Schluss mit „Click & Meet“ in Baden-Baden

Baden-Baden (sga) – Ab Dienstag, 23. März, müssen die Einzelhändler in Baden-Baden erneut ihre Türen schließen. Im BT-Gespräch berichten Betroffene, wie es Ihnen geht.

Harte Kritik: Viele Inhaber können die Entscheidungen der Politiker nicht verstehen. Foto: Sarah Gallenberger

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Harte Kritik: Viele Inhaber können die Entscheidungen der Politiker nicht verstehen. Foto: Sarah Gallenberger

Julia Kostochka ist müde. Seit Wochen geht sie jeden Morgen die aktuellen Infektionszahlen durch, bevor sie ihren Laden in der Fußgängerzone aufschließt – oder die Türen gar nicht erst öffnet, wie es ab Dienstag, 22. März, erneut der Fall ist. Denn weil der Inzidenzwert in Baden-Baden seit Tagen über 100 liegt, ist shoppen unter normalen Umständen nicht mehr erlaubt – mal wieder.

„Überrascht bin ich nicht“, sagt die Inhaberin der Hallhuber-Filiale in der Lange Straße. Es sei schließlich nicht das erste Mal, dass sie keine Kunden begrüßen darf. „Für uns ist das reine Schikane“, ärgert sie sich. Nicht, weil ihr die Gesundheit der Menschen egal ist, sondern „weil absolut keine Gleichbehandlung stattfindet“.

Sieht im Einzelhandel kein höheres Infektionsrisiko: Julia Kostochka fordert Gleichberechtigung. Foto: Sarah Gallenberger

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Sieht im Einzelhandel kein höheres Infektionsrisiko: Julia Kostochka fordert Gleichberechtigung. Foto: Sarah Gallenberger

Kostochka kann nicht nachvollziehen, weshalb ein Discounter neben Käse und Wurst auch Schuhe und Shirts anbieten darf – sie jedoch seit Monaten nahezu auf ihrer Ware sitzen bleiben muss. Deshalb hat die Inhaberin durchaus schon mit dem Gedanken gespielt, neben der Kleidung künftig vielleicht auch andere Dinge anzubieten. Ein Modehändler aus Emmendingen macht es vor: Zwischen Jacken und Hosen türmen sich in seinem Geschäft Hunderte von Klopapierrollen. „Hört sich komisch an – scheint aber nicht anders zu funktionieren“, meint Kostochka mit einem Achselzucken. Für sie komme es allerdings nicht infrage, eine Hälfte ihres Ladens „in einen Drogeriemarkt“ zu verwandeln. Schließlich sei Hallhuber nun mal ein Modegeschäft.

„Was sollen wir denn noch alles machen?“

Der Inhaberin ist ihre Verzweiflung deutlich anzusehen: „Desinfektionsmittel, Abstände, Kontaktformulare. Was sollen wir denn noch alles machen?“ Letzteres komme bei vielen Kunden nicht gut an. „Auch, weil viele daran zweifeln, ob die Daten nicht doch noch für andere Zwecke verwendet werden.“ Natürlich versuche sie, solchen Personen gut zuzusprechen, „aber erzwingen kann man nichts“. Und so bleibt seit einigen Monaten viel Ware an den Kleiderständern hängen – während sie immer mehr an Wert verliert.

Nicht auf Mode, dafür allerdings auf massig Dekoartikeln bleibt unter anderem die Butlers-Filiale sitzen. „Unsere Produkte sind komplett von den Jahreszeiten abhängig. Das ist in der derzeitigen Situation natürlich absolut unvorteilhaft“, weiß Ariane Skoko. Als Verkäuferin ist es normalerweise ihre Aufgabe, Kunden zu beraten. „Das ist zur Zeit nicht drin.“ Erst recht nicht, wenn ab heute wieder nur noch „Click & Collect“ erlaubt ist. „Zumal wir das gar nicht anbieten“, erklärt Valeria Holivkina, die ebenfalls im Butlers arbeitet. Es rentiere sich schlichtweg deshalb nicht, weil viele Menschen dann doch lieber online bestellen – und sich die Dinge bequem nach Hause liefern lassen.

Aufgeben ist keine Option

Dagegen kam „Click & Meet“, also einkaufen mit Terminvergabe, in der Vergangenheit um einiges besser an. „Trotzdem müssen wir immer wieder Ware einlagern, weil sie nicht verkauft werden kann“, bedauert Skoko die aktuelle Situation. Können die Artikel nicht einfach nächstes Jahr wieder angeboten werden? „Doch. Aber es ist ja nicht so, als würden wir nichts Neues dazu bekommen.“ In der Regel arbeiten die Designer bereits ein Jahr im Voraus an den Produkten. „Mal schauen, ob wir irgendwann wieder normal verkaufen dürfen“, meint Holivkina.

„Was soll man dazu noch sagen“, antwortet Sarah Geckle auf die Frage, wie es ihr mit der aktuellen Situation zur Zeit geht. Gemeinsam mit Michelle Mahovsky gehört ihr seit 2019 der Concept Store By Lola in der Wilhelmstraße. In der kleinen Boutique gibt es normalerweise viel zu entdecken, „aber auch wir dürfen nicht, wie wir es wollen“. Da sei dann auch das ausgearbeitete Hygienekonzept egal, wenn der Laden mal wieder geschlossen bleiben muss. „Dabei bietet sich das Einkaufen mit wenig Kundenkontakt bei uns mehr als an“, findet Geckle.

Michelle Mahovsky und Sarah Geckle (von links) lieben ihre kleine Boutique – und sind deshalb umso trauriger über die Situation. Foto: privat

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Michelle Mahovsky und Sarah Geckle (von links) lieben ihre kleine Boutique – und sind deshalb umso trauriger über die Situation. Foto: privat

In dem kleinen Geschäft seien unter der Woche sowieso nicht massenhaft Besucher, und die Kundenströme an den Wochenenden „können problemlos überwacht werden“, weiß sie aus Erfahrung. Aufgeben ist für die beiden Inhaberinnen allerdings nie eine Option gewesen. „Bereits letztes Jahr mussten wir aufgrund des Lockdowns überlegen, wie wir weitermachen können“, erzählt Geckle.

Deshalb ergab sich aus dem ersten Lockdown im März 2020 schließlich ein Onlineshop, den es auch künftig noch geben wird. „So versuchen wir, neben all dem Übel positiv aus der Situation zu gehen und uns immer wieder etwas Neues zu überlegen.“ Gemeinsam mit Mahovsky sei sie in den sozialen Netzwerken, wo sie versuchen, auf die Kunden einzugehen, sehr aktiv. „Was anderes bleibt uns aktuell nicht übrig.“

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Erstellt:
23. März 2021, 14:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 16sec

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