Schutzstreifen für Radler: Die Kritik überwiegt

Gaggenau (tom) – Seit Ende Juni ist er im Probebetrieb, der „Schutzstreifen“ für Radfahrer auf der Kreisstraße zwischen Ottenau und Sulzbach. Die BT-Redaktion fragte Kraftfahrer und Radfahrer: Wie stehen Sie zu diesem Projekt? Hier die Antworten.

Eine gestrichelte Linie trennt in Richtung Sulzbach den „Schutzbereich“ ab. Dem Radfahrer bleibt die Hoffnung auf vorsichtige Autofahrer – oder der verbotene Gehweg. Foto: Sarah Gallenberger

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Eine gestrichelte Linie trennt in Richtung Sulzbach den „Schutzbereich“ ab. Dem Radfahrer bleibt die Hoffnung auf vorsichtige Autofahrer – oder der verbotene Gehweg. Foto: Sarah Gallenberger

Wir fühlen uns deutlich sicherer

Angelika und Leonard Zilio: Wir sind im Mai von Gaggenau nach Sulzbach gezogen. Wir halten den Schutzstreifen und somit die Anbindung an das Radfahrernetz für hervorragend. Wir nutzen diesen Radweg gerne und fühlen uns deutlich sicherer. Die Möglichkeit, sich umweltbewusst fortzubewegen, wird hier gefördert. Wir wünschen uns, dass dieses Projekt Bestand hat und es viele rücksichtsvolle Mitbürger gibt, die dies unterstützen.

Besser als gar nichts

Michael Ibach aus Sulzbach: Ein erster Schritt zum Radweg? Jedenfalls ein sichtbares Zeichen für die Gleichberechtigung im Straßenverkehr von Auto und Fahrrad. Allein durch die Geschwindigkeitsbegrenzung auf 70 km/h fühle ich mich als Radfahrer sicherer als davor. Darüber hinaus helfen Markierungen und erinnern uns Autofahrer, Radfahrer zu achten. Für mich ist es jedenfalls besser als zuvor, also besser als gar nichts.

Tempo 70 wird nicht eingehalten

Willi Ruschmann: Für gefährlich halte ich diese Verkehrsführung deshalb, da insbesondere in Richtung Sulzbach die Höchstgeschwindigkeit nicht eingehalten wird. Am Ortsausgang von Ottenau beschleunigen die Fahrzeuge so stark, dass auch 100 km/h nicht eingehalten werden. Insbesondere ab 16.30 Uhr. Sonst auf jeden Fall beibehalten.

Das Geld ist rausgeschmissen

Roland und Karin Geisel, Sulzbach: Dieses Projekt ist rausgeschmissenes Geld. Viele Radfahrer fahren trotzdem auf dem Gehweg und es fahren auch nicht mehr Radfahrer als vorher. Man hätte nicht nur die Fahrzeuge, sondern die Radfahrer zählen sollen: Es sind nicht viele. Die Autofahrer hielten auch schon vorher ohne Streifen den notwendigen Abstand zum Radfahrer beim Überholen ein, bei Gegenverkehr konnte man zuvor schon nicht überholen.

•Pilotprojekt: Ein Schild weist auf die „Teststrecke Schutzstreifen außerorts“ hin. Foto: Ulrich Jahn

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•Pilotprojekt: Ein Schild weist auf die „Teststrecke Schutzstreifen außerorts“ hin. Foto: Ulrich Jahn

Gefahr ist größer als der Nutzen

Anja und Mirko Bankovic aus Sulzbach: „Was nicht passt, wird passend gemacht“: Wenn die Mittel fehlen, einen Fahrradweg zu bauen, malt man kleine Fahrräder auf die Fahrbahn und verkauft es den „dummen“ Bürgern als Fahrradstreifen. Und um dem Ganzen die Krönung aufzusetzen, bezeichnet man dies als Teststrecke des Fahrradlandes Baden-Württemberg. Diese Ironie benötigt keines Kommentars!

Sulzbach hat einen Gehweg, der im Jahr von ungefähr insgesamt 50 Fußgängern genutzt wurde. Daher diente er als Radweg, da die Fahrbahn sehr gefährlich ist. Natürlich haben sich die Einwohner immer einen „echten“ Radweg gewünscht, leider fehlen für dieses sinnvolle Projekt die Mittel. Anstatt den Gehweg auf Fahrbahnhöhe abzutragen, etwas zu verbreitern und so zu markieren, dass er für die kaum nennenswerte Anzahl von Fußgängern und für die Radfahrer gemeinsam genutzt werden kann, entwirft man ein Konzept, das geistig nicht nachvollzogen werden kann. Der Streifen nach Sulzbach ist durch Markierungslinie und Fahrräder gekennzeichnet – der Streifen nach Gaggenau nur durch Fahrräder, die Markierungslinie fehlt.

Nun haben wir einen Radstreifen, der mehr Gefahr als Nutzen darstellt. Viele Autofahrer fahren, wenn der Streifen frei ist, nicht auf ihm, sondern daneben – fast komplett auf der Gegenfahrbahn. Die Strecke ist wegen vieler Kurven sehr unübersichtlich, Kollisionen sind vorprogrammiert. Unglaublich, wie unsere Steuergelder verschwendet werden. Wir werden weiterhin auf dem Gehweg fahren und sollte uns im Laufe des Jahres einmal ein Fußgänger begegnen, dann grüßt man sich freundlich und fährt langsam vorbei – hat bis jetzt immer geklappt. Wir sind sehr enttäuscht und verärgert.

Auf dem Rücken der Radler

Joachim Peters, Sulzbach: Allzu weit scheinen die Meinungen über den „Schutzstreifen“ nicht auseinander zu gehen: „Besser als gar nichts“ sagen die einen, „eine halbe Sache“ (weil nur für bergauf Fahrende) die anderen. Dass die Begeisterung sich in Grenzen hält, kann jemanden nicht verwundern, der diese Strecke in den letzten 20 Jahren weit über 4 000 Mal per Rad zurückgelegt hat und deshalb sehr genau weiß, wovon er spricht.

Das Problem geht von rund der Hälfte der Autofahrer aus. Erst am 14. Juli hat mir wieder mal einer bewiesen, dass er mich locker überholen kann, ohne die ehemalige, noch gut lokalisierbare Mittelmarkierung zu überqueren – ohne Gegenverkehr! Würde man alle Autofahrer zum gesetzlich vorgeschriebenen Seitenabstand beim Überholen von Radfahrern befragen und ihnen als Antworten „0,5 m“, „weiß nicht“, „ist mir doch egal“ und „2 m“ anbieten, müsste sich wohl etwa jeder zweite ehrlicherweise für eine der drei ersten Antworten entscheiden.

Wer so rücksichtslos überholt, lässt sich aber von einer gestrichelten Linie nicht davon abhalten – zumal er wegen fehlender Kontrollen fest davon ausgehen kann, nie ertappt und deshalb auch nie bestraft zu werden. So verwundert es nicht, wenn trotz „Schutzstreifens“ die meisten Radler nach wie vor verbotenerweise den Gehweg benutzen, um den Abstand zu solchen Brutalos wenigstens ein bisschen zu vergrößern. Schließlich muss nur, wer lebensmüde ist, lange überlegen, was ihm mehr bedeutet – die eigene Sicherheit oder die Verkehrsregeln.

Fazit: Solange nicht alle Autofahrer ein Mindestmaß an Rücksichtnahme auf schwächere Verkehrsteilnehmer praktizieren, ist der vermeintliche „Schutzstreifen“ nicht einmal „besser als gar nichts“, sondern lediglich ein nutzloses Experiment, ausgetragen auf dem Rücken der Radler. Zwar stirbt die Hoffnung normalerweise zuletzt, doch bei mir ist sie nach Hunderten extrem enger Überholvorgänge mit kaum 30 cm Seitenabstand schon seit Jahren mausetot. Das Einzige, was eine minimale Verbesserung bringt, ist die Geschwindigkeitsbegrenzung auf Tempo 70, an die sich erstaunlich viele halten. Danke denen!

Mehrere Beinahe-Unfälle

Edgar Bittmann, Sulzbach: Für den Versuch wurde eine Straße ausgesucht, die in keiner Weise die Anforderungen für ein belastbares Testergebnis erfüllt: Der Schutzstreifen provoziert, dass Autofahrer in Richtung Sulzbach zur Straßenmitte hin tendieren. Hierdurch kam es bereits zu mehreren Fast-Unfällen – auch bei deutlich unter 70 km/h. Diese Gefahr wird sehr wahrscheinlich nie in einer Auswertung oder Ergebnispräsentation genannt werden. Im Zuge der klammen Kassen sind die sinnlos investierten Kosten für einen solch mangelhaft geplanten Versuch nicht gerechtfertigt! Am Besten sofort zurückbauen, auf Kosten der auftraggebenden Partei.

Sinnvoll bei Tempo 70

Manfred Reufsteck, Gaggenau: Der „Schutzstreifen“ wäre alleine betrachtet wohl ungenügend, wenn hier Autofahrer weiter mit 90 oder 100 km/h an Radfahrern vorbeirauschen könnten. Erst mit Begrenzung auf 70 km/h ergibt sich eine sinnvolle Maßnahme zur Reduzierung der Gefahren für Radler. Nun wird es sicherlich Autofahrer geben, die ihren Anspruch „Freie Fahrt für freie Bürger“ auch hier erhalten wollen und sich gegen Tempobegrenzung wehren. Denen sei empfohlen mal nachzurechnen, welcher Zeitverlust mit 70 km/h gegenüber dem hier üblichen Mittelwert von 90 km/h entstehen könnte: gerade mal 17 Sekunden (zugrundegelegt ist die Strecke von 1,5 km). Im Übrigen sind die Schließzeiten an hiesigen Bahnübergängen ja ein Vielfaches höher.

Also Note 1 für diese Schutzmaßnahme. Noch besser wäre es natürlich, den gleichen „Schutzstreifen“ auf dieser Kreisstraße auch talwärts anzubringen. Die relativ geringe Verkehrsdichte von täglich nur 1 250 Kfz in diese Richtung würde dies zulassen.

Auf der anderen Straßenseite wird mit Piktogrammen auf den Schutz der Fahrradfahrer hingewiesen. Foto: Ulrich Jahn

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Auf der anderen Straßenseite wird mit Piktogrammen auf den Schutz der Fahrradfahrer hingewiesen. Foto: Ulrich Jahn

Ich fühle mich nicht sicherer

Torsten Fritz, Sulzbach: Ich fühle mich auf dem Rad nicht sicherer als zuvor: Die Pkw-Fahrer überholen weiter direkt im Kurvenbereich und wenn dann Gegenverkehr kommt, sind von dem Zwei-Meter-Abstand zu mir als Radfahrer nur noch maximal 50 cm übrig, man muss aufpassen, dass man Richtung Ottenau nicht noch in den Graben gedrängt wird. Das war vorher schon so und ist durch die neuen Aufkleber auf der Straße und die neue auf 70 km/h reduzierte Geschwindigkeit nicht anders.

Richtung Sulzbach ist es etwas besser, da die gestrichelte Linie etwas mehr ins Auge fällt, aber auch hier wird der Abstand von zwei Metern zum Radler nicht eingehalten; da habe ich mich vorher auf dem Gehweg sicherer gefühlt. Auch wenn das „verboten“ war, so ist er durch den Bordstein baulich von der Straße getrennt.

Mit einem normalen Fahrrad fährt man mit 25 bis 40 km/h Richtung Ottenau. In Richtung Sulzbach schafft ein geübter Radfahrer circa zwölf bis 25 km/h. Wenn man nun mit 70 km/h auf einen Radfahrer zufährt und plötzlich bremsen muss, ist das immer noch eine große Geschwindigkeitsdifferenz, und ein entsprechend längerer Bremsweg muss eingerechnet werden. Leider können das nicht alle Autofahrer gleichermaßen gut.

Wenn zwischen Sulzbach und Ottenau über den Tag verteilt zehn Personen zu Fuß unterwegs sind, dann ist das hoch bemessen. In den letzten neun Jahren sind mir dort insgesamt circa fünf Personen entgegengekommen oder in dieselbe Richtung gelaufen. Ich sehe kein Problem darin, kurz anzuhalten und einen Fußgänger passieren zu lassen. Schließlich gibt es von Sulzbach aus weitaus schönere Wege, um zu Fuß nach Ottenau zu gelangen, man muss nicht direkt an einer Kreisstraße entlang laufen.

Hoffentlich passiert nichts

Albrecht und Sigrid Becker: Was man uns als Verbesserung darstellen möchte, ist für Autofahrer, aber vor allem für Radfahrer, eine große Gefahr. Einzig die „Ströme von Fußgängern“, die täglich zwischen Sulzbach und Ottenau unterwegs sind, sind keiner Gefahr ausgesetzt. Radfahrer Richtung Sulzbach können sich in vermeintlicher, aber sehr gefährlicher Sicherheit wiegen, während die in Richtung Ottenau nach wie vor die Kreisstraße benutzen müssen. Wie wir in den vergangenen Tagen mehrfach beobachten konnten, benutzen Radfahrer Richtung Sulzbach lieber nach wie vor den Gehweg, weil sie sich dort bedeutend sicherer fühlen.

Auch wissen manche Autofahrer nicht, dass man den „Schutzstreifen“ befahren darf, sofern kein Radfahrer unterwegs ist. Dies stellt für den Gegenverkehr wiederum eine weitere Gefahr dar. Wir möchten uns nicht vorstellen, was passiert, wenn gleichzeitig ein Radler Richtung Ottenau fährt.

Hier wurden mal wieder sinnlos Steuergelder verschwendet. Hätte man den Gehweg im Zuge der Entfernung der Randplatten bis auf das Maß der jetzigen durchzogenen weißen Markierung verbreitert, könnten sich Radfahrer und Fußgänger den Weg in beide Richtungen teilen. Der Rad-/Gehweg von Gaggenau nach Michelbach hat in etwa diese Breite. Und dort funktioniert dies schon seit Jahren ohne Probleme. Wir hoffen und wünschen, dass diese sehr gefährliche Radweglösung möglichst schnell geändert wird und bis dahin keinem Verkehrsteilnehmer etwas passiert.

Neue Gefahren für Motorradfahrer

Lea Rieger, Sulzbach: Die aufgetragenen Markierungen stellen durch ihre Erhöhung und durch die rutschige Oberfläche eine Gefährdung für motorisierte Zweiräder da. Besonders bei Regen ist die Straße mit einem Motorrad quasi nicht mehr befahrbar. Wenn man den Markierungen ausweichen möchte, fährt man vor allem in Linkskurven unweigerlich im Gegenverkehr.

Da sich die Straße in einem schlechten Zustand befindet, sich an einigen Stellen sehr große Pfützen bilden, ist die Sturzgefahr erheblich erhöht. Mit dem Fahrrad habe ich mich übrigens seither nicht mehr getraut, die Straße zu befahren, und bin lieber ins Auto gestiegen.

Viele fahren lieber auf dem Gehweg

Martina und Hans Rieger, Sulzbach: Diese Art von Radweg ist wenig sinnvoll und sogar gefährlich für alle Verkehrsteilnehmer. Seit der Einrichtung des Schutzstreifens mussten wir Folgendes beobachten:

Vier von fünf Radfahrern nutzen nach wie vor den Gehweg, da ihnen nach eigener Aussage der Radfahrstreifen gefährlich ist. Es gab einen Fußgänger entgegen der Fahrtrichtung, eine Fußgängerin mit Kinderwagen entgegen der Fahrtrichtung auf dem Radfahrstreifen, in ein Gespräch vertieft mit einer weiteren Fußgängerin mit Kinderwagen auf dem Gehweg. Inlineskater und Cityroller auf dem Streifen – mit entsprechendem Platzbedarf und in Folge des schlechten Fahrbahnzustandes in unsicherer Fahrweise.

Die aufgetragenen Markierungen stellen durch ihre Erhöhung und durch die rutschige Oberfläche eine Gefährdung für motorisierte Zweiräder da. Es gibt immer wieder Autofahrer, die die ganze Strecke außerhalb des Radstreifens fahren und dadurch den Gegenverkehr massiv gefährden. Hier wird fahrlässig die Gefährdung der Verkehrssicherheit in Kauf genommen, um Kosten zu sparen.

Gehweg bietet mehr Sicherheit

Bernhard Fischer und Ingrid Kraft, Sulzbach: Wir fahren bei gutem Wetter täglich von Sulzbach ins Stadtzentrum Gaggenau und zurück. Die Entscheider sind nicht die Strecke mit dem Fahrrad gefahren, sondern saßen hinter dem Schreibtisch im Büro.

Die Geschwindigkeitsbeschränkung ist sinnvoll auf dieser kurvigen, unübersichtlichen Straße. Die gestrichelte Linie in der Fahrbahnmitte zu entfernen, dadurch wirkt die Fahrbahn optisch enger. Beide Maßnahmen erhöhen die Sicherheit für alle Verkehrsteilnehmer.

Richtung Sulzbach: Der Fußweg ist mit einem Bordstein getrennt und bietet viel Sicherheit. Nur wenige Fußgänger, sodass er gemeinsam mit Radfahrern genutzt werden kann. Vorschlag: Fußweg etwas verbreitern, Unebenheiten entfernen. Eine gestrichelte Markierung auf der Straße bietet keinen Schutz für den Radfahrer. Die Straße hat nicht die ausreichende Breite für zwei entgegenkommende Fahrzeuge und einen Radfahrer mit Sicherheitsabstand.

Richtung Ottenau: Es sind nur wenige Symbole aufgemalt, sie sind in der Dämmerung schlecht sichtbar. Die Straße wirkt für Autofahrer daher breit. Radler erreichen ohne Anstrengung 40 km/h. Doch böse Überraschung, wenn von hinten ein Auto mit hoher Geschwindigkeit überholt und dann Gegenverkehr von vorne erscheint: Der Radfahrer kann nicht ausweichen, er ist völlig schutzlos. Richtig wären ein Schutzstreifen mit deutlicher Markierung, eine gestrichelte oder durchgezogene Line. Vorschlag: Anzeigetafel für die aktuelle Geschwindigkeit in beide Richtungen aufstellen. Kontrollen durchführen.

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Erstellt:
25. Juli 2020, 17:00 Uhr
Lesedauer:
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