Dürrenmatt bleibt eine monumentale Größe

Bern/Neuchâtel (sr) – Der Schweizer Dramatiker Friedrich Dürrenmatt prägt auch 30 Jahre nach seinem Tod die deutschsprachige Theaterlandschaft wie kaum ein zweiter. Am 5. Januar 2021 würde er 100.

Selbstportät des Schweizer Schriftstellers Friedrich Dürrenmatt (Wien, 1978) aus der Sammlung Centre Dürrenmatt Neuchâtel. Foto: Handout/dpa

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Selbstportät des Schweizer Schriftstellers Friedrich Dürrenmatt (Wien, 1978) aus der Sammlung Centre Dürrenmatt Neuchâtel. Foto: Handout/dpa

Nicht nur äußerlich war „Fritz“ Dürrenmatt ein Mensch, der Dimensionen sprengt. „Dämonische Gemütlichkeit“ hat ihm sein lebenslanger Freund und Schriftstellerkollege Hugo Loetscher bescheinigt. Der barocke Lebensstil des erfolgreichen Dramatikers ist legendär. Aber auch das Werk, das er hinterlassen hat, ist in seiner Vielfalt ungewöhnlich reich, geprägt von philosophischem Erkenntnisdrang, naturwissenschaftlichem Interesse, persönlicher Skepsis und unbändiger Lust am Fabulieren. Die literarische Welt feiert am 5. Januar 2021 den 100. Geburtstag des „Schriftstellers, Denkers und Künstlers“, wie ihn Ulrich Weber, Kurator des Nachlasses, umreißt. Webers Biografie über den Schweizer Autor aus Bern ist bei Diogenes erschienen, dem Verlag, der noch heute das gesamte Werk Dürrenmatts vorhält und die Longseller regelmäßig in hohen Auflagen nachdruckt.

Erste Erfolge mit „Die Physiker“ und „Besuch der alten Dame“

Die absurden „Physiker“ (1962) sind so aktuell wie zur Zeit ihrer Entstehung, auch „Der Besuch der alten Dame“ wird immer wieder neu auf Theaterbühnen interpretiert, ohne dass der Grundtenor des Stücks altersgrau würde: Es geht um Moral und Geld – ein Thema, das eher noch an Relevanz gewinnt. 1956 war die skurrile Tragikomödie der internationale Durchbruch des Autors, der bis dahin unter fast prekären Umständen mit seiner ersten Frau Lotti, einer Schauspielerin, und drei kleinen Kindern in Basel lebte. Schon 1958 hatte das Stück in New York Premiere. Peter Brook inszenierte „The Visit“ am Broadway damals als erstes Theaterstück eines deutschsprachigen Autors nach dem Krieg. Die erste Fernsehfassung der „Alten Dame“ wurde im selben Jahr vom Südwestfunk Baden-Baden ausgestrahlt.

Dürrenmatt ist nicht nur ein erfolgreicher und bis heute nachklingender Dramatiker, sondern auch ein eigenwilliger Krimiautor, der die Frage von Recht und Gerechtigkeit immer wieder auf frappierende Weise wendet: Der Rühmann-Film „Es geschah am helllichten Tag“ basiert auf dem Roman „Das Versprechen“, den er zuerst als Drehbuch konzipiert und dann als „Requiem auf den Kriminalroman“ überarbeitete – auch aus Enttäuschung über das Filmergebnis. Das Buch wurde später noch mehrfach verfilmt, zuletzt mit deutscher Besetzung von Nico Hofmann und in einer amerikanischen Produktion von Sean Penn. Zu seinen bekanntesten Kriminalromanen zählen „Der Richter und sein Henker“ und „Der Verdacht“.

Das Theater war seine große Leidenschaft

Oft hat Dürrenmatt selbst aktiv an den Filmproduktionen mitgewirkt. Seine eigentliche Welt aber war das Theater. Dürrenmatt zählt immer noch zu den meistgespielten Theaterautoren, bei den deutschsprachigen Dramatikern des 20. Jahrhunderts wird er laut Ulrich Weber nur von Bertolt Brecht übertroffen.

Er inszenierte gerne selbst und überarbeitete seine Texte immer wieder, Theater war für ihn Ausdruck „der unmittelbarsten Lebenskraft“. Mag sein eher einfacher Sprachstil heute gelegentlich überholt wirken, seine Themen sind es nicht. Dürrenmatt wollte nicht die Welt abbilden, sondern Gegenwelten entwerfen, die er sich so grotesk und dystopisch wie nur möglich dachte.

Dabei half ihm sein zweites großes Talent, die Bildende Kunst. Der Schweizer Pfarrerssohn hatte ursprünglich eine Karriere als Maler oder Karikaturist im Sinn, änderte dann aber während des Studiums seine Meinung. Nachdem er seine größten Erfolge bereits als junger Mann geschrieben hatte und dann lange Zeit von Theaterinszenierungen absorbiert war, wandte er sich in der zweiten Hälfte seines Lebens wieder verstärkt der Kunst zu. Nächtelang skizzierte er wie besessen, die Bilder dienten ihm als imaginäre Bühne. „Meine Zeichnungen sind nicht Nebenarbeiten zu meinen literarischen Werken, sondern die gezeichneten und gemalten Schlachtfelder, auf denen sich meine schriftstellerischen Kämpfe, Abenteuer, Experimente und Niederlagen abspielen“, schrieb er dazu.

Die Schweiz sah er als Gefängnis

Heute findet sich sein Bildwerk im Centre Dürrenmatt Neuchâtel, das zehn Jahre nach Dürrenmatts Tod am 14. Dezember 1990 auf Anregung seiner zweiten Frau Charlotte Kerr als Bundesinstitution gegründet wurde, genau dort, wo Dürrenmatt fast 40 Jahre seines Lebens verbracht hat und mit zunehmendem Wohlstand in zwei Häusern und damit – wie er gerne sagte – in einem eigenen Dorf residierte. Dort wurde auch seine Asche beigesetzt.

Für die Schweiz war er nicht immer ein einfacher Bürger, noch bei seinem letzten öffentlichen Auftritt im November 1990 flocht er in eine Laudatio für den Staatspräsidenten und Schriftsteller Vaclav Havel kräftige Schelte ein, indem er dem Freiheitsidol die auf ihren Freisinn so stolze Schweiz als „Gefängnis für Andersdenkende“ darstellte. Dass es danach viele Empörte gab, dürfte dem Provokateur gefallen haben.

Ihr Autor

Sabine Rahner

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Erstellt:
5. Januar 2021, 06:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 13sec

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