:
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