Schweigekilometer auf B500 angedacht

Baden-Baden (sga) – Im Gedenken an die Todesopfer der B500: Mit dem „Schweigekilometer“ will Tobias Gaiser auf die unfallreiche Motorradstrecke auf der Schwarzwaldhohstraße aufmerksam machen.

„Im Herzen“ des Schweigekilometers: Auf dem Parkplatz am Helbingfelsen könnte es künftig die Möglichkeit geben, den verunglückten Menschen ein paar Gedanken zu widmen. Visualisierung: Tobias Gaiser

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„Im Herzen“ des Schweigekilometers: Auf dem Parkplatz am Helbingfelsen könnte es künftig die Möglichkeit geben, den verunglückten Menschen ein paar Gedanken zu widmen. Visualisierung: Tobias Gaiser

Ein sonniger Samstag auf der Schwarzwaldhochstraße: Auf dem Parkplatz am Helbingfelsen ist die Stimmung ausgelassen, man tauscht sich aus: Wahnsinns Strecke. Woher kommt ihr? Motorengeräusche drücken sich durch die dichten Bäume. Dann knallt es. Stille. Das Vorderrad dreht sich noch, doch der Mann liegt reglos am Boden.

„In über 25 Jahren Dienst habe ich schon viel gesehen“, erinnert sich Peter Westermann im Gespräch mit dieser Zeitung an Einsätze, von denen ihn manche bis heute nicht loslassen. Der Leiter der Verkehrspolizei Baden-Baden hat nicht nur einmal an der Tür einer Familie geklopft, um ihnen die wohl schlimmste Nachricht ihres Lebens mitzuteilen

Wenn sich der Winter verabschiedet und die ersten Vögel dem Frühling entgegenzwitschern, herrscht oben im Wald Hochbetrieb. Motorradfahrer pesen die Straße hinauf, wer Lust auf einem Plausch mit Gleichgesinnten hat, legt einen Stopp am Helbingfelsen ein. Tobias Gaiser spricht dabei von einer „Applauskurve“: Der 23-Jährige kommt aus Baiersbronn und hat schon oft beobachtet, wie die großen Maschinen ihren Weg nach dort oben finden. Das habe in ihm die Idee zu einem Projekt erweckt: Für seine Bachelorarbeit hat Gaiser die bekannte Strecke visuell zu einem „Schweigekilometer“ umgestaltet: Eine 1.000 Meter lange Strecke, auf der all denen gedacht werden soll, die die Fahrt auf der Schwarzwaldhochstraße mit ihrem Leben bezahlt haben.

Hofft, dass sein Projekt umgesetzt werden kann: Tobias Gaiser. Foto: Till Pfeffer

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Hofft, dass sein Projekt umgesetzt werden kann: Tobias Gaiser. Foto: Till Pfeffer

Innehalten auf einer Fahrbahn, die von den Behörden als gefährlich eingestuft wird – wie soll das funktionieren? Gaiser liefert den Gedankenanstoß: Auf den 1.000 Metern, die bis dato die meisten Unfallopfer hervorgebracht hat, sollen Verkehrsteilnehmer ihre Geschwindigkeit drosseln, wenn sie den Anfang des „Schweigekilometers“ passieren. Wie das aussehen könnte, zeigt der 23-Jährige in einem Video auf Youtube (zu finden unter „Schweigekilometer“): „Es soll nicht nur ein Schild sein, das einfach so am Straßenrand seht.“ Auf dem Parkplatz am Helbingfelsen, „im Herzen des Schweigekilometers“, fände Gaiser ein Mahnmal für die verunglückten Fahrer schön. Aber er betont auch: „Das soll pietätvoll werden“ und nicht als Ort verstanden werden, an dem jemand als Held dargestellt wird.

Appell an Rücksichtsnahme

Mit seinem Projekt hat Gaiser bereits die Runde gemacht. Zuspruch gibt es unter anderem von dem Landtagsabgeordneten Tobias Wald (CDU): Die Idee habe ihn berührt, weil „an das Verantwortungsgefühl, das Miteinander und die gegenseitige Rücksichtnahme“ appelliert werde: „In der kommenden Woche besprechen meine Kollegin Katrin Schindele und ich das Projekt mit Herrn Staatssekretär Wilfried Klenk vom Innenministerium, dann sind wir hoffentlich schon einen Schritt weiter.“

Dass das Projekt eventuell realisiert werden könnte, findet Westermann, der das Ganze als „einzigartigen Ansatz“, den es in dieser Form „noch nicht in der Region, in Deutschland, vielleicht auch nicht auf der ganzen Welt“ gebe, betrachtet, lobenswert. Er stehe in Kontakt mit Gaiser, „die Gespräche laufen“, auch mit der Stadt Baden-Baden.

Solche Stehlen kann sich Tobias Gaiser zu Beginn der Strecke vorstellen. Visualisierung: Tobias Gaiser

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Solche Stehlen kann sich Tobias Gaiser zu Beginn der Strecke vorstellen. Visualisierung: Tobias Gaiser

Inwiefern sich der „Schweigekilometer“ realisieren lässt, kann das Regierungspräsidium Karlsruhe auf Nachfrage nur bedingt beantworten. Demnach stehe man mit der Stadt im Austausch darüber, „welche Maßnahmen effektiv sein könnten, die gleichzeitig mit dem Straßenrecht vereinbar wären und die Straßenunterhaltung (zum Beispiel im Winterdienst) nicht behindern würden“. Zu beachten sei unter anderem, dass durch Hindernisse am Fahrbahnrand keine zusätzlichen Gefahrenstellen entstehen dürfen.

Bürgermeister Roland Kaiser kann auf Nachfrage bestätigen: Es gebe Anfragen zu dieser Projektidee, was die Genehmigung und Finanzierung betreffe: „Wenn dies beantwortet ist, werden wir uns konkret mit der Umsetzbarkeit beschäftigen.“ Ein Treffen mit der Verkehrspolizei, Gaiser und Motorradfahrern habe es bereits gegeben.

Hat einen schweren Unfall hinter sich: Maximilian Hillert. Foto: Maximilian Hillert

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Hat einen schweren Unfall hinter sich: Maximilian Hillert. Foto: Maximilian Hillert

Einer dieser Motorradfahrer ist Maximilian Hillert. Doch auf die Maschine steigt der 21-Jährige nicht mehr, seit er vor einem Jahr, „es war ein Mittwoch“, einen schweren Unfall hatte: „Ich kann mich nicht mehr an alles erinnern“, erzählt er. Zwei Wochen liegt er danach im Krankenhaus, sitzt zeitweilig im Rollstuhl, braucht fünf Monate Krücken. Seine letzte Operation liegt noch nicht lange zurück. „Es war mehr als knapp“, denn die Ärzte sagen klar: Wäre er ein paar Jahre älter gewesen, hätte er sein Bein verloren.

Auch wenn Hillert sich nicht mehr an den gesamten Unfall erinnern kann, weiß er: „Unnötig auf Gas gedrückt habe ich nicht.“ Überhaupt sei es ihm ein Dorn im Auge, dass so oft von Posern gesprochen wird: „Die gibt es, klar. Aber es gibt eben auch einen Unterschied zwischen denen, die geisteskrank durch die Gegend rasen und denen, die einfach bei schönem Wetter auf dem Motorrad sitzen.“ Den „Schweigekilometer“ unterstütze er, weil es ein anderer Ansatz sei und es nicht darum gehe, „mit dem erhobenen Zeigefinger“ auf jemanden zu zeigen: „Vielleicht öffnet der Schweigekilometer den Blick dafür, vorsichtig zu fahren. Dazu gehört auch Schutzkleidung.“ Und vielleicht ist ein sonniger Samstag dann am Ende auch einfach nur das: ein sonniger Samstag – ohne Unfälle.

Mit Respekt fängt es an

Jahr für Jahr sterben auf der Schwarzwaldhochstraße Menschen. Viele davon saßen auf ihrem Motorrad. Manche davon sind zu schnell gefahren, die meisten werden als Poser beschimpft. Am Ende steht jedoch der Tod, und darum geht es doch: Dass Menschen dort oben ihr Leben lassen mussten und Familienangehörige in tiefster Trauer zurückbleiben. Im Nachhinein einen reglosen Körper auf der Schwarzwaldhochstraße als Poser zu beschimpfen, ist nicht nur geschmacklos. Es fehlt an dieser Stelle auch jener Respekt gegenüber dem Verstorbenen, der doch mehr als selbstverständlich sein sollte. Dass hohe Geschwindigkeiten auf einer solch gefährlichen Strecke dennoch gedrosselt werden sollten, ist Fakt – ohne erhobenen Zeigefinger darauf aufmerksam machen, das verspricht offensichtlich jedoch nicht den großen Erfolg. Mit dem „Schweigekilometer“ könnte Tobias Gaiser es schaffen, den Blick für die vergangenen Tragödien zu weiten und es ermöglichen, im Stillen, mit niedriger Geschwindigkeit den verstorbenen Unfallopfern zu gedenken. Ein einzigartiger Ansatz, der offenbar nicht unrealistisch ist, sondern stattdessen bei der Verkehrspolizei und der Stadtverwaltung auf offene Ohren stößt. Auch das Regierungspräsidium in Karlsruhe befindet sich bereits in entsprechenden Gesprächen, und dass der CDU-Landtagsabgeordnete Tobias Wald unterstützend eingreift, ist ein großes Lob wert. Die Tatsache, dass so viele Menschen, die auch im Stadtbild bekannt sind und durch ihre Meinung etwas bewegen können, gemeinsam an einem Strang ziehen, ist nicht nur berührend, sondern zeigt auch: Wenn jeder etwas dafür tut, derartige Unfälle künftig zu vermeiden, können wir hoffentlich wieder respektvoll miteinander umgehen.


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