„Schlimmer kann es eigentlich nicht mehr werden“

Rastatt (sb) – Der Zirkus Bely kämpft ums Überleben. Manche Rastatter kommen spontan vorbei und fragen, wie sie helfen können.

Die Mitglieder des Zirkus‘ Bely bedanken sich für die vielfältige Unterstützung, die sie bislang erleben durften. Foto: Stephan Friedrich

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Die Mitglieder des Zirkus‘ Bely bedanken sich für die vielfältige Unterstützung, die sie bislang erleben durften. Foto: Stephan Friedrich

Aufgeben: Daran haben die Akteure des Familienzirkus Bely im vergangenen Jahr nicht einmal gedacht, wie Zirkuschefin Marina Frank versichert. Dabei hätten die drei Generationen in diesem Jahr allen Grund dazu gehabt. Statt mehr als 200 Vorstellungen durfte gerade acht Mal gespielt werden. Quasi mit dem Saisonbeginn im März kam der erste Lockdown (wir berichteten). Und kaum waren Mitte September Vorstellungen am Wochenende erlaubt, war wenig später auch schon wieder Schluss damit.
„Wir sind quasi vom Winterquartier in das Sommerquartier und gleich wieder in das Winterquartier gewechselt“, berichtet Marina Frank. Wann die Saison 2021 dann beginnen kann, ist komplett offen. So haben sich die Wohnwagen quasi seit mehr als einem Jahr kaum vom Kasernengelände an der B36 in Rastatts Süden wegbewegt. Kennen die Artisten sonst nichts anderes, als alle paar Tage von Ort zu Ort weiterreisen, sind sie in den vergangenen Monaten konstant an einem Ort geblieben. „Wir haben bereits viele Rückschläge erlebt. Unser Zelt wurde vom Hochwasser weggespült und wir konnten wegen großer Hitze nicht spielen. Eine Saison wie diese aber haben wir noch nie erlebt“, versichert Marina Frank und spricht von fatalen finanziellen Folgen für das kleine Zirkusunternehmen. Denn Futterschulden, die im Winter anfallen, werden normalerweise während der Saison beglichen. Doch dieses Jahr gab es kaum Einnahmen, und die Futterkosten waren trotzdem da.

Mehr als 80 Großtiere

Mehr als 80 Großtiere sind im Zirkus Bely zu Hause. Pferde, Kamele, Ziegen, Wasserbüffel, eine ganze Hundeschar und viele Gänse. Sie alle mussten den ganzen Sommer versorgt werden. „Ein Fulltimejob“, wie Marina Frank versichert. In der Winterpause sind zudem lukrative Engagements beispielsweise bei einem Weihnachtszirkus oder bei Galas weggefallen. Überlebt hat der Zirkus Bely diese Situation nur dank zahlreicher Spenden. „Dafür möchten wir uns ganz herzlich bedanken“, so der einhellige Tenor der insgesamt elf Artisten und Tiertrainer.

Marina Frank muss mit den Tränen kämpfen, wenn sie sich im leeren Zirkuszelt umsieht, dass nach wie vor im Winterquartier aufgebaut ist. „Wir hatten ein neues Programm einstudiert, alle waren voll motiviert und dann wurden wir komplett zurückgeworfen“, berichtet sie. Trotzdem ist es gerade für die Tiere wichtig, die Nummern regelmäßig zu spielen – in diesem Jahr eben fast ausschließlich ohne Publikum. Das vermissen auch die drei Jüngsten im Alter zwischen zwei und sechs Jahren, die als Clowns in der Manege auftreten. „Ohne Publikum macht es einfach keinen Spaß“, versichert der sechsjährige Maddox, der gemeinsam mit seinen beiden Cousinen bereits die neunte Zirkusgeneration bildet. Ob es die letzte ist? „Nein“, sagt Marina Frank: „Wir werden auch im nächsten Jahr kämpfen, auch wenn es schwierig ist. Schließlich sind wir Zirkusleute Überlebenskünstler.“

Besonders am Herzen liegen ihr die vielen Tiere, die immer ausreichend mit Futter versorgt werden müssen. „Ehe wir an den Tieren sparen, sparen wir an uns“, erklärt Frank die Devise und zeigt sich dankbar für Spenden jeder Art. So kommen Rastatter spontan vorbei und fragen, wo sie helfen könnten. Mit Geld, mit Essen oder mit Heu für die Tiere zum Beispiel.

Trotz aller Schwierigkeiten hat die Familie Frank das Weihnachtsfest zusammen genossen, Vater Harry und Sohn Nico haben mit Ventilposaune und Trompete „Stille Nacht“ gespielt und alle gemeinsam haben sie sich über eine gespendete Gans als Familienessen gefreut. „Zum ersten Mal sind alle Kinder auch noch einige Tage zusammengeblieben“, berichtet Frank. Wurde in der Vergangenheit oft nur an Heiligabend gefeiert, weil dann alle wieder zu ihren Engagements bei einem Weihnachtszirkus starteten, blieb die Familie in diesem Jahr zusammen. Auch Silvester wird man im kleinen Kreis feiern und hoffen, dass es im neuen Jahr bald wieder weitergeht: „Schlimmer“, da ist sich Marina Frank sicher, „kann es eigentlich nicht mehr werden.“

Der Zirkus Bely ist weiterhin auf Spenden angewiesen. Infos unter (0172) 7292093 oder www.circusbely.de

Ihr Autor

Stephan Friedrich

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Erstellt:
29. Dezember 2020, 14:00 Uhr
Lesedauer:
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