Schreckgespenst wird zum Jockey

Iffezheim (fk) – Baden-Racing: Geisterrennen könnten beim Frühjahrsmeeting im Mai in Iffezheim die (letzte) Chance für den Galoppsport sein.

Ohne Publikum könnten die Galopper beim Frühjahrsmeeting über die Bahn donnern, um durch Onlinewetten wenigsten ein paar Einnahmen zu generieren. Foto: Tuchel/GES

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Ohne Publikum könnten die Galopper beim Frühjahrsmeeting über die Bahn donnern, um durch Onlinewetten wenigsten ein paar Einnahmen zu generieren. Foto: Tuchel/GES

Wenn im Sport von Geisterspielen und -rennen die Rede ist, verbirgt sich dahinter nie etwas Gutes. Und auch für den hiesigen Galoppveranstalter Baden-Racing entwickelt sich diese Formulierung um die übersinnlichen Kräfte zu einem echten Schreckgespenst – die eigene Existenz steht auf dem Spiel. Deswegen ist plötzlich denkbar, was nie denkbar war: Die Strafe, der im Volksglauben böse Geist, könnte zum Retter werden, zu einer positiven Kraft – wohlgemerkt: könnte.

Denn sollte die Coronavirus-Pandemie, sollten die Beschränkungen weiter gelten, könnte in einem mit Geisterrennen ausgetragenen Frühjahrsmeeting die (vielleicht einzige) Chance liegen, den Sport am Leben zu halten. Noch gilt das zwar in den Chefbüros von Baden-Racing als absolute Notlösung – die Hoffnung auf ein normales Meeting mit Publikum, sie ist immer noch da. Doch sie schwindet. Finanziell, das ist kein Geheimnis, steht Baden-Racing ohnehin nicht allzugut da, lebt von Zuschüssen. Ein Komplettausfall des Meetings wäre daher massiv existenzbedrohend. „Wir haben seit Januar praktisch fast keine Einnahmen mehr – auch nicht durch Rahmenveranstaltungen auf dem Bahngelände – nur noch Kosten. Das ist eigentlich jetzt schon keine tragbare Situation mehr“, untermauerte Baden-Racing-Geschäftsführerein Jutta Hofmeister gestern gegenüber dem Badischen Tagblatt den Ernst der Lage.

Ein Frühjahrsmeeting mit Geisterrennen wäre daher für den Patient Baden-Racing schon so etwas wie eine Intensivstation, „aber es würde allen, deren Existenz sich an den Rennsport knüpft, die Möglichkeit eröffnen, zumindest ein bisschen Geld zu verdienen – statt gar keins“, so Hofmeister.

Einnahmen durch Onlinewetten

Dafür sollen die Rennen per Video übetragen werden, und zwar kostenlos. So könne man zumindest über die Onlinewettanbieter Einnahmen generieren. Die dürften aber nur einen geringen Teil dessen bringen, was die Mittelbadener mit einem normalen Meeting umsetzen würden. Iffezheim ist traditionell eine Publikumsbahn. Knapp 60 bis 70 Prozent der Wetteinnahmen werden vor Ort an den Wettschaltern erzielt. Das fällt in diesem Jahr dann genauso weg wie die Eintrittsgelder und wichtige Sponsorengelder.

Hinzu kommt, dass die Onlinewettanbieter in normalen Zeiten eine hohe Provision abziehen – ob sie darauf auch in Coronazeiten bestehen, ist noch nicht geklärt. Doch auch hier gilt wieder: „Ein bisschen Geld ist besser als gar keines.“ Das gilt gerade auch für Jockeys, Trainer und Züchter, die teilweise aktuell überhaupt keine Einkünfte haben. Es bleibt, so Hofmeister, „das Prinzip Hoffnung“.

Fußball als Vorreiter?

Siegerehrungen und dergleichen würden bei einem Geistermeeting den geltenden Abstandsregeln zum Opfer fallen. Die Renntage wahrscheinlich geraffter, das Meeting möglicherweise kürzer. Doch es geht nicht nur um die Einnahmen, es geht auch um die Hochleistungsgalopper selbst. Die Pferde bräuchten neben dem Training auch den Renntrimm. „Die Tiere müssen auch jetzt Rennen laufen, um in der zweiten Saisonhälfte keinen Nachteil zu haben, falls es wieder Rennen gibt.“ Die generelle Absage aller Veranstaltungen in Deutschland gilt seitens des Galoppsportverbandes nämlich erst mal nur bis 20. April. Der in Köln ansässige Dachverband hat es deshalb letztlich auch in der Hand, ob das Iffezheimer Frühjahrsmeeting komplett abgesagt wird. Doch irgendwie nicht nur der. Denn solange das Zugpferd Fußball, solange die Deutsche Fußball-Liga den Spielbetrieb nicht wieder aufnimmt, das Milliardengeschäft um den Ball nicht wieder ins Rollen bringt, sind Veranstaltungen in anderen Sportarten in Deutschland nur schwer vorstellbar.

Was bei einer Absage der Großen Woche passieren würde, will sich bei Baden-Racing im Moment lieber niemand ausmalen. Gleiches gilt für den Dachverband Deutscher Galopp. Das Präsidium erklärte deshalb jüngst stellvertretend für alle Rennvereine: „Auch wir benötigen wie andere mittelständische Betriebe staatliche Hilfen in Form von Kurzarbeitergeld, Krediten und Zuschüssen.“

Der Trainingsbetrieb in den beiden großen deutschen Trainingszentralen Iffezheim und Köln läuft indes weiter. Etwa 3000 Menschen arbeiten in Deutschland Vollzeit im Galoppsport. Nicht wenige davon in Iffezheim.

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Erstellt:
3. April 2020, 22:30 Uhr
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