„Schloss Rastatt 2.0“ öffnet neue Zeitfenster

Rastatt (sl) – Die Neupräsentation der Beletage im Rastatter Residenzschloss rückt manches spannende Objekt in ein besseres Licht. Den Machern geht es auch um eine neue Vermittlung der Geschichte.

Kaum störend ist der neue Berührungsschutz vor den kostbaren Barockmöbeln. Foto: Frank Vetter

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Kaum störend ist der neue Berührungsschutz vor den kostbaren Barockmöbeln. Foto: Frank Vetter

Von einem „Residenzschloss 2.0“ spricht Michael Hörrmann, Geschäftsführer der Staatlichen Schlösser und Gärten, und meint damit, dass durch die Neupräsentation der Beletage im Rastatter Schloss für die Besucher noch mehr Geschichten erlebbar werden: Über die einstigen Bewohner, aber auch über das Kulturdenkmal selbst und seine kostbare Ausstattung.
Diese anspruchsvolle Ausstattung – Möbel, Bilder, Uhren und kunsthandwerkliche Meisterstücke des 18. Jahrhunderts – konnte das Land Baden-Württemberg teilweise bei der Auktion des badischen Markgrafenhauses 1995 im Neuen Schloss Baden-Baden ersteigern, manches kam später hinzu oder wurde jüngst neu angekauft. Einige Objekte, die schon seit der bis dato letzten großen Neueinrichtung in den 1990er Jahren im Schloss standen, rückt Konservatorin Dr. Petra Pechacek nun in ein besseres Licht. Zugleich lobt sie ihre Vorgängerin, Dr. Ulrike Grimm, für das „gute Händchen“, das sie einst bei der Auswahl der erlesenen Stücke bewiesen hat.

Schloss Rastatt hat viel zu erzählen

Die Neupräsentation legt nun ein größeres Gewicht auf Didaktik, also auf die Vermittlung dessen, was Schloss Rastatt zu erzählen hat. Weiterhin wird die Residenz nur im Rahmen von Führungen zu besichtigen sein, die Schlossführer sind neu geschult und werden ab 3. Oktober nicht nur auf neuen Wegen durchs Schloss geleiten, sondern auch neue Geschichten erzählen. Zum Beispiel die der Eltern von Markgraf Ludwig Wilhelm, dem Erbauer des Rastatter Schlosses, und seiner Gemahlin Sibylla Augusta. Oder über die Tochter der beiden, die einen Herzog des französischen Königshauses heiratete und jung starb. Familienporträts, die zwar schon im Schloss vorhanden waren, hängen nun an prominenterer Stelle.

Auch Sibylla Augustas Bildnis, ein Doppelporträt mit ihrer Schwester, hängt jetzt in besserem Licht, eine „gemalte Heiratsannonce“, wie Hörrmann sich ausdrückt. Eigentlich war die ältere der Geschwister für den badischen Markgrafen auserkoren, die auf dem Gemälde mit Blumen spielt. Warum, das können die Führungsbesucher nun erfahren, und damit auch etwas über die Bedeutung der gezeigten Kunstobjekte in ihrer Epoche – ein Aspekt, der Historikerin Pechacek bei der Neupräsentation wichtig war: Die Funktionsweise des Rastatter Schlosses für die höfische Gesellschaft des Absolutismus soll für die Besucher noch „lesbarer“ werden als zuvor.

Kunsthistoriker arbeiten wie Detektive

Fast detektivisch gestaltete sich Sandra Eberles Recherche zu den Miniaturgemälden im Kabinett der Markgräfin, die beispielhaft ergänzt sind. Foto: Frank Vetter

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Fast detektivisch gestaltete sich Sandra Eberles Recherche zu den Miniaturgemälden im Kabinett der Markgräfin, die beispielhaft ergänzt sind. Foto: Frank Vetter

Aber auch die Geschichte des Gebäudes und seiner Ausstattung wird stärker in den Mittelpunkt gerückt. Ein Beispiel ist das sogenannte Miniaturenkabinett, ein kleiner Raum ganz am Ende der Zimmerflucht, die das Appartement der Markgräfin bildet. Seinen Namen hat es von den Miniaturen: Teilweise nur wenige Zentimeter große Gemälde, die dort in die aufwendige Wanddekoration eingepasst waren – und jetzt wieder sind. Zumindest ein Paneel wurde erneut mit kleinen Bildern bestückt, wenn auch nur mit Reproduktionen aus anderen Schlössern und Museen. Die Originale sind verloren, änderte sich doch um 1800 die Mode, und statt der geschnitzten und vergoldeten Rokokoleisten zierte eine schlichtere Tapete die Wände des Zimmers. Doch darunter blieben die Abdrücke der einstigen Pracht erhalten, und so konnten sie schon vor 30 Jahren nachgeschnitzt werden. Im Auftrag der Staatlichen Schlösser und Gärten hat die freie Kunsthistorikerin Sandra Eberle nun in detektivischer Kleinarbeit und anhand einer vorhandenen Inventarliste Gemälde ausfindig gemacht, die den Originalen von einst ähnlich sind. Porträts, Landschaften, Seestücke, Jesus am Kreuz und Szenen aus der griechischen Sagenwelt sind zwar ein ziemliches Sammelsurium, entsprechen aber der einstigen Bildauswahl. Eigens angefertigte, hochwertige Reproduktionen nehmen jetzt deren Platz ein und geben dem Besucher einen Eindruck von der Wirkung. Die anderen Wandteile wurden bewusst im unfertigen Zustand belassen. An ihnen lässt sich gut erklären, wie Kunsthistoriker und Restauratoren arbeiten, auch wenn es auf den ersten Blick nicht sehr repräsentativ aussieht. „Ein Zeitfenster in verschiedene Ebenen der Vergangenheit“, nennt das Michael Hörrmann.

Polsterstühle bergen Überraschung

Dass Möbel manchmal eine wechselhafte Geschichte haben, erklärt David Tils anhand einer Serie von barocken Polsterstühlen, die nun in unterschiedlichen Zeitzuständen präsentiert werden. Foto: Frank Vetter

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Dass Möbel manchmal eine wechselhafte Geschichte haben, erklärt David Tils anhand einer Serie von barocken Polsterstühlen, die nun in unterschiedlichen Zeitzuständen präsentiert werden. Foto: Frank Vetter

Ein zweites solches Fenster öffnet sich im markgräflichen Audienzzimmer, an dessen Wand nun eine Serie von Polsterstühlen aufgereiht ist. Eigentlich stammen sie aus Schloss Favorite, dämmerten aber lange im Depot vor sich hin. Die Stühle waren aber auch – wohl in den 1960er Jahren – mit einem nicht sehr passenden Stoff bezogen worden. Überrascht war Restaurator David Tils, als darunter ein Bezug zum Vorschein kam, der wohl aus dem späten 19. Jahrhundert stammt. Noch interessanter macht die Sache, dass ein Foto aus der Zeit um 1960 die Stühle mit exakt jenem Bezug in Schloss Favorite zeigt. „Es kommt selten vor, dass so etwas erhalten ist“, betont Tils. Daher wird nun einer der Stühle mit diesem alten Bezug ausgestellt, der aber immer noch nicht der ursprüngliche ist. Der erste Stoff aus der Mitte des 18. Jahrhunderts fand sich leider nicht mehr unter den Schichten. Aber vielleicht kommt ja die Neuinterpretation der Restauratoren dem ursprünglichen Dekor nahe: Seidendamast einer auf historische Textilien spezialisierten französischen Firma wählten sie dafür aus. Der historische Stoff befindet sich bei allen noch unter den neuen Bezügen. Künftige Generationen könnten die Sache anders bewerten, „und deshalb ist es ein Prinzip der heutigen Denkmalpflege, dass Veränderungen immer wieder rückgängig gemacht werden können“, unterstreicht Hörrmann an diesem Beispiel. Die Holzpartien der Stühle zeigen sich seit den 1960er Jahren in elegantem Grau-Gold. Farbpartikel unter dem Mikroskop bewiesen aber, dass die Stühle einmal in Weiß-Gold lackiert waren.

Mehr Wohnlichkeit in den Schlossräumen

Die vierwöchige Umbauphase bei laufendem Betrieb mit vielen größeren und kleineren Veränderungen in den Schlossräumen haben die Restauratoren auch zu einer gründlichen Reinigung genutzt. Unter anderem wurden die um 1990 nachgewebten Stofftapeten abgesaugt und leuchten nun wieder in rot-goldenem Glanz. Insgesamt macht das Schloss wieder einen frischeren Eindruck, auch der neue, zurückhaltende Berührungsschutz vor den Möbeln ist gelungen und hat zudem die unschönen „Bitte-nicht-Berühren“-Schilder unnötig gemacht. Bewohnter und weniger steril wirkt die Beletage nun durch einige, sparsam eingesetzte Dekoobjekte wie künstliche Früchte und Konfekt-Attrappen in historischen Schalen, Vasen sowie Bücher und Büsten auf den Schreibsekretären.

Die Geschichte des Rastatter Schlosses im 19. Jahrhundert wird künftig von Porträts der badischen Großherzöge repräsentiert. Foto: Frank Vetter

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Die Geschichte des Rastatter Schlosses im 19. Jahrhundert wird künftig von Porträts der badischen Großherzöge repräsentiert. Foto: Frank Vetter

Alles in allem haben sich die Schlösser und Gärten die „Residenz 2.0“ rund 150.000 Euro kosten lassen, 100.000 Euro werden noch für einen verbesserten Lichtschutz hinzukommen.

Zum Thema: Schloss Rastatt aus Sicht einer Restauration

Wer sich für die Arbeit der Restauratoren in Schloss Rastatt interessiert, sollte sich die Themenführung „Perspektivwechsel“ am Sonntag, 11. Oktober, nicht entgehen lassen. Um 10.30 und 14.30 Uhr zeigt Annemie Danz jeweils zehn Besuchern die Residenz aus Sicht einer Restauratorin. Der Rundgang dauert rund eine Stunde. Es besteht Maskenpflicht. Der Eintritt ist aus Anlass des Europäischen Tags der Restaurierung frei. Coronabedingt ist eine Anmeldung unter (07222) 978385 unbedingt erforderlich.

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Erstellt:
3. Oktober 2020, 09:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 27sec

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