Schöne Tradition steht vor dem Aus

Baden-Baden (nie) – Der kurstädtische Kutschbetrieb von Sabrina Möller steckt in großen Schwierigkeiten. Coronabedingt konnten lange keine Touren angeboten werden, dementsprechend ist nun ein großes Loch in der Kasse. Ohne finanzielle Hilfe sieht die Zukunft für die historischen Kutschfahrten schwarz aus.

Stillstand? Ob der Kutschbetrieb in der Kurstadt die Corona-Krise überlebt, ist mehr als fraglich. Foto: Zeindler-Efler

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Stillstand? Ob der Kutschbetrieb in der Kurstadt die Corona-Krise überlebt, ist mehr als fraglich. Foto: Zeindler-Efler

Als meist fotografierten und gefilmten Kutscher der Welt hat das BT vor ziemlich genau fünf Jahren Arthur Roth betitelt. Damals hat der Stadtkutscher sein Geschäft in die Hände von Sabrina Möller gelegt, die zur neuen Kutscherlegende werden sollte. Nun kam Corona – und alles könnte ganz anders kommen. Der Kutschbetrieb ausgehend vom Stall in der Gunzenbachstraße steht kurz vor dem Aus.

Kein Hufegeklapper in der Allee, keine Vierbeiner, die an der Fieserbrücke trinken, keine für ein Foto lachenden Kutscher, die Nostalgie der Gespanne nur noch auf Fotos? Sabrina Möller denkt „in alle Richtungen“, damit dies keine Realität wird. Sieht sie aber der Realität ins Auge, sei klar, dass sie unter den jetzigen Gegebenheiten den Betrieb nicht halten kann. Denn die harten Fakten seien, dass die 39-Jährige und ihr Team vom 15. März bis zum 18. Mai keine Einnahmen hatten. Der Kutschbetrieb war in dieser Zeit coronabedingt verboten, da dieser laut Verordnung unter „Anbieter von Freizeitaktivitäten“ gefallen war. Geblieben waren die laufenden Kosten. Da sei auch die Corona-Soforthilfe nur ein Tropfen auf dem heißen Stein gewesen, berichtet Möller traurig. Es seien viele Tausend Euro, die fehlten. Wenn weiter kein Geld fließe, dann müsse sie darüber nachdenken, „die Pferde zu verkaufen“.

Prognose: Weniger internationale Gäste

„Touristisch wäre das dramatisch“, macht Nora Waggershauser, Geschäftsführerin der Baden-Baden Kur & Tourismus (BBT), unmissverständlich deutlich. Man stehe in engem Austausch mit Möller ob der Bedeutung vor allem für die ausländischen Gäste. Die Nachfrage sei hoch, Möller stets ausgelastet und wirtschaftlich gut strukturiert. So spricht Waggershauser von einem „Kostenstrukturproblem“: Unterhaltung, Pflege, Auflagen beispielsweise in Sachen Sicherheit überschritten bei weitem den Gewinn.

Der Blick in die Glaskugel macht wenig Hoffnung: Die BBT rechnet damit, dass russische und arabische Gäste in diesem Jahr nicht in der gewohnten Menge in die Kurstadt kommen. Aber die internationalen Besucher seien eben die Hauptkunden, so Möller. Schon jetzt am Pfingstwochenende habe man nur ein Drittel der normalen Einnahmen erwirtschaften können.

Hinzu kommt, dass die Pferde im wieder erwartet heißen Sommer wegen der Hitze nicht so viele Touren wie üblich laufen könnten und dass eine Absage des Christkindelsmarkts im Raum steht und so Fahrten fehlten. Dachte Sabrina Möller noch, dass die Unannehmlichkeiten rund um die Erneuerung der Fieserbrücke schwierig für ihren Betrieb werden würde, so habe Corona „deutlich schlimmer“ zugeschlagen.

Hoffen auf Pferdeliebhaber

Es steht also Spitz auf Knopf. Das ist auch Oberbürgermeisterin Margret Mergen bewusst. Und sie weiß auch, dass Möller nicht erst seit diesem Jahr wirtschaftlich und strukturell zu kämpfen hat: Für die Jahre 2019, 2020 und 2021 bekommt der Kutschbetrieb durch einen Beschluss im Gemeinderat von der Stadt je 50000 Euro Unterstützung. Als Grund dafür nennt Mergen das „Alleinstellungsmerkmal“ der historischen Kutschfahrten. Aber dieser Bonus wird in diesen Zeiten wohl wenig helfen, schmälert Mergen die Hoffnung auf städtische Hilfen: „Die Stadt muss selbst den Gürtel enger schnallen.“ Man habe das „Maximum an Unterstützung gezeigt“, und in Corona-Zeiten könne man solch einer „Freiwilligaufgabe“ nicht mehr als schon bewilligt zukommen lassen. Als Chance für den Weiterbetrieb sieht sie Modelle auf freiwilliger Basis: Menschen, die aus „Liebhaberei“ Gelder geben, zu Spenden aufrufen oder Pferdepatenschaften übernehmen. Auch Waggershauser sieht nur diesen Weg.

Ein Vergleich mit der Merkur-Bergbahn, die schließlich in städtischer Hand liegt, hinke, meint Mergen. Für die Bergbahn habe man mit der jetzigen Sanierung ein einmaliges Invest getätigt, das sich über die Jahre rechnen werde. Bei den Kutschfahrten führten viele Unwägbarkeiten wie Touristenzahlen und Wetter zu einer „schwierigen Konstellation“.

Wahrhaben will Möller das Dilemma noch nicht, sie ist aber Realistin genug – das macht sie im Gespräch deutlich –, dass sie sich schon umgehört hat: Wer könnte die Pferde kaufen? Wie könnte ihr neues Arbeitsleben aussehen? Ist es möglich, ein paar Pferde zu halten und das Angebot herunterzufahren? Mehr noch merkt man ihr aber an, dass sie bis zuletzt hofft, die Kutschfahrten retten zu können.

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Erstellt:
3. Juni 2020, 22:00 Uhr
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