„Schutzstreifen“ für Radfahrer

Gaggenau (tom) – Entlang der Kreisstraße nach Sulzbach führt das grüne Verkehrsministerium einen Feldversuch durch. Das BT fragt seine Leser: Was halten Sie vom „Schutzstreifen“ für Radfahrer?

Auf der Kreisstraße zwischen Sulzbach und Ottenau bleibt den Radlern nur die Hoffnung, dass die Autofahrer Abstand halten. Foto: Gallenberger

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Auf der Kreisstraße zwischen Sulzbach und Ottenau bleibt den Radlern nur die Hoffnung, dass die Autofahrer Abstand halten. Foto: Gallenberger

Viele Fragen haben die Sulzbacher – und bislang keine Antworten. Seit gut zwei Wochen ist der neue Radfahrerstreifen entlang der Zufahrtsstraße in Betrieb: als Test. Mehr wissen auch die Mitglieder des Ortschaftsrats nicht, bestätigt Ortsvorsteherin Josefa Hofmann. Deshalb sollen vor der nächsten öffentlichen Sitzung des Ortschaftsrats Ordnungsamt und Straßenbauamt des Landkreises Rede und Antwort stehen.

Worum geht es? Der Landkreis Rastatt beteiligt sich an einem Modellprojekt, das federführend vom grünen Verkehrsministerium Baden-Württemberg durchgeführt wird. Dabei wurde an der K 3705 zwischen Ottenau und Sulzbach ein „Schutzstreifen“ in Form einer weißen, gestrichelten Linie für Radfahrer angelegt. Die alte Mittelmarkierung wurde komplett entfernt.

Mit dem Modellprojekt soll getestet werden, ob diese neue Art Schutzstreifen das Radfahren außerorts sicherer macht, und die Menschen dazu bewegt werden, aufs Rad umzusteigen. Ähnliche Vorhaben gibt es in weiteren Kommunen des Landes.

Hintergrund: Bisher waren solche „Schutzstreifen“ nicht zulässig. In den letzten Jahren haben sich Pedelecs und E-Bikes, mit denen man auch weite Strecken oder Steigungsstrecken wie Richtung Sulzbach komfortabel zurücklegen kann, etabliert. Dadurch werden Landstraßen zunehmend interessant für den Radverkehr. Nun wird untersucht, ob „Schutzstreifen“ angenommen werden.

Ein richtiger Radweg nach Sulzbach durch Verbreitern des vorhandenen Gehwegs wird seit Jahren gefordert, scheitert jedoch unter anderem an den hohen Kosten und an Grundstücksfragen. Der bestehende Gehweg wird von Radfahrern gern genutzt, dies ist aber nicht erlaubt.

Ausgestaltung. Der „Schutzstreifen“ wurde bergwärts angelegt in Richtung Sulzbach; talwärts ist wie bisher rechts zu fahren, dieser Bereich wird lediglich durch Piktogramme gekennzeichnet, es wird jedoch kein Streifen ausgewiesen.

Die Theorie: „Schutzstreifen“ machen den Radverkehr für die Autofahrer sichtbar: Radfahrer werden auf einer eigenen Spur im Verkehr mitgeführt. Wegen der Streifen sinkt die Geschwindigkeit der Kraftfahrzeuge, selbst wenn keine Radfahrer unterwegs sind, da die Fahrbahn optisch eingeengt wird. Auch Fußgänger sind sicherer unterwegs, denn Radfahrer haben nun ihren eigenen Bereich auf der Fahrbahn und kommen so den Fußgängern auf dem Gehweg nicht mehr in der Quere.

Der „Schutzstreifen“ darf überfahren werden, wenn dort keine Radfahrer unterwegs sind. Dies ist der Unterschied zu einem Radfahrstreifen (durchgezogene Linie): Dieser darf von Autofahrern nicht überfahren werden. Beim Überholen ist der vorgeschriebene seitliche Abstand zum Radler von zwei Metern einzuhalten. Wenn das nicht möglich ist, muss der Kraftfahrer hinter dem Fahrrad herfahren.

Mit Blick auf Abstandsregel und Sicherheit der Radfahrer hat die Stadt angeordnet, dass auf der gesamten Strecke eine Höchstgeschwindigkeit von 70 km/h gilt (bisher 100 km/h).

„Meistens negative Rückmeldungen“ hat Ortsvorsteherin Josefa Hofmann laut eigenem Bekunden bislang bekommen. Die wenigen positiven Meinungen – an einer Hand abzuzählen – „waren von Nicht-Sulzbachern, die es prima finden, dass sie ein wenig sicherer bergaufwärts kommen.“

Ob der Streifen wirklich sicherer ist? Viele Eltern erlauben ihren Kindern nicht, auf dem „Schutzstreifen“ zu fahren, bestätigt Hofmann.

Für viele Eltern ist der Gehweg, obwohl schmal und teilweise wellig, sicherer. Denn er ist eben durch einen Bordstein von der Straße abgetrennt. Kinder, die aus Gaggenau ins Sulzbacher Freibad fahren, radeln lieber über eine andere Strecke hin und auch zurück – denn auch Gaggenauer Eltern wollen nicht, dass ihre Kinder rund 1,7 Kilometer lang schutzlos auf einer Kreisstraße unterwegs sein müssen.

Was halten Sie vom Schutzstreifen?

Seit Ende Juni ist er in Betrieb, der sogenannte Schutzstreifen für Radfahrer auf der Kreisstraße zwischen Ottenau und Sulzbach. Die BT-Redaktion fragt die Kraftfahrer und Radfahrer: Wie stehen Sie zu diesem Projekt? Wie ist Ihre Erfahrung mit diesem Testvorhaben?

Bitte mailen Sie Ihre Antworten an folgende E-Mail-Adresse: redmurg@badisches-tagblatt.de.

Bitte mailen Sie bis spätestens Sonntag, 19. Juli. Wir werden über das Ergebnis der Umfrage berichten.

Rund 2.500 Fahrten jeden Tag

Wie stark ist die Kreisstraße zwischen Ottenau und Sulzbach befahren? Auf BT-Anfrage erläutert Hans Jürgen Lang vom Straßenbauamt in Rastatt: Im Auftrag des Verkehrsministeriums hat die Behörde Zählungen vor Einrichtung der Teststrecke vorgenommen. Ermittelt wurden dabei folgende Werte:

In 24 Stunden sind in beiden Richtungen rund 2.500 Fahrzeuge unterwegs. Da die Kreisstraße – abgesehen von einem Verbindungsweg – die einzige Straßenverbindung nach Sulzbach ist, kann man davon ausgehen, dass täglich pro Richtung die Hälfte der 2.500 Fahrzeugbewegungen erfolgt. Die Spitzenbelastung beträgt rund 130 Fahrzeuge pro Stunde und Richtung.

Im Vergleich mit anderen Strecken

Auf BT-Anfrage nimmt das Verkehrsministerium Stellung:

Nach welchen Kriterien wird der Erfolg/Misserfolg des Testlaufs bewertet?

Folgende Fragen stehen im Fokus der Untersuchungen des Schutzstreifen-Modellprojekts:

Unter welchen Einsatzbedingungen ist die Markierung ein- oder beidseitiger Schutzstreifen zu empfehlen?

Welche Breiten für die Markierung von Schutzstreifen sind unter verschiedenen Einsatzbedingungen geeignet?

Können farbige Markierungen eine Lösung darstellen? Wird das Angebot vom Radverkehr angenommen?

Wie ändert sich das Verhalten der Verkehrsteilnehmer?

Wie wirksam sind die neuen Angebote im Vergleich zum Ohne-Zustand?

Im Modellprojekt werden verschiedene Schutzstreifen im Land getestet. Kriterien für „Erfolg/Misserfolg“ eines einzelnen Streifens lassen sich nicht pauschal benennen, die Ergebnisse werden im Vergleich mit anderen Untersuchungsstrecken beurteilt (zum Beispiel andere Markierungsform auf einer Straße mit ähnlicher Verkehrsstärke oder Neigung).

Kommt der Streifen nach Test-Ende wieder weg?

Das hängt vom Ergebnis der Untersuchung ab. Wörtlich heißt es: „Falls eine konkrete Gefährdung von Verkehrsteilnehmern festgestellt wird, muss der Verkehrsversuch beendet und der Schutzstreifen schon vor Projektende wieder demarkiert werden. Wünschenswert wäre jedoch, dass die Schutzstreifen auch nach dem Zeitraum des Modellversuchs markiert bleiben können.“


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