Schwierige Arbeitsbedingungen für Physiotherapeuten

Sinzheim/Sasbach (tas) – Weil Physiotherapeuten nicht ohne Körperkontakt arbeiten können, unterliegen sie strengen Hygienevorschriften. Doch die Krankenkassen beteiligen sich nur wenig an den Kosten.

Physiotherapeuten sind bei ihrer Arbeit derzeit auf die klassischen Verordnungen der Ärzte angewiesen. Foto: Klose/dpa

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Physiotherapeuten sind bei ihrer Arbeit derzeit auf die klassischen Verordnungen der Ärzte angewiesen. Foto: Klose/dpa

Der Gang in die Selbstständigkeit kam mitten in der Pandemie. Doch anders als Gastronomen und stationäre Einzelhändler hat Markus Boos im Moment gut zu tun. Im November hat er seine eigene Praxis in Sasbach eröffnet – bereut hat er das bis heute nicht – trotz Corona.
„Ich hätte das Projekt nicht gestartet, wenn Gesundheitsminister Spahn die Branche nicht als systemrelevant eingestuft hätte“, sagt der 35-Jährige. Zudem sei auch die Nachfrage nach Behandlungen vorhanden. Während viele Menschen im ersten Lockdown noch verunsichert gewesen seien und Arzt- und Physiotherapiepraxen mieden, habe sich die Lage im zweiten Lockdown normalisiert. „Allein vergangenen Mittwoch haben neun Patienten neue Termine vereinbart – an einem Tag, an dem es eigentlich sehr ruhig ist“, sagt Boos.

„Damit werden die Kosten nicht gedeckt“


Einnahmeausfälle muss der Therapeut aber trotz allem verkraften. Wie in vielen Praxen üblich, hat auch Boos Tausende von Euro in einen mit Trainingsgeräten ausgestatteten Bereich investiert, den er derzeit nur sehr eingeschränkt nutzen kann. Denn freies physiotherapeutisches Training darf er aufgrund der Corona-Beschränkungen nicht anbieten. Auch das Präventionsprogramm der Krankenkassen ist davon betroffen. Und externe Anbieter, die seinen Raum für Kurse nutzen wollten, kommen auch erst einmal nicht.

Im Bundesdurchschnitt machen Selbstzahlerleistungen etwa zehn Prozent der Einnahmen von Physiotherapiepraxen aus, heißt es vom VDB-Physiotherapieverband mit Sitz in Berlin. Diese Einnahmen sind im Moment komplett weg. Haben die Praxen ein Fitnessstudio angeschlossen, liegt der Ausfall entsprechend höher. Was den Physiotherapeuten als Einnahmequelle bleibt, sind also die klassischen Verordnungen der Ärzte und damit das aus Sicht der Mediziner Notwendige.

Bei ihrer Arbeit müssen sich die Physios an strenge Hygieneauflagen halten. „Hand- und Flächendesinfektion gehörte immer zum Berufsalltag“, sagt VDB-Sprecherin Daniela Driefert. Nun komme – je nach Einsatzgebiet und -ort – auch noch das Tragen von FFP2-Masken, Brillen, Schutzanzügen oder Handschuhen hinzu. „Allerdings lassen aktuell notwendige Hygienematerialien zum Schutz von Patienten und Mitarbeitern die Betriebskosten einer Praxis erheblich ansteigen.“

Die Kassen steuern zwar eine sogenannte Hygienepauschale bei, allerdings sind pro Verordnung lediglich 1,50 Euro vorgesehen, „egal, ob der Patient sechs oder 20 Behandlungen vom Arzt verschrieben bekommen hat“, gibt Driefert zu bedenken. „Damit werden die Kosten nicht gedeckt.“ Wenn der Therapeut im Fachhandel ein einigermaßen günstiges Angebot findet, kann er sich für die Kassenpauschale also genau eine FFP2-Maske kaufen. „Was die Logik der Vergütungen angeht, stehen die Physiotherapeuten im Gesundheitssystem eher an letzter Stelle“, sagt Boos. Zur Einordnung: Mediziner können bei jedem einzelnen unmittelbaren Arzt-Patientenkontakt eine Hygienepauschale in Höhe von 6,41 Euro abrechnen.

Über die aktuelle Lage beschweren will sich Physiotherapeut Martin Schlageter trotzdem nicht. „Das wäre Jammern auf hohem Niveau. Natürlich wäre es toll, wenn morgen ein Lkw vorbeifährt und uns Masken liefert, aber wir kommen gut durch, haben etwas zu tun und verdienen im Vergleich zu anderen noch Geld.“

Schlageters Praxis in Sinzheim ist auf Sport-Physiotherapie spezialisiert. In diesem Bereich gibt es für ihn derzeit deutlich weniger zu tun. Der Spielbetrieb der Amateurmannschaften ruht, und auch bei den Freizeitsportlern, beispielsweise bei Skifahrern, gebe es im Moment deutlich weniger Verletzungen, die behandelt werden müssen. „Wir haben trotzdem Wartezeiten wie noch nie“, sagt Schlageter. „Viele Menschen haben jetzt Zeit, um lang geplante Operationen, beispielsweise bei einem Meniskusschaden, durchführen zu lassen.“ Nach einer solchen OP ist Physiotherapie obligatorisch.

„Therapeuten fehlen an anderer Stelle“


Schwieriger wird es derzeit bei der Behandlung von Patienten in den Pflegeheimen. In die meisten Einrichtungen kommen auch Physiotherapeuten nur mit Schnelltest rein, doch den Aufwand scheuen viele. „Die Therapeuten warten meist 45 Minuten bis zum Ergebnis. Die zusätzliche Arbeitszeit wird nicht von den Krankenkassen bezahlt, zudem fehlen die Therapeuten in dieser Zeit an anderer Stelle“, sagt Verbandssprecherin Driefert. „Aus diesem Grund mussten einige Praxen die Heimbesuche einstellen.“


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