Schopper stellt sich den Schulleitungen

Stuttgart (bjhw) – Die baden-württembergische Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) hat sich mit Schulleitungen zusammengesetzt. Dabei wurde klar: Die alten Probleme sind geblieben.

•Soll laut den Lehrkräften für auskömmliche Arbeitsbedingungen sorgen und wenn nötig auch dafür kämpfen: Kultusministerin Theresa Schopper. Foto: Bernd Weißbrod/dpa

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•Soll laut den Lehrkräften für auskömmliche Arbeitsbedingungen sorgen und wenn nötig auch dafür kämpfen: Kultusministerin Theresa Schopper. Foto: Bernd Weißbrod/dpa

„Fahren auf Sicht klingt immer deppert“, sagt Theresa Schopper (Grüne) in der Diskussion mit Schulleitungen aus dem ganzen Land. Die anwesenden Lehrkräfte haben sich teils digital und teils physisch auf Einladung der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Stuttgart zusammengefunden. Sie erkennen dank Offenheit und Tonlage der Kultusministerin an: Es hat ein neuer Umgang Einzug gehalten.

Die alten Probleme sind geblieben – zu wenig Personal, zu wenig Zeit, zu viel Unterrichtsausfall, Corona –, und durch den Krieg in der Ukraine ist ein sehr großes neues hinzugekommen. Das alles bringe Mehrbelastungen für Schulleitungen und Kollegien, weiß die GEW-Landesvorsitzende Monika Stein. Aufgabe der Kultusministerin sei aber, für auskömmliche Arbeitsbedingungen zu sorgen, „dafür müssen sie kämpfen und streiten, gerade innerhalb der Landesregierung“.

„Wir lassen uns einfach zu viel gefallen“

Es war auch die Stunde der Berichte aus der Praxis. „Ich denke oft“, bekennt die Tübinger Schulleiterin Angela Keppel-Allgaier, „wir lassen uns einfach zu viel gefallen“. 60-Stunden-Wochen seien die Regel, ebenso „emotionale Erpressbarkeiten, weil es ja immer um Kinder und Jugendliche geht, die uns am Herzen liegen“. Der Dauer-Krisen-Modus bestehe seit 2015, „und immer wurden neue Herausforderungen draufgepackt“.

Schopper selber spricht mit Blick auf den Angriffskrieg in der Ukraine von „einem ordentlichen Gepäckstück“, das jetzt noch dazu komme. Michael Hirn, der stellvertretende Gewerkschaftsvorsitzende und Leiter eines Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentrums, hofft auf mehr gesellschaftspolitische Unterstützung im Kampf um bessere Arbeitsbedingungen: „Wir Lehrer erfahren viel Wertschätzung, die sich aber nicht in konkretes politisches Handeln umsetzt.“

Nordbadens Sonderstellung ist passé

Große Hoffnungen kann die erste Grüne an der Spitze des Ressorts mit den größten Kompetenzen, die es in den Ländern im Verhältnis zum Bund überhaupt gibt, nicht machen. Die finanziellen Spielräume sind eng, schon im Haushalt 2022 und trotz Corona konnte die frühere bayerische Landesvorsitzende nicht alle Pläne durchsetzen, die vielen bildungspolitischen Versprechungen des grün-schwarzen Koalitionsvertrags stehen unter Finanzierungsvorbehalt. Vor allem das der sozialindexbasierten Lehrkräftezuteilung, die andere Länder schon umgesetzt haben. Da jedoch vielerorts Personalmangel herrscht, ist Ärger in der Elternschaft programmiert, wenn Stellen nicht an ihre Schule kommen, sondern an den Brennpunktstandort in der Nachbarschaft.

Ein Beispiel ist Nordbaden, die frühere „Insel der Seligen“, wie einer der Redner in der Diskussion sagt. Aber das sei vorbei. Nach den Zahlen aus dem Ministerium sind vom Lehrkräftemangel insgesamt besonders betroffen der Alb-Donau-Kreis oder der Schwarzwald-Baar-Kreis, aber auch Böblingen, Esslingen und Stuttgart, der hohen Mieten wegen. Aber auch im Regierungsbezirk Karlsruhe, sagt ein Sprecher, sei die Versorgungslage inzwischen in verschiedenen Landkreisen angespannt, vor allem im Bereich der Sonderpädagogik, weil größere Lerngruppen gebildet werden müssten. Außerdem unterrichten Lehrkräfte ohne einschlägiges Studium.

Forderung nach langfristiger Planung

Schopper sieht sich in der Verantwortung, verweist aber auch in Anspielung auf ihre Vorgänger und Vorgängerinnen aus SPD und CDU darauf, dass sie „ein Erbe angetreten“ hat. Die Praktiker machen deutlich, dass sie mehr als „Fahren auf Sicht“ verlangen, weil daraus schnell ein „Stochern im Nebel“ werden können. Und Stein verlangt, dass gerade angesichts der tagtäglich ankommenden Kinder und Jugendlichen, „die unsere Unterstützung brauchen“, sich die Politik nicht wieder auf den Mechanismus verlasse nach dem Motto: „Die Lehrer und Lehrerinnen werden es schon schaffen.“ Eines ihrer Beispiele, um die Lage im Land zu beschreiben, stammt aus Freiburg, wo viel Pensionisten wieder unterrichten. Eine unter ihnen ist 78 Jahre alt.

Ihr Autor

BT-Korrespondentin Brigitte J. Henkel-Waidhofer

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Erstellt:
19. März 2022, 08:47 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 45sec

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