Schule setzt Schule voraus

Baden-Baden (wofr) – In seiner Kolumne „Denk-Anstoß“ stellt Wolfram Frietsch philosophische Ansätze und Ideen vor. Dieses Mal geht es um Schule als Ort der demokratischen Wissenskultur.

Die philosophische Kolumne im BT-Magazin gibt alle zwei Wochen einen Denk-Anstoß. Grafik: Fotogestoeber/stock.adobe.com

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Die philosophische Kolumne im BT-Magazin gibt alle zwei Wochen einen Denk-Anstoß. Grafik: Fotogestoeber/stock.adobe.com

Der minimale Konsens von Schule ist Schule. Schule bedeutet, es zuzulassen und auch zu wollen, beschult zu werden. Schule als Einrichtung, verbunden mit der Einsicht in die Notwendigkeit der Beschulung, muss also akzeptiert werden. Darüber sollte Einigkeit bestehen, was Vernunft und Reflexionskraft voraussetzt. Ohne diese Mindestanforderungen ist Schule nicht umsetzbar.

Deshalb müssen wir uns auf die eigentliche Aufgabe von Schule rückbesinnen. Es kann nicht die Aufgabe von Schule sein, Schüler zu erziehen, ihnen einen Ausbildungsplatz zu besorgen oder Schüler so lange in der Schule zu behalten, bis sie nicht mehr schulpflichtig sind. Sehr wohl hat Schule einen umfassenden pädagogischen Auftrag, der vorsieht, Schüler zu begleiten und anzuleiten, damit sie in der Lage sind, ihren eigenen Weg zu gehen. Pädagogik meint eben: Begleitung.

Lehrer können aber kein Elternersatz sein. Sie sind keine Sparringspartner, an denen Grenzen ausgetestet werden. Es obliegt Lehrern nicht, sich Schülern gegenüber behaupten zu müssen. Niemand vermag Schüler zum Lernen zu zwingen, wenn sie das Lern-Angebot nicht wahrnehmen wollen.

Regelübertretungen haben Konsequenzen

Unterrichtsstörungen gehören nicht in den Schulalltag ebenso wenig wie Disziplinlosigkeit, Fragen der Kleiderordnung, Verstöße gegen die Schulordnung oder ein Benehmen, das lediglich auf Konfrontation ausgelegt ist. All das gehört weder in eine Unterrichtsstunde, noch ist es Teil der Schulkultur. Schulkultur ist, Träger von Schule zu sein, und Basis von Erfahrung im Umgang mit Wissenserwerb auf allen Ebenen: körperlich, geistig, seelisch.

Schule bietet eine Lernumgebung an, was nicht bedeutet, diese mit Sanktionen durchsetzen zu müssen. Zur Schule gehören klare Regeln, und Regelübertretungen haben Konsequenzen. Dafür bedarf es der Einsicht und Kenntnis des Regelwerkes. Regelüberschreitungen sind zwar Teil des Schulalltags (geworden), doch sollten sie die Ausnahme bleiben, nicht die Regel. Vergleichsweise halte ich mich als Autofahrer normalerweise an die Verkehrsregeln.

Gerade weil wir in einer Zeit des stetigen Wandels leben, gilt es, beides zu überprüfen, die Rolle des Lehrenden und die Rolle des Lernenden. Engagement und Verantwortung für die Schule, für ein Klassenklima, in dem man sich wohlfühlt, bedarf aller Beteiligten: Lehrer, Eltern und Schüler. Schule ist keine Fabrik, die etwas produziert, sondern verbunden mit Erlebnisqualität, wobei die Betonung auf Qualität liegt. Hier werden wichtige Stunden des Lebens verbracht, die prägen. Schade wäre es, wenn auf diese Chance verzichtet werden müsste, sich auszuprobieren und seine verborgenen Fähigkeiten kennen zu lernen.

Schüler gestalten das große Ganze mit

Schule ist in der Tat eine Chance, erfolgreich zu sein, aber auch scheitern zu dürfen. Hier kann jeder aufgefangen werden. Das setzt aber ein Grundverständnis für das eigene Verhalten und Benehmen voraus. In der Konsequenz bedeutet dies, dass alles in den Blick genommen werden muss: Klassenzimmer, Pausenhof oder Aufenthaltsräume; die Weise, wie Lernstoff vermittelt wird. Hier kann eine demokratische Wissenskultur ansetzen und die Vermittlung des Zulernenden durch Lehrer bestärken, was in einen kommunikativen Prozess münden sollte.

Schulregeln können und sollen verändert und von Schülern mitgestaltet werden. Nicht nur sind sie ein gleichberechtigter Teil eines großen Ganzen: Schüler sind die Schule. Auch Schule ist ein demokratischer Ort, der vom Miteinander aller lebt.

Filmempfehlung: Berlin Rebel High School von Alexander Kleider. 2017

Vor zwei Wochen machte sich Wolfram Frietsch Gedanken über die Philosophie der kleinen Dinge.

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Erstellt:
14. Februar 2021, 10:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 40sec

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