Dehmelt-Abschied: „Schöne Zeit in Hügelsheim“

Hügelsheim (sawe) – Wer 24 Jahre im Amt war, hat viel zu erzählen: Bürgermeister Reiner Dehmelt blickt auf eine bewegte und „schöne Zeit in Hügelsheim“ und macht am Ende ein überraschendes Geständnis.

Der scheidende Hügelsheimer Bürgermeister Reiner Dehmelt hat am 11. Mai seinen letzten Arbeitstag im Rathaus. Foto: Frank Vetter

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Der scheidende Hügelsheimer Bürgermeister Reiner Dehmelt hat am 11. Mai seinen letzten Arbeitstag im Rathaus. Foto: Frank Vetter

Aufregender Start in Hügelsheim: Reiner Dehmelt ist am 13. Mai 1997 gerade den zweiten Tag im Amt, da stinkt es gewaltig: Die Rührwerke in der Kläranlage stehen still, üble Gerüche ziehen durch den Ort, und der neue Bürgermeister erhält Post von der Staatsanwaltschaft. Das Problem wird sofort behoben. Am 26. Dezember 1999 schlägt Orkan „Lothar“ eine verheerende Schneise in den Hardtwald, und sechs Wochen später kommt mit dem Flowtex-Skandal der bislang größte Fall von Wirtschaftskriminalität in der deutschen Nachkriegsgeschichte ans Licht.

Die ersten Jahre in Hügelsheim sind alles andere als einfach für Reiner Dehmelt. „Es war mit Abstand die bisher stressigste Zeit meines Lebens“, bekennt der Diplom-Verwaltungswirt (FH) aus Sasbach denn auch nach vier Jahren in seiner Halbzeitbilanz mit Blick auf viele Aufgaben, lange Verhandlungen und schlaflose Nächte. Die gibt es auch später noch zu Genüge, denn das Spargeldorf ist eine Gemeinde mit besonderen Herausforderungen und Dauerbrennern. Integration, Entwicklung des Flughafens mit Gewerbepark, Durchgangsverkehr, PFC. Und dann noch Corona mit ständig neuen Verordnungen, deren Umsetzung auch Hügelsheim schnelles Handeln und große Anstrengungen abverlangt.

Zum Teil sehr emotionale Abschiede

24 Jahre hat Reiner Dehmelt die Geschicke der Gemeinde Hügelsheim gelenkt, jetzt geht er nach 24 Jahren in den Ruhestand. Sein letzter Arbeitstag ist am 11. Mai. In den vergangenen Wochen hat es bereits mehrere kleinere Abschiede gegeben aus den Gremien, aus denen er ausscheidet. „Das war zum Teil sehr emotional“, erzählt der Bürgermeister, der bereits fleißig seine Nachfolgerin Kerstin Cee einarbeitet. Er nimmt sie mit zu Terminen, macht sie bekannt im Kreis der Bürgermeisterkollegen und ist zuversichtlich: „Ich habe wirklich ein gutes Gefühl, und wenn sich dies bestätigt, dann hat Hügelsheim eine gute Zukunft vor sich“, sagt er über die 49-Jährige, der er auch künftig mit Rat zur Verfügung stehen will, wenn er gebraucht werde. Aufdrängen oder sich gar in die Politik einmischen, werde er sich aber nicht, stellt er klar: „Meine Frau und ich werden uns als ganz normale Bürger in Hügelsheim einreihen.“ Dies beantwortet dann schon die oft an ihn gestellte Frage, ob er denn im Spargeldorf wohnen bleibe. Klar, sagt er: „Ich bin Hügelsheimer mit ganzem Herzen.“

Sein Kalender war immer gut gefüllt, und einen Termin zu bekommen, ist auch in den letzten Tagen seiner Amtszeit nicht gerade einfach. Er habe noch so viel zu tun, bittet er um Verständnis. Schließlich schaufelt er sich doch noch ein bisschen Zeit frei, um zurückzublicken auf drei Amtszeiten in einem Beruf, den er als Berufung sieht, den er „geliebt“ und bei dem er daher nie auf die Stunden geschaut hat – und auch nicht auf die Urlaubstage. Viele stehen daher noch auf der Habenseite, er schenkt sie der Gemeinde. Der große Zeitaufwand habe ihm „nie etwas ausgemacht, außer vielleicht meiner Gesundheit“, spielt er auf eine Zeit an, als es ihm eine ganze Weile nicht sonderlich gut ging. Und natürlich musste seine Familie oft zurückstecken und auf den Vielbeschäftigten verzichten. Seiner Frau Ingrid ist er daher „äußerst dankbar“ für ihr Verständnis und den familiären Rückhalt. Er habe seine dritte Kandidatur auch erst nach dem Okay der Ärzte beschlossen und schon vor acht Jahren verkündet, dass es seine letzte sein werde.

Selbstbestimmtes Leben geführt

„Ich habe mein ganzes Leben das Glück gehabt, meine Entscheidungen selbst treffen zu können und ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Und wenn man selbstbestimmt gehen kann, dann tut es auch nicht weh“, meint Dehmelt auf die Frage, ob die Terminflut den Abschiedsschmerz erleichtert. Das sei auch damals so gewesen, als er der Fußball-Bundesliga mit 42 Jahren den Rücken kehrte. Dehmelt war Schieds- und Linienrichter in der Bundesliga und bei internationalen Begegnungen und ist bis heute Mitglied des Fußball-Schiedsrichterausschusses im Bezirk Baden-Baden sowie Schiedsrichterbeobachter.

„Lothar, das war eine Geschichte, die uns sehr getroffen hat“, resümiert er. Noch am Tag zuvor sei er mit dem Förster unterwegs gewesen und habe zufällig Bilder von den Bäumen gemacht, die am nächsten Tag dann nicht mehr standen. Auch das Aus der Ostanbindung des Baden-Airparks hat ihn erschüttert. 24 Jahre lang habe er für eine Verkehrsentlastung gekämpft „und dann ist es wie eine Seifenblase zerplatzt. „Es war eine der größten Enttäuschungen, dass das Planfeststellungsverfahren eingestellt worden ist, zumal wir und der Landkreis uns auf einem guten Weg gesehen haben.“ Die Integration der Spätaussiedler war einer der Schwerpunkte seiner Arbeit. Viele Neubürger fühlen sich wohl und leben gerne in Hügelsheim, manche haben Eigentum gebildet, „das ist eine schöne Sache“, sagt Dehmelt. Ganz zufrieden ist er aber nicht: „Wenn man sieht, welchen Aufwand wir in Sachen Integration betrieben haben, da kommt für mich zu wenig zurück“, meint er mit Blick auf die letzten Wahlergebnisse bei Landtags- und Bundestagswahlen. Er habe damals mit etlichen Leuten gesprochen, „weil ich wissen wollte, ob wir als Gemeinde womöglich etwas falsch gemacht haben“.

Verfechter des Abraham-Lincoln-Prinzips

Und das ist ganz typisch für den Ortsoberen: Er ist einer, den es umtreibt, wenn er sieht, dass etwas im Argen ist – und kümmert sich. Das gilt selbst für viele kleine Dinge, die er eigentlich delegieren könnte, doch der 66-Jährige ist ein erklärter Verfechter des Abraham-Lincoln-Prinzips: „Wenn Du eine hilfreiche Hand suchst, dann schau zuerst am Ende Deines rechten Arms nach“.

Der Einladung zum Hügelsheimer Spargelfest, zuletzt 2019 gefeiert, folgte stets viel Prominenz aus nah und fern.  Foto: Bernhard Schmidhuber

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Der Einladung zum Hügelsheimer Spargelfest, zuletzt 2019 gefeiert, folgte stets viel Prominenz aus nah und fern. Foto: Bernhard Schmidhuber

So war es für ihn eine Selbstverständlichkeit, stets das von den Vereinen getragene Spargelfest alleine zu organisieren oder den Seniorentreff zu leiten. Und es ist ihm immer wichtig gewesen, Bürger zu ihren besonderen Jubiläen und Geburtstagen selbst zu besuchen und bei allen Jahreshauptversammlungen der Vereine dabei zu sein, um seine Wertschätzung zum Ausdruck zu bringen. Lediglich beim Angelsportverein müsse er Abbitte leisten, räumt er ein, da sei er sehr selten gewesen, weil dessen Jahreshauptversammlungen fast immer zeitgleich mit der Feuerwehr stattfanden.

Als er in Hügelsheim vor 24 Jahren beginnt, zählt die Gemeinde 4.400 Einwohner, heute sind es 5.200. „Wir hatten kaum gestalterische Möglichkeiten, weil wir den Erwerb der kanadischen Liegenschaften schultern mussten. Es war eine Riesenherausforderung, die ganze Infrastruktur auf die Beine zu stellen bei einem engen finanziellen Korsett“, denkt er zurück.

„Der Erfolg hat mehrere Väter“

Aber Hügelsheim entwickelt sich gut. Es entstehen Neubaugebiete „Unten an der Landstraße“ und der „Wohnpark am Hardtwald“, „auch wenn dieser schwierig war“, nennt Dehmelt dabei die Stichworte Dienstaufsichtsbeschwerde, Petition und VGH Mannheim. Maßgeblich beteiligt ist Hügelsheim an der Betriebszeitenregelung des Baden-Airports, um dem Lärmschutzbedürfnis der Bevölkerung Rechnung tragen. Mit dem Land Baden-Württemberg wird eine Rahmenvereinbarung für den Polderauslauf geschlossen, die Kommunale Wohnungsbaugesellschaft (Kowo) aufgelöst, und Grundstücke werden zurückgekauft, zählt Dehmelt nur einige Maßnahmen auf. Auch dass die Gemeinde den Baden-Airpark seit Jahren mit Wasser beliefert, stellt er heraus. Es entstehen weitere Einkaufsmärkte, die Kinderbetreuung wird ausgebaut und mit dem Bau des Seniorenzentrums der demografischen Entwicklung der Gemeinde Rechnung getragen. Letzter wichtiger Akt ist die Gründung des Zweckverbands Wasserversorgung Iffezheim/Hügelsheim und der Baubeginn der Direktleitung, mit der die Wasserversorgung gesichert wird. Und dann sorgt noch die Nachricht des Kommunalamts des Landkreises Rastatt in dieser Woche für Freude. Der 24. Haushalt der Gemeinde ist genehmigt. Ein schöner Abschluss. „Ich habe eine sehr schöne Zeit in Hügelsheim gehabt und kann viel vorweisen, was in meiner Amtszeit erledigt wurde. Doch der Erfolg hat mehrere Väter – dazu gehören vor allem der Gemeinderat und die Belegschaft des Rathauses“, betont Dehmelt: „Ich habe sehr gute Mitarbeiter und einen ebenso funktionierenden Gemeinderat gehabt, es war immer ein hervorragendes Miteinander“.

Ehrenbürger in Cartoceto

„Ganz tolle Partnerschaften“ verbinden Hügelsheim mit Cold Lake und Cartoceto, schwärmt der Bürgermeister, der seinen Amtskollegen in Kanada und Italien noch persönliche Abschiedsbriefe schreiben wird. In der italienischen Gemeinde wurde Dehmelt 2005 zusammen mit Mick Hucknall, dem Sänger der weltberühmten Band Simply Red, zum Ehrenbürger ernannt. Spontan sollte er damals eine Rede halten, erzählt er schmunzelnd. Da kam ihm zum Glück der Geistesblitz mit Gianni Rivera, dem italienischen Fußballer, der im Jahr zuvor in Cartoceto geehrt worden war. Er hatte 1970 bei der WM in Mexiko das Siegtor im Spiel Italien gegen Deutschland geschossen – und „ich habe ihm dafür verziehen“. Das sei dann die Schlagzeile in den Gazetten gewesen; „Deutscher Bürgermeister verzeiht Gianni Rivera“.

Langweilig wird es dem 66-Jährigen im Ruhestand nicht werden, auch wenn ein Teil seiner vielen Ehrenämter künftig wegfällt. Vieles sei in Verbindung mit dem Bürgermeisteramt gestanden und ende damit, will er nicht den Eindruck erwecken, er sei einer, der sich um jeden Posten gerissen habe. Und schließlich habe er durch seine Tätigkeit wie etwa im Gemeindetag Baden-Württemberg, (zwölf Jahre stellvertretender, acht Jahre Vorsitzender des Kreisverbands Rastatt) stets Informationen aus erster Hand erhalten, zeigt er den Vorteil auf. Nachfolger in diesem Amt ist nun der Ötigheimer Bürgermeister Frank Kiefer.

Und es bleiben ihm ja noch etliche Wahl- und Ehrenämter erhalten – etwa im Kreistag, im Regionalverband, im KVV, bei der VR-Bank in Mittelbaden, als ehrenamtlicher Richter am Verwaltungsgericht Karlsruhe. Und an der Verwaltungsschule Karlsruhe des Gemeindetags Baden-Württemberg. Dort ist er seit 32 Jahren Dozent im Fach Verwaltungslehre und Mitglied im Prüfungsausschuss. Und dann freuen sich schon drei Enkel auf den Opa, der auch mal wieder angeln gehen will, wie er sich vorgenommen hat. Und er spielt mit dem Gedanken, im Ruhestand eventuell der Imkerei nachzugehen. „Aber das ist wegen Corona noch weit weg“. Er wolle auf jeden Fall noch einmal in beide Partnerstädte reisen und außerdem seine Geburtsstadt Torgelow in Mecklenburg-Vorpommern besuchen, die er noch nicht kennt. Das gilt im Übrigen auch für einen Berg, der quasi vor der Haustür liegt: „Ich war noch nie auf der Hornisgrinde“, macht Reiner Dehmelt ein überraschendes Geständnis zum Schluss.


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