Schottergärten in Bühl unerwünscht

Bühl (BNN) – Steine anstelle von grünen Wiesen: Das Anlegen von Schottergärten ist verboten, wenn keine zulässige Verwendung gegeben ist. Trotzdem ist der Bestand gigantisch.

Umstritten: Die Neuanlage von Schottergärten ist in Baden-Württemberg verboten. Der Bestand ist allerdings nach wie vor riesig. Das Foto zeigt ein Beispiel in Bühl. Foto: Ulrich Coenen

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Umstritten: Die Neuanlage von Schottergärten ist in Baden-Württemberg verboten. Der Bestand ist allerdings nach wie vor riesig. Das Foto zeigt ein Beispiel in Bühl. Foto: Ulrich Coenen

Naturschützer sprechen von „Gärten des Grauens“. In Baden-Württemberg stehen die vor dem Aus. Das Land hat bereits am 31. Juli 2020 sein Naturschutzgesetz geändert. „Seitdem stellen Schottergärten keine zulässige Verwendung im Sinne der Landesbauordnung dar“, erklärt Rainer Wehaus, Pressesprecher des Ministeriums für Landesentwicklung und Wohnen, auf Anfrage dieser Zeitung. Neue Schottergärten sind damit verboten.

Weil diese Anlagen sich in den beiden vergangenen Jahrzehnten wachsender Beliebtheit erfreut haben, ist der Bestand allerdings riesig. Daran wird die Novellierung des Gesetzes nichts ändern. „Das Naturschutzgesetz entfaltet nach einhelliger Meinung keine Rückwirkung“, räumt Wehaus ein. Deshalb könnten alle vor dem neuen Gesetz angelegten Schottergärten, die der Landesbauordnung (LBO) entsprechen, nicht rückwirkend verboten werden.

Ob die zahllosen Schottergärten vor der Gesetzesänderung legal waren, ist zumindest fraglich. Wehaus verweist auf die LBO, die fordert, dass nicht überbaute Flächen Grünflächen sein müssen. „Ausnahmen gelten nur, wenn diese Flächen für eine andere zulässige Verwendung benötigt werden, etwa Platz für Mülltonnen oder Fahrradstellplatz“, ergänzt er.

„Klimatisch sind sie eine Katastrophe“

Was seinerzeit eine „anderweitige benötigte zulässige Verwendung“ war, ist laut Wehaus eine Rechts- und Tatsachenfrage des Einzelfalls. „Zuständig sind die unteren Baurechtsbehörden“, sagt er. Das Ministerium will jedenfalls keine Jagd auf Bestands-Schottergärten machen. „Hier setzen wir zuallererst auf Einsicht und Verständnis“, meint Wehaus im Hinblick auf die Eigentümer. „Behördliche Anordnungen sind im Einzelfall möglich. Dies entscheidet die Baurechtsbehörde.“

Damit liegt der Ball im Spielfeld der Kommunen. Bühls Oberbürgermeister Hubert Schnurr (FW) ist kein Freund von Schottergärten. „Ich freue mich, dass das Land die Neuanlage verboten hat“, sagt der gelernte Stadtplaner. „Klimatisch sind sie eine Katastrophe, gestalterisch wenig ansprechend.“

Der Bühler Gemeinderat hat im Zusammenhang mit dem Bebauungsplan Herrenbergstraße in Altschweier 2018 erstmals Schottergärten explizit verboten und „gärtnerisch genutzte Grünflächen“ vorgeschrieben. Trotz der Novellierung des Naturschutzgesetzes will Schnurr auch in Zukunft an dieser Präzisierung festhalten: „Wir werden das Verbot von Schottergärten weiter in alle Bebauungspläne aufnehmen, damit dies bei den Bauherren präsent ist.“

Kurstädte bilden eine Synthese aus Kurarchitektur und Landschaft. Schottergärten stören das Erscheinungsbild Baden-Badens deshalb erheblich. Pressesprecher Roland Seiter spricht von einem „Albtraum für die Artenvielfalt“. Auch das Stadtklima sieht er in Zeiten des Klimawandels gefährdet: „Die Steine erwärmen sich bei Sonnenschein vor allem in Sommer enorm und halten diese Wärme auch über Nacht.“

„Fatal“ füröffentlichen Raum

Markus Neppl, Professor für Stadtquartiersplanung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), nennt die Aneinanderreihung von Schottergärten verheerend. „Der Straßenraum wirkt dadurch größer“, stellt er fest. „Es entstehen riesige Schneisen. Aus städtebaulicher Sicht ist das für den öffentlichen Raum fatal.“ Neppl verweist auf das Vorbild der Vorgärten, die in der sogenannten Gründerzeit in den Städten entstanden sind. „Diese Grünanlagen waren klein, repräsentativ und ein wichtiger privater Beitrag für den öffentlichen Straßenraum“, erklärt er. „Vorgärten sind die Visitenkarte eines Hauses. Sie sagen auch etwas über den Eigentümer aus.“ Leider gebe es heute in Baumärkten Abteilungen, die ein Sortiment zur Gestaltung von Schottergärten bereithielten.

Dietmar Herz ist Landschaftsarchitekt in Baden-Baden. Er nennt Schottergärten schrecklich, fantasielos und brutal: „Selbst auf dem Dorf sieht man diese Anlagen inzwischen, obwohl es dort tradierte Gestaltungsgrundsätze gibt.“ Und weiter: „Früher war der Staudengarten der Stolz jeder Landfrau.“ Stattdessen mache sich heute häufig „Spießigkeit in unverschämtester und destruktivster Form“ breit. Dabei gebe es Alternativen, die pflegeleicht seien.

Ein Verbot der bereits bestehenden Schottergärten hält Neppl allerdings baurechtlich für kaum durchsetzbar. „Wir setzen auf Überzeugung“, sagt Ministeriumssprecher Rainer Wehaus. Die Kommunen sollen nach seiner Vorstellung Anreize zum freiwilligen Rückbau von Schottergärten setzen.

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Zum Thema:

Aus Schottergarten wird Blumenbeet

Ihr Autor

BNN-Redakteur Ulrich Coenen

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Erstellt:
21. April 2022, 10:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 02sec

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